Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Entfesselung der wildesten nationalen Leidenschaften aber hat die Kraft und Arbeitsfähigkeit des Parlamentes fast vollständig vernichtet. Die Mühle klappert, aber sie mahlt nicht mehr. Im Grunde genommen ist Oesterreich auch kaum der Form nach noch ein konstitutioneller, sondern im Wesen ein absolutistisch regierter Staat. Und absolutistisch nicht im friderizianischen oder josefinischen, sondern im schlechtesten Sinne des Wortes. Man taumelt von Verlegenheit zu Verlegenheit; von einem „Gffrett" zum andern, man kleistert und flickt, inan „wurstelt" sich fort. Das ist die Bilanz einer fünfundzwanzigjährigen Herrschaft des Antisemitismus in Oesterreich: Verdummung und Verarmung der Bevölkerung, erschreckender Tiefstand der öffentlichen Moral, Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft, Vernichtung des freien Bürgersinnes, wirtschaftlicher Krieg zwischen den einzelnen Klassen und Ständen, unversöhnlicher Haß der Nationalitäten gegeneinander, Verfall - des Parlamentarismus, Gleichgültigkeit gegen den allmählichen Verlust der Volksrechte. In einem Schlußartikel soll untersucht werden, wie die Juden Oesterreichs diese fünfundzwanzigjährige Verfolgung und Bedrückung überdauert haben. Seite 28 bis 32 werden die Wohlfahrtseinrichtungen der jüdischen Gemeinde: die Armen-, Fürsorge-, Waisenkommissionen und die zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Juden kurzgeschildert; aus dem Register (unter den Stichworten israelitisch und jüdisch) ersieht man, daß an vielleicht hundert Stellen von jüdischen Anstalten, Unterstützungs- und Wohlfahrtsvereinen die Rede ist. Bei jedem einzelnen Verein wird in kleinen Abschnitten: Kapital, Verwaltung, Zweck, häufig auch Kurator und Bedingungen angegeben. Mit dieser unendlich reichhaltigen Zusammenstellung von Vereinen und Einrichtungen, die ausschließlich jüdischen Zwecken dienen, ist die Beteiligung der Juden jedoch keineswegs zu Ende. Man braucht im Register oder beim Durchblättern des Buches nur die Namen anzusehen, um zu erkennen, wie unendlich viele Stiftungen allgemeiner d. h. nicht ausschließlich für Juden bestimmter Art von Juden herrühren. ohne daß die Gelder jüdischen Zwecken dienstbar gemacht werden. Unter den zwölf Stiftungen bei der Korporation der Kaufmannschaft rühren nicht weniger als acht von Inden her; ähnlich ist das Verhältnis bei den Stiftungen, die der Handelskammer unterstehen, oder denjenigen, die selbständig den Interessen der Kaufleute dienen. Das Ganze ist ein ungemein nützliches Merk, das ein treffliches Zeugnis von dem Wohltätigkeitssinn der Berliner im allgemeinen und der Juden im besonderen ist. L. G. ' ^8- Literarische Mittrilungm. Ein deutscher Professor in derSchweiz. Nach Briefen und Dokumenten im Nachlaß ihres Gatten von Nahida Lazarus. Berlin, F. Dümmler. 3.20 Mark (4.70 Mark). Einige Wochen nach dem 60jährigen Jubiläum der Berufung von M. Lazarus nach Bern (23. März 1910) erscheint die Anzeige dieses höchst stimmungsvollen Buches. Handelt es auch wenig von Juden und jüdischen Dingen, so ist seine Erwähnung in diesen Blättern wohl am Platze, weil es Kunde gibt von der ganz eigenartigen Stellung, die ein deutscher Professor, der den Juden nie verleugnete, während seiner Lehrtätigkeit an der Schweizer Hochschule einnahm. Denn er gewährte nicht bloß als Lehrer seinen Schülern mächtige Anregung, er war nicht bloß seinen Kollegen ein hochgeschätzter Genosse, sondern er war der Mittelpunkt des geistigen Lebens, Träger des idealen Gedankens. Das wird uns, vielfach mit Lazarus Worten, an der Hand und unter Mitteilung vieler an ihn. gerichteter Briefe so lebensvoll mitgeteilt, daß wir ein reiches, von schönsten Erfolgen begleitetes Dasein wieder vor uns.aufleben sehen- Wir freuen uns an dem Manne, der so ganz der Unsere war und danken der pietätvollen Herausgeberin für die Mitteilung dieses köstlichen Schatzes. Ludwig Geiger. * Heinrich Heine, noch ein Denkmal von Karl Krahl, Riga. Georg Neuner. Der Verfasser ist ganz sympathisch für Heine gesinnt. Allerdings tritt er für Platen als Dichter ein und verwirft Heines „Bäder von Lucca" als ein obszönes Produkt. Einigermaßen ausführlich setzt er Heines Stellung zur Politik und Religion und seine literarische Bedeutung auseinander. Einen wirklichen Gewinn für die Heine- Literatur bedeutet das Schriftchen (36 Seiten) nicht; nur als Symptom einer gesunderen Auffassung von Heines Persönlichkeit und Tätigkeit ist es freudig zu begrüßen. ■ * Die Wohlsahrtseinrichtungen von Groß-Berlin nebst einem Wegweiser für die praktische Ausübung der Armenpflege in Berlin. Ein Auskunfts- und Handbuch, herausgegeben von der Zentrale für private Fürsorge. Vierte, neu bearbeitete und vermehrte Auflage. Berlin. Verlag von Julius Springer, 1910. Dieses Werk leistet für die Wohltätigkeitsanstalten Berlins das, was bei der Besprechung des englischen Jahrbuches als wünschenswert bezeichnet wurde. Im sechsten Abschnitt des ersten Teils, Sprechssal. ssn dem Aufsätze des Herrn Berns). Münz: „Zu Goethe und die l) Juden" in Nr. 19 dieses Blattes S. 2.25, der von einer kleinen Schrift des Prager Arztes Dr. Hermann Lövy über Goethes Farbenlehre handelt, finde ich eine so wortgetreue Uebereinstimmung mehrerer Sätze mit meinen eigenen in meinem Beitrag „Goethe als Naturforscher" zu Bielschowskys „Goethe. Sein Leben und seine Werke" (Bd. II S. 412-461), daß ich nicht umhin kann, sie gegenüberzustellen. ' Ich bezeichne die Sätze des Herrn Münz mit M., die meinigen K. S. 446. mrt K. M. S. 225 Sp. 1: Wir müssen sie (die Farbenlehre) als eines seiner Lebenswerke im höchsten Sinne bezeichnen. Keine Schöpfung seines Geistes hat er mit innigerer, zärtlicherer Liebe gehegt- und erstellt sie weit über seine dichterischen Werke. Und als er sie, die ihm wie eine „unabtragbare Schuld" auslag, nach unablässiger und mühevoller Tätigkeit endlich fertig abgeschlossen in seinen Händen hielt, gestand er, daß es ihn nicht reue, diesen Arbeiten so viel Jeit geopfert zu haben. „Ich bin dadurch zu einer Kultur gelangt, die ich mir von anderer Seite schwerlich verschafft hätte." Sp. 2. Wie treffend er (Lövy) die einzigartige Persönlichkeit Goethes erfaßte, die im letzten Grunde auf der innigen Harmonie seiner Naturforschung und seines Kunstlebens beruht. . . . Meinen oder auch nur Münz nicht. Berlin. 13. Mai 1910. Als ein Lebenswerk Goethes im höchsten Sinne müssen wir die Farbenlehre bezeichnen.... Keine Schöpfung seines Geistes hat er mit innigerer Liebe umwoben, und wenn wir recht unterrichtet sind, so stellt er sie weit über seine Dichterwerke.... Und als er das Werk, das ihm wie eine „unabtragbare Schuld" auflag, endlich in seinen Händen hielt, gestand er, daß es ihn nicht reut, diesen Arbeiten „so viel Zeit aufgeopfert zu haben. Ich bin dadurch zu einer Kultur gelangt, die ich mir von einer andern Seite her schwerlich verschafft hätte." S. 412. Das Einzigartige der Persönlichkeit Goethes beruht im letzten Grunde auf der innigen Harmonieseiner Naturerforschung und seines Kunstlebens. Bielschowskys Namen nennt Herr Prof. Dr. S. Kalischer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin. iiiüi