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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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ansangen müsse, und jeder sich selbst der Nächste sei. Praktisch gestaltet sich nun die Anwendung dieser Lehre so, daß alle Schlechtigkeiten, die man mit Unrecht den Juden nachsagt, von den Antisemiten wirklich begangen wurden. Nicht nur den verhaßten Juden, .sondern auch seinen lieben christlichen Mitbürger zu hintergehen, zu benachteiligen, ihn aus seinem Erwerbe zu verdrängen und sich cm seine Stelle zu sehen, galt für — christlich-sozial. Ein Krieg aller gegen alle entbrannte. Die neue Gewerbeordnung begünstigte ihn. Die Gastwirte bestritten den Greislern das Recht, Flaschenbier zu führen, die Täschner stürmten gegen die Sattler und Riemer, die Feinbäcker gegen die Schwarzbäcker, die Schneider gegen die Konfektionäre, die Schuhmacher gegen die Schuhfabriken, die Fleischhauer gegen die Fleischselcher, die Dürrkräutler gegen Apotheker und Droguisten, die seßhaften Gewerbe gegen die Wandergewerbe, die Detaillisten gegen die Grossisten und sie alle zusammen gegen die Reisenden, die Hausierer und die Warenhäuser. Die Befähigung für die Ausübung öffentlicher Mandate wurde nach einem neuen Wertmesser beurteilt Nicht Wissen, Erfahrung und Gesinnungstüchtigkeit waren entscheidend, sondern der stumme Gehorsam. Dr. Lueger erfand die Theorie von den Barrierestöcken, und ein Führer der Christlich-Sozialen manifestierte die Bildungsfeindlichkeit der Partei durch den in klassischem „Majoritäts-Deutsch" geprägten parlamentarischen Ausspruch: „Wann aner a Büachl lest, dös Hab" i scho gffressen? Professoren, Advokaten, Aerzte und Lehrer wurden verhöhnt und zu Volksfeinden gestempelt, das Ansehen der obersten Gerichts- und Verwaltungsbehörden, wenn deren Entscheidungen den antisemitischen Forderungen nicht entsprachen, vor. der Oeffentlichkeit herabgewürdigt. Im Miener Rathause feierte die Korruption schamlose Orgien. Der erste christlich - soziale Bürgermeister, der als Platzhalter Luegers gewählt worden war,' blieb nur ein Jahr im Amte. Er war ein unbemittelter kleiner Papierhändler. Als er vom kurulischen Stuhl Herabstieg, besaß er einVermögen von zwei Millionen Kronen. Der Referent für die niederösterreichischen Wohlfahrtsanstalten war ein Zimmermalergehilfe. Als er — nicht ganz — sein Referat abgab, mußte ein Nachtragskredit von zehn Millionen Kronen für den Bau der Landesirrenanstält bewilligt werden. Ein Hotelbesitzer war dem wirtschaftlichen Ruine nahe. Da teilte man ihm den Pferdeeinkaus für die Stadt zu und in wenigen Jahren war der Mann nicht nur rangiert, sondern zählte zu den Krösussen der Partei. Ein christlich-sozialer Parteigänger errichtete eine Brauerei, die alljährlich ein steigendes Defizit aufwies. Die Gemeinde übernahm das Unternehmen zu einem unverhältnismäßig hohen Preis und hat bisher über drei Millionen Kronen zugeschossen. Wenige Tage nach dem Tode Dr. Luegers hielt der Budgetreserent des Gemeinderates eine Rede in welcher er aus die Bereicherung fast aller Parteiführer hinwies und das geflügelt gewordene Wort gebrauchte, daß nahezu alle Genossen der Partei zum Gott „Nimm" beteten. Dieser Bereicherung der Führer steht die ungeheure Verschuldung der Stadt und die unerträglich gewordene Verteuerung aller Artikel des täglichen Gebrauches gegenüber. Während der Herrschaft ^der christlich-sozialen Partei ist der Schuldenstand der Stadt Wien um rund eine Milliarde Kronen gestiegen, und um eine Erhöhung der direkten städtischen Zuschläge zu vermeiden, hat man zur Erhöhung aller indirekten Abgaben, der Biersteuer, der Tramwayfahrpreise usw. greifen müssen, die naturgemäß die Unbemittelten zumeist belasten. Was man dem Gewerbestand mit der einen Hand gab, hat man ihm mit der anderen Hand dreifach genommen. Ueberdies aber hat man die Wiener Stadtbevölkerung einem geradezu beispielslosen Beutezug der niederösterreichischen Bauern preisgegeben. Zur Erhöhung ihrer politischen Machtest die Wiener Rathauspartei auf das flache Land hinausgegangen und hat sich mit dem bewährten Mittel unbeschränkter Verheißungen die Bauernschaft geködert. Der Bauer aber ist aus härterem Holze als der gemütsreiche Wiener. Die braven Landleute bestanden auf ihren Schein und setzten im Landtage, wo sie den städtischen Vertretern gegenüber die Mehrheit bilden, ganz exorbitante Begünstigungen aus Kosten des Landesbudgets durch. In diesem Budget zahlt aber die Gemeinde Wien nicht weniger als , 34 Prozent. Alle Zuwendungen an die christlich-sozialen Bauern gingen demnach ans dem Säckel des Wiener Steuertrichters. Daran nicht genug, eröffneten die Agrarier durch das Emportreiben der Preise für Körnerfrüchte, Mehl und Milch, durch die erzwungene Absperrung der Grenzen gegen die Vieheinfuhr aus Rumänien und Serbien, durch Abschaffung des preisregulierenden Getreideterminhandels und andere, auch im Deutschen Reiche wohlbekannte Mittel einen förmlichen Aushungerungskrieg gegen die städtischen Bevölkerungen. Viele Jahre lang wurde in Wien ein internationaler Saatenmarkt abgehalten, welcher die österreichische Reichshauptstadt zum Mittelpunkte des europäischen Getreidehandels machte. Die Christlich-Sozialen verlangten das Verbot dieses Saatenmarktes mit dem Ruse, daß man „alle Körneljuden in der Donau ersäufen solle" und die schwachmütige Regierung gab nach. Schritt für Schritt wurden Handel und Wandel, Industrie und Gewerbe in ihren Wurzeln angegriffen, wurde der Vorteil einzelner wirtschaftlicher Interessengruppen auf Kosten der Gesamtheit gefördert, und die Folge davon ist die Anhäufung eines ungeheuren Proletariats in den Städten und die fortschreitende Verarmung des bürgerlichen Mittelstandes. Solange Dr. Lueger lebte,' hielt trotz aller inneren Risse und Sprünge seine ungeheure Autorität die Partei fest zusammen. Aber schon jetzt, wenige Wochen nach seinem Tode, tritt der Gegensatz zwischen städtischen und ländlichen Interessen, der Widerstreit zwischen jenen, die das Schwergewicht auf die sozialen Bestrebungen der Partei, und jenen, die es auf die Betonung des christlich-religiösen oder besser gesagt: klerikalen Standpunktes legen, nackt und grell zutage. Und die Zerklüftung ist bereits so weit gediehen, daß man sich über die Person des neuen Bürgermeisters nicht zu einigen vermochte und daher einen Strohmann an seine Stelle setzte, daß der Nachfolger Luegers in der politischen Parteiführung bei den eben stattgefundenen Gemeinderatswahlen nur mit knapper Not einer Niederlage entging und daß in einem Wahlbezirke der vom gesamten christlich-sozialen Generalstabe empfohlene Kandidat — es war der berüchtigte Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" — in der Minderheit blieb. Der Zersetzungsprozeß der christlich-sozialen Partei hat begonnen, mit ihr unddurch sie aber ist das ganze Bürgertum derart zersetzt und zerfressen, daß heute noch jeder Ansatz zur Bildung einer neuen Partei, die in absehbarer Zeit die Erbschaft übernehmen könnte, fehlt. Und das gleiche Bild trostloser Verheerung bietet ganz Oesterreich. Der Rassenhaß, zu dessen Trägern sich zuerst die Deutschen gemacht haben, ist zum Unheil ihrer selbst und des gesamten Staates geworden. Aus ihrer einst führenden Stellung verdrängt, in sich gespalten und vom Antisemitismus zermürbt, bieten sie im Spiel der parlamentarischen Kräfte der Regierung keinen festen Stützpunkt mehr, und ihr Schicksal beginnt schon ein weit trübseligeres zu werden als jenes der von ihnen abgestoßenen Juden. Die

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