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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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- 250 - einigen Jahren entstand das Bedürfnis, die Synagoge in Lissa umzubauen, den Friedhof zu erweitern, die Predigerhalle auszubauen und einzurichten und ein Friedhofswärterhaus neu zu erbauen. Das machte der Gemeinde große Sorge, weil sie nicht unerheblich belastet war und weil die Abwanderung der Juden auch in Lissa in größerem Umfange Matz gegriffen hatte und noch immer im Fluß war. Namentlich .war die Besorgnis groß, daß bei einer weiteren Abnahmeder Seelenzahl die künftige Generation allzustark belastet werden würde. Ich habe nun einen Finanzplan aufgestellt und verschiedene Maßnahmen zur Durchführung gebracht, die es ermöglichten, alle die Bedürfnisse der Gemeinde (mit einem Kostenaufwand von etwa 150 000 Mark) zu befriedigen, ohne daß die Steuerzuschläge erhöht zu werden brauchten. Die nächste Generation wird alle Gebäude im besten Bauzustande vorfinden und dabei vollständig schuldenfrei sein, da das aufgenommene Darlehen in 25 Jahren getilgt sein wird. Mit diesem Darlehen ist auch eine alte Schuld der Gemeinde — Darlehen aus verschiedenen Legaten — beseitigt worden. Die Einzelheiten des Finanzplanes dürften nicht interessieren. Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" hat über mich Notizen gebracht: 1900 anläßlich meiner Wahl als Abgeordneter, 1909 anläßlich meiner Silberhochzeit. Bei Gelegenheit der letzteren hat die Stadt mir ein Bild überreicht, das alle Stätten, in denen ich wirkte und alle Errungenschaften, die ich für die Stadt erwirkt habe, darstellt. Einzelnes dürfte das große Publikum nicht interessieren. Ich bin in der Hauptsache ein treues Kind meiner Vaterstadt und meiner Heimatsgemeinde. Mein Sinnen und Trachten ist ihrem Wohle gewidmet. Die größte Freude meines Lebens ist stete Arbeitstätigkeit. Je mehr ich arbeite, desto wohler fühle ich mich. Ich glaube auch sagen zu können, daß mir und meiner Familie niemand einen Mangel an Bodenständigkeit vorwersen kann. Wolff. Dir Iudrnkrsge in Nrltrrrrich?' Von Siegfried Fleischer. IV. Die Rückwirkungen des Antisemitismus auf Staat und Gesellschaft. enn es in dem polyglotten Oesterreich eine Klasse von Staatsbürgern gibt, die nichts als österreichisch ist, so waren und sind es die Juden. Alle anderen Volksstämme sind nur bedingt staatstreu, nur so weit der Staat ihren *) Siehe Nr. 1, 10 und 15 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums". . sprachlichen, politischen und kulturellen Ansprüchen noch über die bestehenden Gesetze hinaus nachgeben will. Die Juden wollen nichts als die gleichmäßige Anwendung dieser Gesetze, die Durchführung der verfassungsmäßigen Rechtsgleichheit. Vielleicht ist es die Erkenntnis dieser absoluten Staatstreue der jüdischen Bevölkerung, was die Etablierung eines eigentlichen Staatsantisemitismus in Oesterreich verhinderte. So sehr auch die mächtigsten Faktoren des Staates: Kirche, Adel und selbst höfische Kreise dieser Bewegung ihre starken Arme geliehen haben, die im josefinischen Geiste herangebildete Bureaukrätie hat ihr — von Galizien abgesehen — bisher erfolgreichen Widerstand geleistet und selbst in der Armee begann der Judenhaß erst in den letzten Jahren einzudringen. Im Gegensätze zu Preußen zählt das österreichische Heer — wie ja auch in diesen Blättern schon nachgewiesen wurde — zahlreiche jüdische Truppenoffiziere, im aktiven Dienste viele jüdische Stabsoffiziere und bis vor kurzem auch noch zwei jüdische Generäle. Im staatlichen Zivildiensteist zwar seit geraumer Zeit die Tendenz bemerkbar, den Zutritt der Juden einzuschränken und namentlich den Justizdienst von jüdischem Nachwuchs freizuhalten, aber immerhin gibt es noch Hunderte jüdischer Richter, und ihrem Avancement zu Landesgerichtsräten und Obergerichtsräten steht bei besonderer Tüchtigkeit nichts im Wege. Die konfessionelle Vorurteilslosigkeit der innerösterreichischen Verwaltung tritt insbesondere in der korrekten und. dem Gesetze entsprechenden Erledigung l,von Beschwerden über Willkürakte und Gesetzwidrigkeiten gegen Juden zutage. Auf einer Reise durch Galizien hat der vormalige Ministerpräsident Dr.A.Koerberein scharfgespitztes Wort gesprochen. Er tadelte „die listige Auslegung des Gesetzes" durch die polnischen Beamten, und er hat damit vor allem die im Osten geläufige Umgehung der Gesetze zuungunsten der Juden gemeint. Diese Mahnung von oberster Stelle beweist die Unbefangenheit der Zentralbehörden, und wenn auch unter den Nachfolgern Koerbers der politische Einfluß der Christlichsozialen gestiegen ist, so kann doch im allgemeinen behauptet werden, daß die Rechtsgleichheit den Juden gegenüber gewahrt, und wo sie durchbrochen wurde, wiederhergestellt wird. Anders stellen sich die Wirkungen der Judenhetze auf die bürgerliche Gesellschaft, und zwar in Hinsicht auf die politische und allgemeine Moral und ajif die ökonomische Entwicklung dar. Die Kämpfe, die wir in den vorhergehenden Artikeln schilderten, haben eine ganz erschreckliche Verrohung und Verwilderung des Volkscharakters zur Folge gehabt. Da speziell die Wiener Bewegung von Jesuiten ausgegangen ist, hat sich jesuitische List und Hinterhältigkeit tief in das einst so reine Wiener Volksgemüt eingefressen. Von der Kanzel hatten Geistliche gepredigt, daß die christliche Nächstenliebe bei sich selbst Iustizrat wolsf-Lissa (Landtagsabgeordneter).

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