Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
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sind viele vom Schlachtfelds heimgekehrt, Es war ein Jubeln und Jauchzen auch in den jüdisch-deutschen Häusern, ob der Wunder, die an Deutschland geschehen sind. Das freudigste Bewußtsein einer starken, geeinten, freien Nation erfüllte alle. — Da erhebt sich mitten in diesem Freudenrausch eine grelle Stimme, die an das Mittelalter gemahnt. Dem evangelischen Oberkirchenrat in Berlin ist die „schmerzliche Mitteilung" vom Uebertritt mehrerer Christen zum Judentum geworden. Infolge dessen erließ derselbe eine Warnung und eine Erklärung, die nichts mehr und nichts weniger als mittelalterlichen Judenhaß in der ungeschminktesten Weise zum Ausdruck brachten. Die Herren Kirchenräte bezeichnen amtlich den Uebertritt zum Judentum als „einen verabscheuungswerten Schritt, weil die jüdische Gemeinschaft noch heute in Haß und Feindschaft gegen Jesum verharre." Durch einen solchen Abfall werde der Kirche ein großes Aergernis gegeben, „da es sich hier nicht nur um das Verlassen der christlichen Kirche überhaupt, sondern hauptsächlich um den Zutritt zu einer Gemeinschaft handelt, die nicht allein zur Zeit der Erscheinung des Sohnes Gottes im Fleische unseren Heiland Jesum Christum verworfen hat, sondern auch heute noch'in gleichem Haß und der nämlichen Feindschaft gegen ihn verharrt." Deshalb soll ein jeder solcher Fall, „unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Gemeinde im öffentlichen Gottesdienst unter Nennung der betreffenden Person angezeigt werden, indem sich erwarten läßt, daß der sich kundgebende heilige Geist zur Stärkung des Gemeindebewußtseins und zur Förderung christlicher kirchlicher Treue gereichen und andere von einem solchen verabscheuungswerten Schritt zurückhalten werde." Wer wird, nachdem er diese Probe vernommen, es wagen, einen Stein auf Geiger zu werfen, weil sein Blut in heftigste Wallung geraten. Es ist nicht seine Ehre, sondern die des Judentums angegriffen worden. Und das, ist geschehen, in der deutschen Reichshauptstadt im Jahre 1871. Wir fühlen ihm seine heilige Entrüstung nach, wenn er dem evangelischen Kirchenrate in Berlin zuruft-: „Deutschland schlingt ein engeres Band um alle seine Kinder, alle Glieder desselben schließen sich fester aneinander, die ganze Bevölkerung bietet willig Leben und Habe dar in Liebe zum Vaterlande, und die inuere Einheit ist das lohnende Ziel neben der äußeren Sicherheit; diesen Zeitpunkt wählen die, um Zwietracht zu säen. Preußen soll die Anerkennung erlangen, daß es würdig ist, an der Spitze Deutschlands zu stehen, nicht bloß durch zahlreiche und wohlausgerüstete Krieger, sondern durch den ihm innewohnenden an Erkenntnis und Gerechtigkeit voranschreitenden Geist; diesen Zeitpunkt wählen die, um, so viel an ihnen ist, den in Preußen waltenden Geist als einen finsteren und rachedurstigen zu kennzeichnen. Wir stehen im Begriffe, ursprünglich deutsche Lande wieder mit uns zu vereinigen, die jedoch in ihren Gesinnungen und ihren Einrichtungen uns sehr entfremdet sind, in denen die vollkommenste Gleichheit unter allen Klaffen der bürgerlichen Gesellschaft und unter den verschiedensten Konfessionen nicht bloß gesetzlich festgestellt, sondern vollkommen in Anschauung und Leben eingedrungen ist, Lande, in denen die Verstimmung gegen die Einverleibung in das Deutsche Reich vorzugsweise an der Besorgnis genährt wird, daß sie den freisinnigen Institutionen, deren sie bisher teilhaft gewesen, verlustig gehen könnten. Und diesen Zeitpunkt wählen Sie, um durch die Anfachung verfolgungssüchtigen Glaubenseifers die schweren Besorgnisse der neuen Lande zu rechtfertigen." Es wäre lächerlich, wenn es nicht betrübend wäre!" Geiger hat selbst in diesen Kampfesjahren, wenn er es nicht mit Gegnern des Judentums und der Juden zu tun hatte, seine Objektivität dem Christentum und der christlichen Wiffenschast gegenüber bewahrt. Charakteristisch dafür ist, was er den Gegnern der Reform zuruft: Der kluge Rat, alles beim alten zu lasten „wurde einem jeden ernsten Versuche, in neue Bahnen zu lenken, entgegengestellt." Als Paulus auftrat, mußte er gleichfalls bekennen, er sei „den'Juden ein Aergernis und den Griechen eine Torheit," und dennoch hat das paulinische Christentum die griechischen Altäre gestürzt, die Philosophenschulen aufgelöst, und anderseits dem Judenchristentum sein Hasten an jüdischen Satzungen entwunden. Auch Luthers Unternehmen hat wie den Abscheu der Kirche, so auch , den Spott der hochgebildeten Humanisten erweckt . ., Und dennoch ward der Protestantismus das Mittel zur Befreiung der Menschheit und zu ihrer neuen Kulturentwicklung. In seinem Aufsatz „Wissenschaftliche Orthodoxie im Protestantismus" ist er hocherfreut darüber, daß Dr. Kahnis, einer der eifrigsten Verteidiger des Altluthertums als unabhängiger Forscher auftritt, und er spricht die bemerkenswerten Worte aus: „Dem Juden steigt bei solchem heiligen Ernst, solcher ungeschminkten Wahrheitsliebe die Schamröte ins Angesicht." — Und wenn die christliche Wiffenschast konsequent die jüdischen Forschungen ignoriert, so revanchiert sich Geiger ihr gegenüber mit dem Ausspruche: „Die neuere jüdische Theologie wird es jederzeit mit großem Danke anerkennen, wie viel sie in der ganzen Methode der Wissenschaft den Arbeiten christlicher Gelehrten zu verdanken hat; ja wir sind überzeugt, daß sie auch viel von ihnen zu lernen habe." Wer Geiger aus solchen und ähnlichen Aussprüchen beurteilt, kommt der Wahrheit näher als derjenige, der ihm nur aus seiner Polemik gegen den evangelischen Oberkirchenrat zu Berlin kennt. Mtizrst Molkk-Lills. ^!ch bin am 6. März 1852 zu Liffa i. P. geboren. Mein Vater war im Jahre 1837 dorthin gezogen, während meine Mutter in Liffa geboren war und einer dort seit über 200 Jahren angesessenen' Familie entstammte. Ich habe in Liffa die Schulen besucht und das Abiturienten-Examen gemacht, habe dann in Breslau und Leipzig studiert und habe hierauf meine Referendarieyzeit fast ausschließlich in Liffa zugebracht. Als Student gehörte ich der Breslauer Burschenschaft Germania an. deren „Alter Herr" ich geworden bin: Ich habe jedoch der Burschenschaft das Band zurückgeschickt, als diese beschloß, Juden nicht mehr aufzunehmen. Seit dem Jahre 1881 bin ich Rechtsanwalt, seit 1896 bin ich Notar und seit 1897 bin ich Justizrat in Liffa. Ich wollte eigentlich Richter werden und habe als Assessor längere Zeit Richterdienste verrichtet. Als jedoch, einem meiner jüdischen Kollegen bedeutet wurde — es war 1881, also zur Zeit des schlimmsten Antisemitismus — er habe keine Aussicht auf Anstellung, bin ich zur Rechtsanwaltschaft übergetreten, obgleich mir selbst die Aussicht' aus Verleihung des Richteramtes eröffnet worden war. Ich bin seit 1890 Stadtverordneter, feit 1896 Stadtverordnetenvorsteher, seit 1900 Abgeordneter. Ferner bin ich seit vielen Jahren Repräsentantenvorsteher der alten Liffaer Gemeinde und fest einigen Jahren Mitglied des Kreistages. Aus meinem Wirken für Staat, Stadt, Kreis und Gemeinde hat mir am meisten Freude und einen gewissen Stolz die Regelung der finanziellen Verhältnisse der jüdischen Gemeinde in Liffa bereitet:- Vor