Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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; Daß Geiger auf diese „vornehme" Behandlung nach'bekanntem LessinHschen Rezept reagiert, wird niemanden wundernehmen. V-'' Zwei Proben aus diesem Sendschreiben mögen hier angeführt werden, um zu zeigen, welcher Art die sachlichen Angriffe HolHmanns waren und wie Geiger ihm geantwortet hat. Holtzmann ist ganz empört über die „jüdische Gelehrsamkeit", die den Gottesbegriff der Bibel ohne nationale Beschränktheit und „ohne jedes anthropomorphische Angebinde seiner Geburt" darstellt und diesen Gott im Geiste angebetet lassen will, weil Menschenopfer ihm ein Gräuel und Tieropfer .von ihm nicht verlangt werden. Darauf erwidert ihm Geiger die Opfer betreffend: „Sie sind sehr ärgerlich darüber, daß ich vom tierischen Opfer sage, es sei „nicht dev Wurzel des Juden-; tums entsprossen", es sei geduldet worden, aber auch bloß geduldet; Sie meinen, es werde „gewöhnlich das Unterscheidende und Hervorragende des Judentums vor dem Heidentum darein gesetzt, daß sein Opferdienst einem tiefer gefaßten . Bedürfnis von Sühne und Versöhnung entstammt sei," als der heidnische, damit, weinen Sie, könnte ich mich „schon zufrieden geben". Das ist '.es eben, daß ich mich mit den Brosamen, die man uns von dem Tische der .christlichen Theologie zuwirft, nicht zufrieden gebe, daß ich das Judentum nicht aus dem Neuen Testament, sondern aus dessen eigensten Quellen erforsche, und wenn ich die Propheten und.Psalmendichter ein einmütiges Verwerfungsurteil über den Opferdienst aussprechen höre, wenn ich in seiner weiteren Geschichte dessen Verdrängung wahrnehme, wenn ich sehe, daß. viele denkende Lehrer sich nicht in kleinliche Opfersymbolik untertauchen, sondern hoch über den ganzen Opferbegriff hinwegschreiten, dann weiß ich, daß der alte Opferdienst nur geduldet war." Holtzmann polemisiert gegen die Verherrlichung des jüdischen Geistes, und er weist hin auf den Liebling des Volkes, auf David, wje sich dieser Geist an ihm offenbart. Geiger ironisierend sagt er: „Wenn David die Feinde Gottes zersägen und backen läßt, so ist das aus der Oekonomie der sich realisierenden Idee zu begreifen, und wenn den babylonischen Müttern (?) geflucht wird, es sollen ihre Kinder an den Steinen zerschmettert werden, so ist das weise Anbequemung, da die Jdee nicht gleich zu ideal austreten darf, wenn sie Eingang finden soll." . Darauf erwidert ihm Geiger: „Was geht mich der Zornesausbruch des einzelnen an, und heiße er auch David, und sei er auch ein Dichter, , dessen vom tiefsten Weh durchschnittenes Lied in das Psalmbuch ausgenommen worden? Das gehört mit zu den wesentlichen Unterscheidungen zwischen Judentum -und Christentum, daß jenes nicht auf eine Persönlichkeit begründet ist, sondern seinen Grund in sich trägt. „Nur Du ..bist unser Vater — spricht der Prophet (Jes, 63, 10) — Abraham weiß nichts von uns, Israel kennt uns nicht; Du, Gott bist unser Vater, unser Erlöser, von ewig ist Dein Name." David ist mit dem endlich errungenen Uebergewichte Judas, als Gründer der judäischen Dynastie hoch emporgehoben worden, und dennoch wurden die Züge ans den alten Berichten, die teilweise auch von gegnerischer Seite ausgingen, nicht ganz aus seiner Geschichte verwischt. Das ist eine Frage der historischen Kritik. Er wie Salomo wurden trotz gar manchem eingestandenen Verbrechen dennoch ideal , erhöben, David selbst (wie es bei Ezechiel Heißt) oder ein „Sohn Davids", wie er in der Volksvorstellung Hieß, sollte wiederum der einstige - Erretter, der Held der Verherrlichung werden. Nehmen Sie . an dem „Davidssohne" kein Interesse, wollen Sie David selbst seines Schmuckes entkleiden, tun Sie ganz nach Belieben; nur im Interesse der geschichtlichen Wahrheit dürfte meinerseits gegen -ein unbilliges Urteil ein Einspruch erfolgen, nimmermehr im Interesse des Judentums, das weder ihn noch seinen Sohn als sündlosen Heiligen hingestellt." . . So geht Geiger Punkt für Punkt den Einwendungen seines Gegners nach und weist sie mit einer Klarheit, die nichts zu wünschen übrig läßt, mannhaft zurück. Allein außer den „wissenschaftlichen" stehen Holtzmann noch andere Angriffe zu Gebote.— „Dann kommt," sagt Geiger, „immer wieder ein noch nicht getilgter Rest jener alten abgeblaßten M des Judenhasses einhergeschlottert. Auf diesen Weg folge ich Ihnen nicht. Ich tue genug, wenn ich Ihre Sätze abschreibe: „Es ringt und schlingt sich das zähe Judentum allerdings durch allerhand Hindernisse hindurch, und wo eine neue Bildung sich erzeugt, da hängt es sich an, um dieselbe zu verarbeiten" (welch ein Frevel!). „Daß es aber irgendwo eine neye Heimat finde" (wer damit einen klaren Gedanken zu verbinden wüßte!) „und auf wahrhaft produktive Weise in den geistigen Entwicklungsgang der Menschheit ein-und in demselben aufginge" (ja, daß es Ihnen nicht den kleinen Gefallen tut, unterzugehen!), „das wird man schwerlich behaupten können" (warum so vorsichtig geschraubt?) — Jedoch wozu dies/ Redensarten weiter anführen? Auf sie einzugehen ist unnütz. .Die flüchtige Zeit bedarf besserer Verwendung." — Dieser letzte Passus aus Holtzmanns Schrift wäre wohl geeignet gewesen, die staubigen Gewebe der Kreuzspinne Judenhaß etwas kräftiger hinwegzufegen. Geiger begnügt sich indes mit den kleinen Einschaltungen. Nirgends merkt man eine Spur von Verhöhnung des Christentums, nirgends wird der Versuch gemacht, die religiösen Gefühle Andersgläubiger zu verletzen. In seiner Auseinandersetzung mit dem Christentum beseelt ihn nur ein Gedanke: er will dem Judentum das Recht der Existenz neben dem Christentum vindizieren. Er will mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, die mittelalterliche Zurücksetzung verscheuchen. Aber das geht weder den Liberalen noch den Konservativen in den Sinn. Als Heloten möchten sie die Juden weiter sehen, die fortfahrend ihre Schmach gleichgültig weiter tragen. Sie vergessen nur dabei, daß die Zeiten andere geworden. Die Menschen der Gegenwart haben neben den kirchlichen noch andere Interessen. Und wenn die Kirche mit Gewalt ihre Augen zuschließt und den status quo ante, das ist den des Mittelalters, aufrecht halten will, so wird es ihre eigene Schuld sein, wenn sie von den Wellen des Zeitenstroms fortgespült wird. Diese Binsenwahrheit wird er bald Gelegenheit haben, der offiziellen Kirche in fulminanter Weise vorzutragen. Der Not gehorchend wird er es tun, weil die Kirche fortfährt Israel mit mittelalterlichen Waffen zu bekämpfen. — Es sei nun hier gleich konstatiert, daß Geigers Stellung zum-offiziellen Christentum in seinen letzten Lebensjahren eine andere geworden. Und seine Sinnesänderung ist einzig und allein aus den trüben Erfahrungen, die er an den Auswüchsen der Kirche gemacht hat, hervorgegangen. Wir stehen im Jihre 1871. Deutschland feiert feine Wiedergeburt. An dieser Feier nimmt auch Geiger den herzlichsten Anteil; denn er ist ein Deutscher vom Scheitel bis zur Zehe. Die deutsche Einheit war die herrlichste Erfüllung auch seiner innigsten Hoffnungen und Wünsche. Jetzt, so plauderte er, wird auch der latente Judenhaß für immer aus deutschen Landen geschwunden sein. Jüdische Deutsche haben als Waffenbrüder mit christlichen Deutschen einander in Opferfreudigkeit- und Opferwilligkeit zu übertreffen gesucht. Auf französischem Boden sind sie gemeinsam in kalte Erde gebettet worden. Mit der größten Auszeichnung, die einem deutschen Krieger zuteil werden kann,