Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Deshalb sagen auch unsere Lehrer: auch ein Nichtisräelite, der sich mit der Lehre Moses beschäftigt, ist gleich dem Hohepriester." ... Geigers weitere Polemik gegen Bruno Bauer und andere übergehend, soll hier noch auf zwei Streitschriften aus dem letzten Jahrzehnt seines Lebens hingewiesen werden. Es kommen demnach in Betracht: 1. „Offenes Sendschreiben an Herrn Professor Dr.J. H. Holtzmann", als Anhang zu Vorlesungen II erschienen. 2. „Das Verhalten der Kirche gegen das Judentum in der neuen Zeit" in Vorlesungen III. S. 161 ff. Nr. 2 ergänzend: „Die Stellung des Judentums zum Christentum im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert. Offenes Sendschreiben an den evangelischen Oberkirchenrat in Berlin. Breslau 1871. Es sei zunächst auf eine Tatsache hingewiesen, die für die folgende Darstellung nicht bedeutungslos ist. — Im Oktober 1861 sandte Geiger an Hilgenfeld für seine „Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie" einen Aufsatz „Symmachus der griechische Bibelübersetzer" ein. Vierzehn Tage später erhielt er einen ablehnenden Bescheid, weil die Zeitschrift nur Arbeiten von evangelischen Verfassern aufnehme. „Dankdieser Engherzigkeit pseudofreisinniger Christlichkeit" ist sein Plan gereift, eine „jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben" herauszugeben. Daß diese jedem wissenschaftlichen Mitarbeiter mit größtem Dank und Zuvorkommenheit geöffnet war, braucht wohl kaum hinzugefügt zu werden. — Ein anderes Beispiel des Pseudofreisinns sollte ihm bald wieder vor Augen treten. Im Jahre 1869 veröffentlichte Geiger den ersten Teil seiner Vorlesungen unter dem Titel: Das Judentum und seine Geschichte bis zur Zerstörung des zweiten Tempels. Nebst einem Anhänge: Renan und Strauß. In dieser Arbeit bot sich ihm zum erstenmal die Gelegenheit dar, im Zusammenhänge über die Entstehung des Christentums das Wort zu ergreifen. Daß er wohlvorbereitet war, über dieses gewaltigste Jahrhundert in der Weltgeschichte ein Urteil zu fällen, dafür zeugte vor allem seine „Urschrift". Keiner ist vor ihm so tief in das Wesen der jüdischen Parteien eingedrungen. Seinem Scharfsinn ist es gelungen, die Pharisäer, an denen die christliche Forschung bis dahin kein gesundes 'Haar gelassen, zu rehabilitieren, und sie den Sadducäern, den Männern des Stillstandes, der Buchstabengläubigkeit gegenüber, als die Männer des Fortschritts, als die Bekämpfer der um sich greifenden Hierarchie darzustellen. Aus dieser innerjüdischen Bewegung heraus erklärt der Historiker Geiger das Auftreten Jesu. Auch Jesus ist ein freisinniger Pharisäer. In den Fußtapfen Hillels wandelnd, kämpft er gleich ihm mit pharisäischen Waffen gegen das Uebergreifen der Priesterherrschaft. Aber die Konsequenzen aus diesem Kampfe hat auch er nicht gezogen. Mitten im Pharisäismus stehend, gebunden durch die Schrift, die den Priester mit so vielen Rechten ausgeftattet hat, konnte er nicht den Bruch vollziehen. Das hat erst.Paulus von Tarsus getan. Er hat die jüdische Religion entnationalisiert und ihr den Weg zur Menschheit gebahnt. In dem Anhänge zeigt Geiger, wie die beiden vornehmsten Repräsentanten der Leben-Jesuforschung irregehen, weil ihnen die treibenden Ideen in der jüdischen Bewegung fremd sind, und wie diese Unkenntnis der jüdischen Quellen sich bitter an ihnen rächt. Selten hat ein' populär wissenschaftliches Buch eines jüdischen Autors ein solches Aufsehen gemacht wie diese Vorlesungen. — Die christliche Orthodoxie hat Geigers Geschichtsauffassung mit aller Entschiedenheit abgelehnt, was nicht anders zu erwarten war. Einer der gelehrtesten Vertreter dieser Richtung, der wie kein anderer im Besitze talmudischer Kenntnisse war, und imstande gewesen wäre, Geiger zu kontrollieren und zu widerlegen, Franz Delitzsch, hat aber von einer wissenschaftlichen Kontroverse ganz abgesehen. Er hat sich vielmehr begnügt vom Standpunkte seiner christlichen Frömmigkeit aus, Geiger zu beurteilen. Es war hauptsächlich die Aussage über Jesus, daß er keinen neuen Gedanken ausgesprochen hat, die Delitzsch Veranlassung gab, einen Brief zu schreiben, „in welchem sowohl seine Entrüstung, als auch seine Liebe zu Israel zum Ausdruck gelangt". Unter anderem sagt er, daß Geigers Urteil über Jesus „eine Herabsetzung seiner Person und eine Verhöhnung seiner Anbeter von der anstößigsten, kränkendsten und denkbar empörendsten Art" sei. Er ruft Geiger zu: „Warum verletzen Sie das religiöse Gefühl der Christen durch solche dolchartige Worte?" — Bei etwas weniger Eifer und mehr Objektivität hätte Delitzsch aus demselben Buche die Ueberzeugung gewinnen können, daß es Geiger nicht in den Sinn gekommen ist, das religiöse Gefühl der Christen zu verletzen. Ich führe nur einen Satz aus diesen Vorlesungen an, der zur Genüge zeigt, daß Geiger auf der Höhe der Zeit stand. „Es wäre töricht", sagt er, „und, gotteslästerlich zugleich, wenn wir einer Religion die achtzehn Jahrhunderte eine solche Macht entfaltet, nicht eine von Gott gewollte Mission zuerkennen wollten". — Delitzsch hätte seine Liebe zu Israel bester dokumentiert, wenn er diesen Satz zitiert hätte. Der Toneines eifrigen „liebevollen" Missionärs, den er Geiger gegenüber angeschlagen, hat diesen nur gereizt, und er hat sich zn seiner Weise für diese Liebe bedankt. — Ja, wäre es zu einer wissenschaftlichen Diskussion zwischen diesen beiden Männern gekommen, so hätte Geiger seinen Satz auch Delitzsch gegenüber aufrechthalten können. Von Religions stiftern, hätte er erwidern können, erwartet man nicht neue Gedanken, wie das die Religionsgeschichte zur Genüge bezeugt. Kunst, Wissenschaft und Industrie werden durch neue Gedanken gefördert. Die religiöse und moralische Verbesserung der Menschheit dagegen knüpft an religiöse Genies, an Persönlichkeiten an, die an ihren Beruf, an sich selbst glauben. — Aber tu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist es nicht gekommen. Es blieb bei diesem Briefwechsel, und beide fühlten sich aufs tiefste verletzt. — Nichtsdestoweniger können wir Delitzsch verstehen. Seine Weltanschauung und seine Eschatologie, die ihn zum Judenmissionar machten, waren Geigers Ansichten entgegengesetzt, infolgedessen war ein gegenseitiges Verständnis unmöglich. Was man aber nicht so leicht verstehen wird, das ist das Gebühren der wiffenschaftlichen christlichen Theologie Geiger gegenüber. .Voneiner vorurteilslosen Wissenschaft war man berechtigt, eine objektive Vertiefung in Geigers Forschungen, eine unparteiische Beurteilung seiner Resultate zu erwarten. Statt dessen wird bis zum Ueberdruß von der Konfession des Autors gesprochen. Aus den Schauplatz trat kein Geringerer als Professor Holtzmann, einer der bedeutendsten Repräsentanten der liberalen protestantischen Wissenschaft, und er behandelt Abraham Geiger, wie man kaum einen Judenjungen, der mit alten Hosen schachert, behandeln darf. In gar keinem Stücke kann es ihm der „jüdische Rabbiner" recht machen. In seinem Buche finden sich keine Spuren des Semitismus, keine Reminiszenzen aus Eisenmenger, „ja selbst nach Anklängen an die Sprache Kanaans" sucht man vergebens. Dafür aber findet man Anklänge an Lessing, Herder, Möhler, Schleiermacher, Hegel und sogar an Strauß. Es sind das Kapitalverbrechen, die sich ein „jüdischer Rabbiner" zuschulden kommen läßt.