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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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eines ganzen Volkes — so kann man: die Stimmung Englands nach dem Tode des Königs Eduard vor und während seiner feierlichen Bestattung bezeichnen, eine Bestattung, die um einige Tage hatte verschoben werden muffen, weil die Heimkehr eines Sohnes des Verstorbenen aus fernen Landen abgewartet wurde. Es ist etwas Großes um diese Trauer eines gesamten Volkes. Mit innigster Teilnahme und Bewunderung liest man, wie eine vieltausendköpfige Menge auf die Nachricht von dem Ableben wartet, von der ergreifenden Art, wie sie diese Kunde aufnimmt,. wie Hunderttausende in ehrfurchtsvoller Trauer sich aufstellen, um die Ueberführung der Leiche nach Westminster Hall, wo sie aufgebahrt wurde, mit anzusehen, wie ungezählte Mengen, sich drängen, um noch einmal, wenn auch nur auf Augenblicke, dem Toten zu huldigen und ewigen Abschied von ihm zu nehmen. Auch der Nichtengländer wird ergriffen von diesem beispiellosen Wetteifer der Liebe und Verehrung. Das Zusammenströmen der Fürsten der ganzen Welt hat gewiß etwas sehr Ergreifendes, weil es außer höfischen und politischen Rücksichten auch die herzliche Verehrung der fürstlichen Verwandten und Genossen bekundet, aber die stumme und doch so beredte Leidsprache eines ganzen Volkes, das nicht bloß den Herrscher, sondern den Vater beweint, eine Sprache, die aus dem Herzen kommt, tönt erschütternd und doch erhebend zum Herzen. In den zahlreichen Berichten ist einer der rührendsten Züge der, daß selbst die Aermsten und die Kinder Kränze darbrachten. Auf der Schleife des einen stand die Inschrift: „Von zwei alten Leuten, die ihren König liebten." Ein kleiner Junge brachte einen Kranz mit der stolzen Nachricht, daß ein jedes Kind seiner Schule ein Blatt mitgebracht hätte, und daß sie daraus in gemeinsamer Arbeit den Kranz verfertigt hätten. Nach dem Vorbeimarsch der Prozession wurden die Kränze dem Publikum preisgegeben, damit ein jeder ein Blatt als Andenken mit nach Hause nehmen könnte. Ein sinniger, symbolischer Zug: ein grünes Blatt aus den Kränzen, die die Liebe wob, zur dauernden Erinnerung an einen geliebten Toten. * Die Lage der Juden in Rußland bleibt weiter unsäglich traurig. Rechtlosigkeit und Barbarei feiern ihre wüsten Orgien. Ein paar Nachrichten aus der „Kölnischen Volkszeitung" geben vollgültigen Beweis dafür: Die Willkür der russischen Behörden den Juden gegenüber überschreitet in letzter Zeit alle Grenzen. Als dieser Tage in Iekaterinoslaw die russische Nationaloper «Das Leben für den Zaren" gegeben werden sollte, beschied Gouverneur Schidlowski den Theaterdirektyr zu sich und verbot ihm, zwei Hauptrollen der Oper mit jüdische» Kräften zu besetzen; er solle für die Rollen die und die russischen Schauspieler nehmen, welche das Lokalblatt des Verbandes des russischen Volkes als geeignet bezeichne. -Der Theaterdirektor mutzte sich fügen. Ein anderer „Judenfall" spielt sich in Moskau von Gesetzes wegen ab und hat dieser Tage bereits den dirigierenden Senat beschäftigt. Ein Jude N. besaß das Wohnrechten Moskau. Die Polizei gestattete ihm aber nicht, auch seine Frau nach-Moskau kommen zu lassen, da er das Wohnrecht nur für seine Person, nicht aber für seine Familie besitze. Die Frau bildete sich nun zur Hebamme aus und kam mit dem Patent einer geprüften Hebamme zu ihrem Männe, da nach dem Gesetz jüdische Hebammen in Moskau leben dürfen. Die Polizei beugte sich vor deüi gesetzlich erworbenen Wohnrecht der-Frau, erklärte aber, sie werde die drei Kinder der jüdischen Familie nach dem Ansiedlungsrahon per Etappe zurückbringen lassen, da diese noch nicht das Wohnrecht in Moskau erworben hätten. Die Kinder stehen im Aller von vier, acht und zehn Jahren. Ter Senat hat auf eingelegte Beschwerden verfügt, die Ausweisung einstweilen nicht vorzunehmen, sondern eine Prüfung der Beschwerde ihrem Wesen nach abzuwarten. Diese Prüfung wird t'4• j' V r‘ V 1.,;y. . . wahrscheinlich längere Zeit in Anspruch nehmen und nicht nur die,. Plenarversammlung des Senates/ sondern auch den Ministerrat, 6c? schattigen, müssen, da in dieser wichtigen „Staatsfrage" wegen der drei Jndenkinder ernste Meinungsverschiedenheiten im Senat entstanden sind.. Der Senator Trussewitsch, dev früher Direktor des Polizeidepartements war und infolge des Bombenattentates gegen Stolypin auf der Jelagin-Jnsel von seinem Posten, zurücktreten mußte, hat dagegen Protest eingelegt, daß der Senat den Ausweisungsbefehl der Moskauer Polizei vorläufig ststierte. Die Mos' kauer Polizei habe auf Grund der bestehenden Judengesetzgebung völlig korrekt gehandelt. Was wollen aber solche Kleinlichkeiten, die mannigfach vermehrt werden könnten, gegen das empörende Vorgehen besagen, von dem ein dem Hilfsverein der Deutschen Juden zugegangenes Telegramm Kunde gibt: Kiew, 20. Mai, 11 Uhr 20 Minuten vormittags. Die Aus Weisungen der jüdischen Familien aus Kiew werden jetzt mit Gewalt durchgeführt, und zwar in der grausamsten Weise. Angesehene jüdische Bürger werden von Schutzmannskordons in die Mitte genommen und gruppenweise zur Polizei geführt. Selbst in dringendsten Fällen wird höchstens ein Aufschub von zwei Tagen gewährt. Ein Teil der Ausgewiesenen wird per Schub weggebracht. Ganz unerwartet erhalten zahlreiche weitere Familien und Personen, die bisher verschont geblieben sind, von der Polizei Ausweisungsbefehle, in denen den Betroffenen nur eine 24 stündige Frist zum Verlassen der Stadt gesetzt wird. Unter der jüdischen Bevölkerung Kiews herrscht infolge dieser brutalen Vorgänge eine verzweifelte Stimmung. Es sind „unblutige Pogrome" der entsetzlichsten Art, die sich seit Monaten in Rußland vollziehen. Die „Vossifche Zeitung", die all diese Erbärmlichkeiten auszählt, die im Zarenreiche geschehen, schließt ihren Artikel mit den Worten: Unter dem Drucke dieser Verhältnisse beginnt die von den Nachbarvölkern so unliebsam vermerkte und neuerdings durch Präventivmaßregeln erschwerte Auswanderung nach dem Westen wieder große Dimensionen anzunehmen. Für die vielen Tausende aber, die in Rußland Zurückbleiben müssen, bedeutetdie jetzige Verfolgung neben der ökonomischen Verschlechterung auch die schwerste sittliche Schädigung. Denn im Gegensatz zu den: heldenhaften Kampfe um die staatliche Existenz, den die Finnländer unter der begeisterten Teilnahme der Besten Europas stolz und aufrecht auf dem Boden ihrer Gesetze aussechten können, müssen die russischen Juden jeden Fußbreit ihres Daseins auf dem schlüpfrigen Morast der Gesetzlosigkeit erringen. Was Wunder, wenn in diesem Kampfe der gequälten Volkspsyche allmählich der Maßstab für die Lauterkeit ihrer Kampfmittel verloren ginge, wo das skrupellose Uebermachtbewußtsein der Bedränger zu List und Trug, Bestechung und Angeberei förmlich herausfordert! Es ist ein Zug starker moralischer Gesundheit der russischen Juden, daß die Taufe, die sie mit einem Schlage auS der Pariastellung hinter Kalmücken, Kirgisen, Bürjäten und Osseten befreien würde, äußerst selten'bei ihnen vorkommt. Aber auch der Idealismus hat feine Grenzen Sollte Europa dem Kulturfrevel, der sich unter ffeitten Augen vollzieht, teilnahmlos zuschaüen können? Oder sollte die gesittete Welt nicht endlich ihre Stimme erheben, laut und vernehmlich, gegen das schreiende Unrecht, das hier an Hunderttausenden gequälter, unglücklicher Menschen planmäßig und grausam verübt wird? Sollte nicht endlich auch ihnen das Morgenrot einer besseren Zukunft dämmern? v;:;,;; , " , Aus diesem dumpfen Wust der Greuel flüchten wir in die reinen Regionen der Wissenschaft. Im Anschluß an eine kürzlich zu Philadelphia - erschienene;.Schrift/ des Professors /Hilprecht berichtet /.der-.-:bekannte Gelehrte Fritz HamMel im Feuilleton der „Frankfurter Zeitung" ausführlich uMer - „Das neue Sintfluttäfelchen". Das von Hilprecht gefundene : etwa aus - demJahre . 2200 v.. Chx<. sta.nnnende Fragment

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