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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-27 · Heft 21 (27.5.1910) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 21 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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UMKMRAWM^WWWWHWHAW?MUWW'WW8WN8WHWDUWMMHN des akademischen Vereins für jüdische Geschichte nüd Literatur, "die in vollem Wichs und mit der Vereinsfahne an der Feier teilnahm. Eingeleitet wurde der Festakt mit einem Harmoniumpräludium und einem vortrefflichen Chorgesang. Dann bestieg Herr Dozent Dr. Elbogen die Rednertribüne und entwarf in großen Zügen und in»objektiver Würdigung der Bedeutung Abraham Geigers ein von warmer Begeisterung getragenes ' fesselndes Lebens- und Charakterbild des Gefeierten: . „Noch tobt/' so etwa führte der Redner aus- „her Kamps um Geigers Namen, er ist auch heute noch mehr umstritten.als je, doch nicht umstritten sei, daß ihm ein Platz in der Geschichte gesichert sei. Abraham Geiger habe selbst Geschichte gemacht. Die Entwicklung der Gegenwart wäre ohne ihn gar nicht denkbar. Der Dank aller Zeiten sei ihm sicher, und um diesen Gefühlen hier Ausdruck zu leihen, sei die Feier veranstaltet. Geigers Großtat sei vor allem die Schöpfung einer jüdischen Theologie. Die historische Kritik, die damals überall einsetzte, sollte auch im jüdischen Leben fruchtbringend wirken. Die völlig veränderten Verhältnisse, in welche dieIuden durch die.Emanzipation versetzt wurden, hatten zwar die Juden aus der Absonderung in die gemeinsameKultur hinübergeführt,aberdieReligion war im. Ghetto geblieben. Eine Kluft gähnte zwischen Leben und Lehre. Die Gleichgültigkeit und Zerfahrenheit nahmen zu, besonders in der jüdischen Jugend, und die Neformtätigkeit Mendelssohns, der die jüdische Religion noch immer als eine geoffenbarte Gesetzesreligion betrachtete, vermochte diesem Jndifferentismus durch ihre kleinen Reformen im Gottesdienst üsw. nicht zu steuern. Da trat Geiger hervor, der nicht mit äußeren Reformen allein etwas zu erreichen - glaubte, sondern der vor allem vor jeder solchen äußeren Reform erst die Reform des Geistes verlangte. Die ewige Idee des Judentums sollte in den Vordergrund gestellt werden, das „Medusenhaupt der Formenstarrheit", so lehrte er, ist erst abzuschlagen. Eher werde er nicht ruhen. Geiger erachtete alles Bestehende als ein Gewordenes und damit fiel für ihn der Begriff der Tradition. Für diese seine Idee trat er mit Entschiedenheit ein und scheute dabei auch nicht den scharfen Kämpf und ein kräftiges Wort. Aber Geiger hat dabei doch die Kraft des Hergebrachten oft unterschätzt und er hatte den Blick nur allein auf die deutschen Juden gerichtet. So kam es, daß er den Einen zu weit in seiner Reform ging, anderen aber nicht weit genug. Wie man auch immer über Einzelheiten denke, fest steht, daß keiner die Probleme so scharf erfaßt hat wie er, daß er mit dem Dogmatismus gebrochen, daß er das Zeremonialgesetz gleichfalls der Kritik unterworfen hat. Und der Theologe Geiger fand feine stärkste Stütze im Gelehrten Geiger. Ihm wandelte sich alle Erkenntnis in geschichtliche, und er brachte Licht in die dunkelsten Teile der jüdischen Vergangenheit. -Keine literar-historische Kleinlichkeit, nicht die Begebenheit lag ihm dabei am Herzen, den Geist der Epochen suchte er zu erfassen: ein Historiker von großer Meisterschaft! Die genaue Kenntnis der hebräischen Sprache und der Quellen förderten seine Wissenschaft, er verfügte über ein kolossales Wissen. Dann gab der Redner eine kurze Uebersicht über die Schriften Geigers, sowohl über die theologischen wie historischen, literar- und kulturhistorischen, sprachlichen usw. und hob insbesondere die Aufhellung über Wesen und Charakter der Pharisäer, als einer Partei der Reform und des Fortschrittes, durch Abraham Geiger hervor- Als Krönung seines Werkes aber bezeichnete der Redner Geigers Vorlesungen über Judentum und jüdische Geschichte an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums,-, aw derer fünf Semester wirkte. Schließlich, gedachte Dr. Elbogen auch Geigers als eines Organisators und Anregers der jüdischen Wissenschaft. Dievon ihm herausgegebene Zeitschrift hat nach. hem. anerkennenden Zeugnis selbst seiner ausgesprochenen Gegner „Bewegung und Rührigkeit in die Jndenheit" gebracht. Von ihm ist die Abhaltungvon. Rabbinerversammlungen ausgegangen,,, deren erste, auf seine Initiative in Wiesbaden zusammentrat. Seine. Herzensforderung war die Einrichtung einer jüdischtheologischen Fakultät, an einer Universität, um so eine geregelte einheitliche Aüsbildüngsstätte für Rabbiner zu schaffen. Der Vorschlag wurde von' Ludwig Philippson seinerzeit' zwar ausgenommen, seine Ausführung aber scheiterte an der Unmöglichkeit, die erforder« lichen Mittel aufzübringen. Erst auf der Leipziger Synode 1869 reifte der Gedanke - der . Errichtung einer .Lehranstalt für die Missenschaft des Judentums, die zwar seinem Ideal nicht ganz entsprach, ihm aber doch nahe kam. Und wie sehr ihm eine Tätigkeit an derselben am Herzen lag, ist daraus ersichtlich, daß er die Annahme seiner Berufung als Rabbiner in Berlin' ausdrücklich davon abhängig machte, daß ihm eine Tätigkeit -an dieser Anstalt zugewiefen werde. So ist er denn 1872 bei Errichtung dieser Lehranstalt Hier eingetreten. Leider wurde er durch, seinen frühzeitigen Tod 1874 am Abschluß seiner Lehensarbeit gehindert. Als ein Großen in Israel, so lebt er in unserer Mitte fort, uns festigend in dem Vorsatz, daß die Anstalt allzeit würdig sei des Namens Abraham Geiger." Der zweite Festredner, Herr Oberräbbiner Professor Dr. Klein-Stockholm, ein einstiger Schüler Geigers, analysierte gleichfalls in geistvoller, von wärmster Empfindung getragener Darstellung die Wesenszüge des Werdens, Wollens und Grundcharakters Abraham Geigers: Liebe und Wahrheit waren die priesterlichen Juwele, die seine Brust geschmückt, sie waren die Grundelemente seines Charakters» Stets war es ihm um die Sache-nie um Personen zu tun. Er feiert Geiger als den „Regenerator1 des Judentums", als den „Ahnherrn der jüdischen Reform". Das ist ihm nicht leicht geworden. Im ersten Stadium seiner- Entwicklung, der Sturm- und Drangperiode, war er nahezu fanatischer Rationalist. Erst Zunz' „Gottesdienstliche Vorträge" lehrten ihn nach dem Zeugnis Derenbyurgs, daß es doch auch andere Werte gebe als nur diejenigen, die vor der reinen Vernunft bestehen können. Der erste Artikel in seiner 1835 erschienenen Zeitschrift enthält eine bündige Absage an den Aufklärungsfanatismus und die Zuwendung zur historischen Erkenntnis. Sein glaubensbegeisterter Mut gibt ihm die Kraft, Altes niederzureißen und Neues aufzubauen. Er wollte Reform, nicht Emanzipation, die freie Wissenschaft im Dienste der Reform. Gleich den Propheten hat er uns kein System, nur ein Programm hinterlassen. Der Vortragende zeigte dann, wie sehr Abraham Geiger nicht nur in den Propheten, sondern auch in den großen Gelehrten und Dichtern der spanischen Blütezeit, wie Mainwnides usw. immer die ihm wesensverwandten Seiten am deutlichsten hervorhob und wie, ähnlich der Esras gegenüber. Jeremias, so die Richtungen Samson Raphael Hirschs und Zacharias Frankels über die Richtung Geigers gesiegt haben. Die ersteren folgten dem Spruche: „Lausche, was das Volk spricht". Daher ihr Gegenwartssieg. Geiger hat nicht gesiegt. Dies Faktum, das kein Werturteil enthalten solle. Müsse man aussprechen, aber die Zukunft wird und muß sich zum Prophetengeist bekennen. Dann berührt der Vortragende Geigers Stellung zur Tradition, die darauf hinausging» die Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart herzustellen, und er würdigt dann in eingehender Weise Geiger als Historiker. Ihm ist die jüdische Geschichte nichts anderes als die Offenbarung des jüdischen Geistes. Das zeigt sich auch in seiner Behandlung der großen Männer der jüdischen Geschichte. Die glänzendste Leistung Geigers erblickt Professor Klein in der Rehabilitierung der Pharisäer. Er schließt mit einer Reihe persönlicher Erinnerungen. Liebe und Wahrheit gingen ihm überall voran,, als Vater und Berater trat er seinen Schülern gegenüber. Noch schwebe ihm der- Glanz der milden Augen, das wunderbare Lächeln vor seinen Blicken. Für alle hatte er ein Plätzchen in seinem Herzen, Und trotz seiner außerordentlichen Inanspruchnahme hatte er für seine Schüler immer Zeit, wenn sie ihm ihre kleinen Anliegen vorbrachten. Eine solche Mischung von Hoheit und Demut hätte er bei keiner zweiten Persönlichkeit je gesehen. Der Eindruck seiner Vorträge könne nur mit dem einen Worte „überwältigend"' bezeichnet werden:" . . Der Vortragende schließt mit dem Ausdrucke der Überzeugung: Abraham Geigers Geist lebt und wird weiter wirken zum Segen derJudenhertund der.Menschheit. Harmoniumspielund Chorgesang bildeten den Abschluß der eindrucksvollen Feier. Wurde hier ein Könige des Geistes gefeiert, so ward in dieser Woche auch die Trauer laut, um einen Herrscher, der kaum ein Jahrzehnt auf dem Throne gesessen. Die Trauer

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