Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu diesem Behuf ist es absolut notwendig, daß die Juden definitiv über den Daseinszweck Israels schlüssig werden. Sie müssen sich über ihren Endzweck im klaren sein, bevor sie denselben vor dem Forum der Nationen manifestieren können. Ein Studium der jüdischen Geschichte ergibt das folgende Programm: 1. Das Judentum ist ein System von Moraldoktrinen auf Grundlage der heiligen Schrift, deren Fundamentalgesetze in den zehn Geboten dargelegt sind. 2. Die jüdische Religion ist lediglich ein System von Gebräuchen, welches von der Judengemeinschaft als Behelf zur besseren Beobachtung und Einprägung der oberwähnten Fundamentalgesetze ausgeübt wird. 3. Der Name „Jude" erstreckt sich auf alle Mitglieder des von Moses am Sinai organisierten Volkes, das zum Behuf der Ausübung der Lehren des Judentums eine Volksgemeinschaft, bildete. Die heutigen Juden werden als solche durch ihre loyale Gefolgschaft innerhalb dieser Volksgemeinschaft identifiziert. Der Zweck der Judengemeinschaft ist ein ausschließlich geistiger und bedarf daher zu seiner Verfolgung keines speziellen Territoriums. Hieraus und aus der Tatsache, daß die Juden seit zwanzig Jahrhunderten über den Erdball verstreut sind, folgt, daß die Mitgliedschaft keines speziellen Wohnsitzes bedarf. Der Umstand, daß die Judengemeinschaft zwölf Millionen Seelen zählt, die entschlossen sind, beim Judentum zu verharren, beweist unwiderleglich, daß dieses letztere ein Existenzobjekt hat. Mit solchem Material und unterstützt von den Kommunikationsmitteln der Gegenwart liegt die Möglichkeit vor, eine wirkliche Judenkörperschast zu bilden. Ich wiederhole: die Möglichkeit liegt für die Juden aller Länder vor, eine Konferenz von regelrecht erwählten Repräsentanten einzuberusen. Dieser Vertretungskörper wird nach erfolgter Beratung imstande sein, der Welt eine Deklaration zu unterbreiten, der zufolge die Juden aller Länder es müde sind, einen desorganisierten Haufen zu bilden, sich vielmehr als normale, internationale Gesellschaft zur Förderung der ethischen Doktrinen der Propheten konstituieren wollen. Der Name dieser von einem permanenten Kongreß repräsentierten und geleiteten Körperschaft müßte „Israel" sein. Die Exekutivbeamten müßten einen Gesellschaftsfitz wählen und eine Konstitution publizieren, welche gegen die Gesetze der Nationen nicht verstößt. Ein solcher welthistorischer Schritt würde aus den Judenmasfen eine definitive, mit persönlichen Attributen ausgestattete, einen gigantischen Gemeinwillen vertretende Körperschaft machen — eine Körperschaft, welche in Verfolg ^ihrer Ziele die Möglichkeit haben wird, sich den Respekt der ganzen Welt zu erringen. Die auf die Judenfrage angewandte Rechtswissenschaft weist ausschließlich und unweigerlich auf diesen Pfad hin. Die Juden müssen zur normalen Körperschaft werden — zu einer internationalen Judengemeinschaft zur Beförderung prophetischer Ethik und Kultur, vertreten von einem permanenten Judenkongreß und dessen Exekutivbeamten. Israel wird sodann einen gesetzlichen Zustand haben und die Judenfrage der Vergangenheit angehören. Nachschrift. Indem ich die vorstehende Abhandlung, der man trotz aller Umarbeitung die von dem Verfasser selbst herrührende Uebersetzung aus dem Englischen anmerken wird, zum Abdruck bringe — sie erschien ursprünglich in „Th« American Hebrew and Jewish Messenger" — mache ich die Anschauung des Verfassers nicht zu der meinigen. Seine Ausführungen haben viel Bestechendes/ besonders dadurch, daß in ihnen nicht von einem jüdischen Volke, sondern von der jüdischen Glaubensgemeinschaft die Rede ist. Das Bedenkliche der Ausführungen besteht meines Dafürhaltens hauptsächlich darin, daß das Internationale des Judentums stark betont wird, das wir deutsche Juden in unserer bei weitem größeren Zahl per- Horreszieren, weil wir befürchten müssen, daß das Hervorheben der Jnternationalität unsere Beziehungen zum deutschen Volke zu stören geeignet sein kann, dem wir voll und ganz angehören wollen. Aber der Gedanke eines allgemeinen Zusammenschlusses zur Beförderung gemeinsamer religiöser Interessen, zur Erlangung gleicher Rechte mit den Genossen der Völker, mit denen die Juden zusammenwohnen, hat trotz der unendlichen Schwierigkeiten, die sich der Verfasser unseres .Aussatzes keineswegs verhehlt, so viel Lockendes, daß ich die Frage, ohne zunächst ein eigenes Urteil abzugeben, zur allgemeinen Diskussion stellen möchte. Ich tue dieses um so bereitwilliger, als der Verfasser, ein angesehener, praktischer Jurist New 2)orks, mir schreibt, daß jüdische Blätter der verschiedensten Richtungen in Amerika die Idee, seitdem sie von ihm geäußert worden ist, einer ernsten Besprechung unterzogen haben. Es wäre mir daher lieb, wenn die berufenen Männer in Deutschland und anderwärts ihre Meinung über die Angelegenheit in diesen Blättern zum Ausdruck brächten. L. G. Die Woche. Berlin, 25. Mai 1910. ie Woche stand unter dem Zeichen Abraham Geigers. Nachdem schon am letzten Passahtage, am 1. Mai, zu Königsberg in der dortigen Synagoge eine Gedächtnisfeier mit einer Predigt des Herrn Rabbiner Vogelstein veranstaltet worden war, hatte am 7. Mai im liberalen Verein zu Breslau eine große Festsitzung zu Ehren des Säkulartages stattgefunden. Am 20. Mai feierte I. Löw. in Szeged das Andenken seines Lehrers und Meisters. Am 22. Mai wurde die von dem Bildhauer Max Levi angefertigte Büste des Gefeiert'en in dem Saale der Repräsentantenversammlung zuBerlin aufgestellt; an demselben Tage wurde in der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums das Andenken an den ehemaligen Lehrer durch einen großen akademischen Festakt geehrt. An dem eigentlichen Festtage, dem 24. Mai, wurden, soweit bis jetzt bekannt ist, in Berlin und Breslau festliche Gottesdienste, an demselben Tage abends in dem liberalen Verein zu Frankfurt am Main eine Versammlung zu Ehren Geigers abgehalten (ein Festgottesdienst, in der dortigen Synagoge soll am 28. Mai stattfinden). Wir lassen hier den Bericht über die Gedenkfeier in der Lehranstalt für die Wissenschaft deß Judentums folgen: Eine eindrucksvolle akademische Gedenkfeier aus Anlaß des 100. Geburtstages Abraham Geigers veranstaltete am Sonntag den 22. d. M. die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in ihrer festlich mit Girlanden und Lorbeerbäumen geschmückten Aula, deren Hinterwand das mit blühendem Flieder umkränzte Porträt des. Gefeierten zierte. Die Elite der Berliner jüdischen Gesellschaft, Herren und Damen, wie auch viele auswärtige Gäste waren zu dieser Festfeier erschienen. Die rechte Seite der Rednertribüne wurde flankiert von einer Studentendeputation