Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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» Berlin, 17. Mai. Vom Zentralkomitee der Organisation für hebräische Sprache nnd Kultur (Berlin-Charlottenburg, Kantstraße 93) erhalten wir nachstehende Zuschrift : Hiermit geben wir bekannt, daß wir einen unentgeltlichen hebräischen Unterrichtsnachweis eingerichtet haben. Wir sind in der Lage, bewährte hebräische Lehrkräfte zu empfehlen, und bitten wir alle diejenigen, die selbst Hebräisch lernen oder ihren Angehörigen hebräischen Unterricht erteilen lassen wollen, sich an uns schriftlich oder persönlich zu wenden. A. Berlin, 17. Mai. In der wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin sprach Herr Direktor Dr. Feist über das Thema: „Arier und Semiten, ihre ethischen, sprachlichen und kulturhistorischen Beziehungen.'^ Der Redner behandelte zunächst ausführlich das sehr aktuelle Rasseproblem der beiden großen Sprachstämme. Er zeigte, wie diese Frage durch dilettantisch, aber tendenziös geschriebene Bücher von einseitigen Fanatikern (Chamberlain, Gobineau u. a.) ferner aus parteipolitischen Zwecken der urteilslosen Menge in ganz falschem Lichte dargestellt wird.« Die Wissenschaft kenne keine arische (d. h. indogermanische) Rasse in geschichtlichen Zeiten; die sogenannten indogermanischen Völker seien nur durch das Band der Sprachen, nicht durch Rasseugemeinschaft zusammengehalten. Wenn es in fernster, für uns nicht mehr erreichbarer Urzeit auch so etwas wie eine arische Nasse gegeben habe, so sei diese zunächst nicht einwandfrei festzustellen, und außerdem seien ihre Träger längst von den bodenständigen Völkern, die sie in ihren neuen Heimatsländern antrafen, aufgesogen worden. Besser als der indogermanische ist uns der semitische Typus bekannt, den die Araber noch heute in großer Reinheit verkörpern. Aber die Israeliten sind schon in Palästina keine reinen Semiten mehr gewesen, sie hatten hethitische und selbst arische Elemente in sich ausgenommen, und in den späteren Zeiten sind sie durch dahin verpflanzte fremde Stämme, ferner durch den häufigen Uebertritt zum Judentum von seiten der Heiden völlig ein Mischvolk geworden. Nach der Zerstörung des Tempels gar und ihrer Ausbreitung über Europa, Nordafrika und Asien sind den Juden so viele fremde Elemente zugeflossen, daß der semitische Typus unter ihnen nur bei einem geringen Bruchteil vertreten ist. Die meisten Eigenheiten der Juden in körperlicher wie geistiger Beziehung find keine Rassenmerkmale, sondern Errungenschaften einer eigenartigen K^«iur, Ergebnisse ihrer langen Abgeschlossenheit und vielleicht auch der begrenzten Heiratsmöglichkeit. Vielfach mögen auch Degenerationserscheinungen wie bei vielen altkultivierten Völkern und Familien zugrunde liegen. Die anthropologische Forschung kennt keine jüdische Rasse, sie kennt nur ein jüdisches Mischvolk mit eigenartiger Kultur. Alsdann behandelte der Redner die Frage nach der Urverwandschaft der indogermanischen und semitischen Sprachen. Trotz vielfacher Versuche ist sie nicht erwiesen, wenn auch zugegeben werden muß, daß mancherlei merkwürdige Uebereinstimmungen vorhanden sind. Dagegen fand ein Austausch von Kulturwörtern zwischen den beiden Sprachgruppen seit ältester Zeit statt und dauert bis auf unsere Tage an. Ebenso sind die Kulturgüter und Geisteserrungenschaften zwischen den indogermanischen und semitischen Völkern einem steten Austausch unterworfen gewesen, wobei im Altertum und Mittelalter die letzteren der gebende, jene der empfangende Teil waren. Heutzutage ist es umgekehrt: der Orient ist in kulturelle Abhängigkeit von dem Abendland gekommen. Mit einem Ausblick auf die Zukunft des semitischen Orients schloß der Redner seine interessanten Ausführungen. J. Königsberg i. Pr., 11. Mai. Der Verband derSynagogengemeinden Ostpreußens, dem zurzeit 48 Gemeinden der Provinz angehören, hat, wie aus seinem soeben erschienenen Bericht über das letzte Geschäftsjahr 1909/10 ersichtlich ist, seine Tätigkeit hauptsächlich der Förderung der Religio ns sch ul-Verhältnisse zugewendet. Gegenüber Angriffen, die von orthodoxer Seite in der Presse gegen den Verband der Synagogengemeinden erhoben worden sind, weil er angeblich religiös-parteiliche Tendenzen bei dieser Schulsörderung verfolge, verweist der Verband auf die völlige Unrichtigkeit dieser Darstellung und lehnt mit Recht jede Beachtung dieser Vorwürfe ab. Der Bericht rühmt sodann das weite Entgegenkommen der Regierungsbehörden und hebt dankend die namhaften Unterstützungen des Gemeindebundes an die ostpreüßischen Gemeinden zu Schulzwecken hervor. Für die drei Gemeinden Goldap, Angerburg und Darkehmen ist ein gemeinsamer Lehrer in Goldap eingesetzt, die Gemeinden Wormditt, Liebstadt und Mehlsack sind zu einem Schulverband vereinigt. In Labiau, Mehlauken und Wehlau wurde Wanderunterricht mit Lehrern in Königsberg eingerichtet, für die Gemeinde Friedland ein eigener seminaristisch vorgebildeter Kultusbeamter, der auch in D omnau Religionsunterricht zu erteilen hat, eingesetzt und schließlich in Arhs von der Gemeinde Johannisburg aus, in Passenheim von Ortelsbnrg aus Religionsunterricht neu eingerichtet. Sehr erfreulich ist es, aus dem Bericht, zu ersehen, daß Beihilfen zu den Kosten des jüdischen Religionsunterrichts aus öffentlichen Mitteln sowohl von der königlichen Regierung wie von Kommunen mehrfach neu bewilligt worden sind; einzelne Kommunen freilich wollen selbst beim Vorhandensein von zwölf jüdischen Schulkindern die ihnen dann bekanntlich gesetzlich obliegende Pflicht der Beitragsleistung nicht erfüllen, während andere dankenswerterweise diese Beihilfe auch dann leisten, wenn die gesetzlich vorgeschriebene Zahl von zwölf Schulkindern nicht vorhanden ist. Der Provinzialverband der ostpreüßischen Gemeinden hat sich zudem jetzt an die Königlichen Negierungen gewandt und sie gebeten, bei der Staatsregierung weitere Mittel für die leistungsunfähigen Gemeinden in Ostpreußen nachzusuchen. — Auf der am 5. d. M. in Eydtkuhnen abgehaltenen 26. Generalversammlung, auf der 34 Vertreter von Verbandsgemeinden erschienen waren, wurde nach Erstattung des Geschäftsberichtes durch den Vorsitzenden Sanitätsrat Dr. Karnnitzer-Allenstein zunächst eine Resolution angenommen, die sich gegen die obenerwähnten gehässigen Angriffe eines jüdischen Blattes gegen die Tätigkeit des Verbandsausschusses richtete. Es folgten dann der Kassenbericht durch Herrn Jacoby-Allenstein und der Bericht über die Schulinspektion des Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein-Königsberg. Herr Waisenhausinspektor Peritz berichtete über die Penfionskasse für jüdische Religonslehrer und. Kultusbeamte in Ostpreußen, der zurzeit sämtliche Gemeinden als Mitglieder angehören. Die Einnahmen der Pensionskasse betrugen 1909 13600 Mark, die Ausgaben 4050 Mark, der Ueberschuß wurde dem Vermögen der Kasse zugewiesen, das sich jetzt nach neunjährigem Bestand auf 80657 Mark beläuft. Es besteht die Absicht, die Pensionssätze zu erhöhen und weitere soziale Aufgaben in Angriff zu nehmen. Jni Alters- und Siechenhaus des Verbandes, über welches Herr Raphaelsohn- Allenstein referierte, haben 4 Männer und 9 Frauen Aufnahme gesunden. Das Vermögen des Hauses beträgt 48670 Mark. Ein Erweiterungsbau ist vorgesehen. Dann gedachte Herr Rabbiner Dr. Vogelstein des 50jährigen Alliance-Jubiläums, zu dem der Verband auch seinen Glückwunsch übermitteln wird. In der bedeutsamen Frage der Wanderarmenfürsorge wurde nach eingehendem Referate des Rechtsanwalts Wistinetzki ein Antrag Hirsch und Eichelbaum folgenden Wortlauts angenommen: „Die -26. Generalversammlung des Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens spricht sich grundsätzlich für die vom „D. I. G. B." vorgeschlagene Regelung der Wanderbettelei aus und beauftragt den Ausschuß mit der praktischen Durchführung der Sache. Der Ausschuß, dem das Recht der Kooptation zugefprochen wurde, soll fein Hauptaugenmerk darauf richten, vorerst in den einzelnen Gemeinden die Bildung von Lokalkassen zu veranlassen, die sich der Provinzialorganisation anschließen sollen. Die Provinzialkasse soll so schnell als möglich begründet werden." Die Beratung über den Entwurf des neuen Organisationsgesetzes für die jüdischen Gemeinden Preußens wurde wegen vorgerückter Zeit einer im Laufe des Jahres nach Allenstein einzuberusenden außerordentlichen Verbandstagung in Allenstein überwiesen. Dann folgten die Ausschußwahlen und schließlich die Bestimmung von Lyck als Ort der nächsten ordentlichen Verbandstagung. UV.Posen, 13. Mai. Den Berichtüberdas abgelaufeneVerwaltungsjahr der Ritschi-Flatauschen Waisenerziehungsanstalt für Mädchen Hierselbst entnehmen wir, daß vier Zöglinge entlassen und an ihrer Stelle sechs Kinder neu ausgenommen worden sind. Die Anstalt beherbergt gegenwärtig achtzehn Mädchen. Die Verpflegung der Zöglinge hat sich pro Tag und Kopf auf 66.9 Pfennig gestellt, die Bekleidung auf 42.40 Mark pro Kind und Jahr. Die Anstalt