Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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in gedrängter Kürze gegeben. Nicht immer sind die Bücher gut, die dickleibig sind, auch in vier Bogen-kann man vieles sagen, das hat uns der gelehrte Verfasser glänzend gezeigt. Der Plan, sozusagen die Disposition seiner Arbeit, ist klar und durchsichtig, die Durchführung tief und sinnig. Die Geographie des Heiligen Landes ist meisterhaft und gewissenhaft gekennzeichnet, die Fauna, Flora usw. wahrheitsgetreu geschildert. Dem Export der Agrumen und der Cedern wird jetzt mehr Sorgfalt zugewendet. Die jüdische Bevölkerung sott nach dem mir zugekommenen, allerdings von mir nicht kontrollierbaren Berichten, eine höhere sein. Auch der Verkehr soll jetzt einer Aenderung unterworfen sein. Das sind allerdings Mängel, die mit jedem Jahre des Fortschrittes und der Entwicklung sich naturgemäß von allein ergeben werden. Was aber der gelehrte Verfasser in den folgenden Kapiteln geleistet, ist geradezu einzig in seiner Art, und wird selbst jedem Sachkundigen höchst angenehm überraschen. Mag man über die Träume Herzls in seinem Alt Neuland denken wie man will. Seine Träume werden in Stiaßnys Hand zu Fleisch, da hat man mit dem praktisch, sachlich ausgebildeten erfahrenen Realpolitiker zu tun. Ich glaube nicht, daß uns jemals der Plan einer Anlage, einer städtischen Kolonie in dieser Form und Ausdehnung, die Errichtung einer Stadt mit ihrem Gebiete, die fast gleichzeitige Erbauung eines städtischen , Gemeindewesens mit einem Kranze von Landgemeinden, die mit ihm in geistiger und materieller Wechselwirkung stehen — vorgelegt worden ist. Dieses Verdienst gebührt tatsächlich Herr Baurat Stiaßnh, dessen Werk sich vorzüglich eignet zu Propaganda- Zwecken für Kolonisation im Heiligen Lande von allen Vereinen, die dieser Idee ohne jeden Hintergedanken sympathisch gegenüberstehen. Eine solche vorzügliche Abhandlung konnte aber auch nur ein Stiaßnh leisten, steht er doch länger als ein Menschenalter als Vertreter der Millionenstadt Wien in erster Reihe. Wer als Gemeinderat und als Jude so hochgehalten und von allen Parteien anerkannt wird, muß auch etwas geleistet haben. Diese reiche Erfahrung, gepaart mit der heißen Liebe, die Stiaßnh als warmfühlender Jude stets bekundet (Herr Baurat Stiaßnh ist auch einer der geachtetsten und beliebtesten Kultusräte der jüdischen Gemeinde), kommen in diesem Werke bestens zur Geltung. Das Buch weiter beschreiben, hieße es — wörtlich abschreiben, ich finde ratsamer, es zum Lesen, zum Studieren zu empfehlen, wofür jeder mit mir für diese genußreiche Lektüre dem verdienstvollen Verfasser aufrichtigen Tank wissen wird. Prof. Dr.. N. Brettholz-Triest. * Bei Kempinski und anderes. Humoresken aus dem jüdischen Leben von Oskar Klein. Berlin, Carl Duncker. Ganz lustige Erzählungen, aber ohne literarischen Wert. Der Typus der aus kleinen östlichen Städten stammenden Juden ist ganz gut getroffen. Hauptsache ist das Zustandekommen von Ehen, wobei namentlich die Tante, die nur aus Liebe, nicht etwa um Geld zu verdienen. Ehen stiftet, ganz amüsant beschrieben wird., Wirklich gut ist nur die Geschichte „Die Deputierte aus Neutomischl", die Geschichte einer Frau Kommifsionsrätin Rüben, die einen Frauenverein gründet, als dessen Deputierte nach Breslau geht, und bei dieser Gelegenheit ihre Tochter glänzend verheiratet. L. G. $ Golus. Novellen und Skizzen aus dem jüdischen Leben von David Rotblum. Brünn. Jüdischer Buch» und Kunstverlag. Kein ganz unbedeutendes Buch, nur in einer etwas verwahrlosten Sprache. Es sind längere und kürzere Geschichten, oft nur Entwürfe, die meist von Trauer und Elend reden. Dazu seltsame Wundergeschichten, z. B. eine, wie ein Rabbi einem zuwandernden Bettler und dessen Kindern eine herrliche Gesangsstimme verleiht, diese aber wieder zurücknimmt, als jener die Synagogengesänge im Hause eines Grafen um schnödes Geld hatte ertönen lassen. Humor erklingt selten — denn die eben angedeutete Geschichte ist blutiger Ernst — z. B» in der einen Geschichte, in der berichtet wird, daß eine arme Familie einen Indian mästet und schließlich entdeckt, daß er zum Genuß verboten ist. Am hübschesten sind die Erinnerungen an die Großeltern: „Großvater beim Seder, Großmutter beim Barscht". In den „Märchen meiner Mutter" steckt ein Ansatz zu wirklicher Poesie. * Eine neue Heine-Ausgabe. Die in diesen Blättern schon einmal gerühmte Tempel-Ausgabe schreitet rasch fort. Zu den früher erschienenen zwei Heine-Bänden haben sich Ende März zwei weitere gesellt, Band 3 und 4. Der 3. Band enthält die poetischen Erzählungen, den Anfang der Reisebilder, englische Fragmente. Briefe aus Berlin, Band 4 die Erzählungen in Prosa, darunter den unvergleichlichen Rabbi von Bacharach. Band 1 brachte unter anderen Gedichten die „Lamentationen" und „Lazarus", Band 2 die hebräischen Melodien. Die Ausgabe, die keinerlei Anmerkung und Einleitung gibt, nur am Schluß eine Biographie von Rudolf Fürst bringen wird, der man mit Begierde entgegensieht, ist in ihren geschmackvollen grünen Bänden mit ihren neuen, schön lesbaren Typen eine wirkliche Zierde, und dabei im Verhältnis zur gediegenen Ausstattung sehr billig (pro Band 3 Mark). Wie hätte sich unser G. Karpeles gefreut, daß sein Liebling Heine, dem er einen großen Teil seiner Lebensarbeit gewidmet hatte, in die „Tempel-Klassiker" seinen Einzug genommen hat. — Der so rüstig geförderten Ausgabe ist die weiteste Verbreitung zu wünschen. * L. Gft Julius v. Voß, Teil I und II, Abschnitt 1. Berliner Dissertation von Johannes Hahn. Berlin, E. Ebering 1909. S., 48—52 wird die Behandlung der Juden in den zahlreichen Dramen und Romanen des fruchtbaren Berliner Dichters dargestellt. Das meiste war ziemlich bekannt. Interessant ist die kurze Darstellung der philosemitischen Episode in des Dichters Werken: ersetzte eine Posse „Euer Verkehr" der stark judenfeindlichen „Unser Verkehr" entgegen. & Eine interessante Kleiderordnung aus dem Jahre 1696 wird in der Zeitschrift „Alt-Berlin" Nr. 1, 1910, veröffentlicht. Es hieß darin, der König hätte mißfällig bemerkt „daß die Dienstmägde und ganz gemeinen Weibsleute, es seien Christen oder Juden, sowohl in den Städten als auch auf dem platten Lande seidene Kamisöler, Röcke und Lätze gar häufig tragen, solches aber nicht allein dem Debit der dem ganzen Lande so sehr ersprießlichen Wollmanufaktur hinderlich, sondern früheren Verordnungen entgegen und zu sündlichem Leben Veranlassung gäbe." Daher wurde verordnet, daß sechs Monate nach Publikation des Edikt solche Gegenstände nicht mehr getragen werden dürsten, im Falle der Zuwiderhandlung sollten sie von der Behörde den Trägerinnen abgenommen werden. Das Edikt scheint aber nicht viel gefruchtet zu haben, so daß es namentlich in der Negierungszeit Friedrich Wilhelms I. dreimal, 1731, 33 und 34 wiederholt wurde. Vierzig Jahre später, am 6. November 1747 wurde von den Aeltesten der sämtlichen Judenschaften in den Königlichen Provinzen eine lange Eingabe direkt an den König eingereicht, in der die Inden „in Ansehung ihrer Dienstmägde und ganz gemeinen Weibesleute" um Erneuerung jenes alten Ediktes nachsuchten „weil die Pracht nnd der Luxus überhand nehme und viele Veruntreuungen und dergleichen zu verzeichnen wären." Nun aber zeigte sich die. Behörde ihrerseits nicht geneigt, auf die Bitte einzugehen. Der Polizeidirektor von Berlin, Philipps, der freilich fünf Jahre zur Beantwortung der Bittschrift brauchte, erklärte sich aus verschiedensten Gründen gegen die Wiedereinführung des Edikts, teils weil die Unterstützung der Wolle im Gegensatz zur Seide nicht mehr nötig sei, teils im Hinweise auf Frankreich, das solche Kleiderordnungen nicht kenne. Infolge dieses Gutachtens wurde die Vorschrift wirklich nicht erneuert. L. G. * Witz itub Humor. Streifzüge in das Gebiet des Komischen von Wilhelm Rullmann. Berlin, Egon Fleische! & Co., 1910. Ein sehr amüsantes Buch. Für unsere Leser besonders dadurch interessant, daß sich darin, Seite 77—99, auch ein Abschnitt „Witz und Humor bei den Juden" finden. Er ist nicht sehr selbständig