Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228928--66509-3278649- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Welt, die schönste Shawls trägt. Von neuen interessanten Menschen Hab ich Dir auch noch die Frau von Pommer Esche zu nennen, sie ist ein Kind des Meeres, auf der Insel Rügen geboren und groß geworden. Voll frischen Wellenschlags; solche Menschen machen mich stets viel Nachdenken. Von den Männern bleiben Schnorr und Costenoble mir die bedeutendsten. Auch neue Breslauer sind hier, die Cholera wütet in Br. schrecklich, ich Hab aber einen guten Brief von Jettchen. Das war heute ein Morgen, so wonnesam lind, die Lustwelle so sanft und voll balsamischen Rosendufts, alles so erquicklich, daß ich oft seelig atmend still stehend, Dich herbeiwünschte, Dich an meine Seite. Plötzlich überkommt michs auf allen Gängen oft, als wartete jemand daneben irgendwo aus mich, ich schelte mich, daß ich noch gehe, ruhe, zögere, nicht zu Haus bin. Du, Du liebe Nina, bist es, die mein wartet, aber nicht hier, noch sind Täler, und Berge zwischen uns, aber dank den Händen, die die Straßen bereitet, Wagen gebaut und Pferde eingeschirrt und Dampfrosse erfunden, bald, bald ich bei Dir. Diesen Brief bekommst Du am 20., dem Tage, an dem ich von hier abreise. Vielleicht kommt noch Brief von Dir, ich schicke daher dieses erst heute Abend ab. Auf der großen Wiese vor. meinem Fenster hat alles abgeblüht; wenn gemäht wird, geh ich fort und lasse der hohen Saison die Naturumgebung, deren erstes Blütenerwachen ich in mich einsog. Wie froh bin ich, ach so froh, daß ich zu Dir komme, Du meine Lebensblume, mir ist mein Altar wieder aufgerichtet mitten im Herzen der Welt, und das bist Du, Du meine Nina! Doch ich weiß nicht, was ich rede und reden soll! Ich habe Dich sehr, sehr, unaussprechlich lieb! Da siehst Du, Du liebes, herrliches, herzkerniges, prächtiges Wesen, Du liebe, gute Nina, gelt, ich hab's heute morgen gewußt, wie lieb Du bist und wie lieb Du mich hast und jetzt Hab ich soeben wie erwartet, Deinen Brief vom 12. bekommen, und ich bin. wie mit lauter Rosen zugedeckt. Aber Du lobst mich so sehr, ich will aber nicht mehr bange sein, daß ich Deiner hochheiligen Empfindung nicht entspreche. Ich sage nur diese paar Worte noch, denn wie kann ich Dir genugsam aussprechen, wie unendlich seelig Du mich machst und wie lieb ich Dich habe. Dein Berthold. Grüße die Unsrigen alle und besonders auch Siegmund und seine Frau. Ich freue mich sehr zu ihnen. Meltkrrude. Von F. Ottmer. Herr sah auf die Welt. Tag und Nacht wechselten in gleicher Pracht am Himmelsgewölbe. Ging die Sonne dahin in ihrem Strahlenglanze, so tauchte der Mond auf in seiner Milde; und waren beide fern, funkelten die Sterne, zuckte aus majestätischen Wolken der Blitz, schauerte glitzernder Schnee hernieder. Herbst und Winter, Frühling und Sommer führten einander an der Hand in duftender Blüte, in reifender Frucht, in goldenem Laub, in kristallenem Eis. Grüne Wiesen lagen zwischen hohen Wäldern, ragende Berge standen in weißem Gewand, , das Meer breitete sich, die Flüsse strömten durch lachendes Gelände. Und der Herr sah auf die Werke, die er sein Geschöpf, den Menschen zu vollbringen begnadet hatte: Bilder, die die Schönheit spiegelten, weiße Statuen, die die Jugend festhielten, Kuppeln und Türme, den Bergen nachgeformt. Er hörte den schmeichelnden Klang der Flöte und neben dem Sang der Nachtigall den süßeren der Menschenstimme. Den Lorbeer sah er um junge Stirnen sich winden, sah Liebende dahinwandeln, Mütter ihre blühenden Kinder an die Brust drücken und Greise im Abendschein lächeln. So sah der Herr. Da kam ein Wanderer des Weges. „Hast du die Schönheit meiner Welt genossen?" fragte ihn der Herr. „Hast du dich gebadet in meinem Sonnenschein und meinen Himmel bestaunt und das Funkeln meiner Sterne?" „Nein," sagte der Wanderer. „So bist du nicht durch die blühenden Wiesen gegangen und durch die rauschenden Wälder, nicht an den Strand meiner blauen Meere und hast nicht .von den Zinnen meiner Berge ins Weite geschaut?" „Nein!" „Und warum hast du sie nicht genossen, meine schöne Welt!" „Deine Hand hatte mich getroffen und mir mein Liebstes geraubt." „Aber es blieb die Schönheit und das Streben und der Ruhm und die Liebe." „Von mir hatten sie sich alle gewendet." „Und hast du dich nicht gefreut am Schaffen und am Glück der anderen?" „Ich habe auch bei den anderen nichts mehr gesucht als das heilige Unglück, das du sendest." „Das Glück ist heiliger als das Unglück!" sagte der Herr. „Ohne Vermittler kommt es von mir als freies Geschenk. Am Unglück aberhaben Sünde.und Undank, Fehl undUeberhebung teil. — Und was willst du hier?" „Eingehen in dein Paradies." Da sprach der Herr: „Ich habe die Welt geformt nach dem Ebenbild des Paradieses. Bist du an den Blumen des Frühlings vorbeigeschritten, so wird dein Fuß den Teppich, der hier gebreitet ist, achtlos streifen. Hast du nicht aufgesehen zur Majestät der Berge, so wird dein Blick vorübergleiten an den Zinnen und Kuppen von Gold und Edelgestein. Hat dein Ohr nicht dem Sang der Nachtigall, der Geige und der Menschenstimme gelauscht, so werden ihm in den Chören der Engel keine Harmonien tönen. Hat dein Herz nicht teilgenommen an Glück und Liebe, so wird das Wandeln der Seligen seinen Schlag nicht erhöhen. Hast du mich nicht angebetet in meinen Werken, was soll dir der Sitz zu meinen Füßen? Geh', dir kann mein Paradies nichts bieten! Literarische Mitteilungen. Das Projekt zur Anlage einer Kolonie im Heiligen Lande oder in einem seiner Nebenländer von K. K. Baurat Wilhelm Stiaßny. Vorliegende Abhandlung hat ihr Entstehung einem Vortrage zu verdanken, den der derzeitige Präsident der Kolonisations-Vereine, Baurat Wilhelm Stiaßny, gehalten hat. Die Abhandlung über diesen Gegenstand ist eine der besten und interessantesten, die jemals über das Heilige Land veröffentlicht worden ist. Sagt ja der Verfasser selbst, daß er aus dem Vollen geschöpft, da ihm ein reiches Material zu Gebote stand, das er während eines Menschenalters gesichtet und gesammelt, und uns nur die reife Frucht, einen klaren UeberbÜck