Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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dev Institutsdirektor Blochmann aus Dresden hier, mit Frau, Altjungferschwester und zwei Töchtern aus der.Gattung der Pfarrerstöchterlein, Du wirst diese alle später in Dresden kennen lernen. Mit Bl. habe ich oft Disput über religiöse Fragen, er ist kirchlich fromm, dabei aber philosophisch sehr gebildet, wir können miteinander auf der 20. Stufe an fangen und^ weiter gehen. Er ist einer von jenen behaglich fetten Menschen, die sich in politischer und kirchlicher Loyalität wohl befinden und alles Mißliche auf die Erbsünde und die ursprüngliche Verdorbenheit der Menschen zurückführen, die sich nur durch Christus ausgleichen lasse. Die Frau ist auch sehr redefertig und will mehr durch die Gemütsseite ihres Kirchentums wirken. Ich lebe auch mit dieser in manchen Beziehungen gut, da wir nun einmal einig sind, daß wir uns in gewissen Dingen nicht vereinigen. Sonst drängen sich auch noch viele Bekanntschaften herzu und jetzt besonders auch die sogenannte baute volee, seitdem die Königin mir so freundlich ist. Ich lasse sie aber ruhig abgleiten. Ich kann die Welt entbehren, jetzt schon in dem Denken an Dich, und wie wird^s erst sein, wenn ich Dich ganz habe! Ich erlaube Dir, wenn Du es willstmeinen Brief ganz oder teilweise Heinrich') zü lesen zu geben, er verdient es für sich und um uns. Kissingen, den 15. Juni 49 morgens 10 Uhr. Meine herzliebe Nina! Ich will Dir die Tage, die ich noch hier bin, schreiben so viel ich kann, ich weiß ohnedies nicht, ob ich Dir von der Reise aus werde schreiben können und ich bitte Dich im voraus dringend. Dich in keiner Weise zu ängstigen. Diese Pause dauert ja nur einige Tage. Samstag den 16., morgens 9 Uhr. Meine herzliebe, grundgute, brave und schöne und liebe Nina, Du prächtiger lieber Kerl, ich Hab' Dich recht lieb, kannst mir glauben, ehrlich und rechtschaffen, so lieb als nur ein Mensch den andern haben kann. Du weißt es und wirsts immer wissen. Ja, was Hab' ich Dir denn sagen wollen? Ja, mir ist's, als säß' ich' bei Dir an Dich gelehnt und ich brauche gar nichts reden und will nichts reden und Dich nur lieb haben, so recht rechtschaffen, so selbstvergessen allvergessen, versunken, die Lippen-zugesiegelt, doch so süß und Du hast mich so gut. Du bist lieb, so echt und körnig, und wenn ich alle Sprachen der Welt verstünde, ich könnte Dir nicht mehr sagen. Aber jetzt, jetzt sangst Du, jetzt erzähl' mir. auch Berthold, sprich doch etwas, nun gut, meinetwegen, ja, weil Du's so willst, ja hör mir zu, ich erzähl' Dir ja. Was weiß ich denn? Laß mich nur besinnen, ich werd's schon finden. So. also von gestern soll ich Dir sagen? Gut, ich stecke mir meine Zigarre an — Sie erlauben doch mein Fräulein? — und jetzt hör' zu. Als» gestern Hab ich Dir die wenigen Worte da oben geschrieben, es war so fröstelnd naßkaltes Wetter und man lebt hier oft wie eine Blume im Felde, so abhängig von Sonnenschein und Regen, das Man heißt nämlich Ich, und da war mir's wieder wie damals, als ich fast mitten im Schreiben einschlief. Ich hatte mir auch vorgenommen, Dich wieder vielleicht unnötig um Verzeihung zu bitten, denn guter alter Kerl, ich meinte, ich hätte Dich betrübt, weit ich all den Flitter von der Fronleichnamsprozession^) abriß, die Dich so sehr ergriffen hatte, aber das mußte sein. Dein Berthold, liebe ') Ninas bereits wiederholt erwähnter Bruder (Hieronymus Lorm). -) Auerbach hatte sich über die erste von Nina mitangesehene Wiener Fronleichnams-Prozession nach der Märzrevolution brieflich sehr scharf geäußert. Siehe meine Biographie S. 225. Nina ist ein seltsamer Mensch, leicht sich selbst Vorwürfe machend; so ging mir's vorgestern wieder, ich ließ mich dazu verleiten, mit sonst liebenswürdigen Menschen, die aber anderer politischer Strebungen sind, eine Partie nach Trimburg zu machen. Ich war überaus lustig und darf wohl sagen, der Regisseur der allgemeinen Heiterkeit, und die Mädchen setzten mir einen Blumenkranz aus und wir sangen und scherzten, und da ward ich auf der Heimfahrt tieftraurig, nicht weil ich so lustig war ohne Dich, das willst Du und ich, sondern weil ich jetzt mich mit Heiterkeit erfüllte, während mein Vaterland blutet. Auch ich erwähne das nicht mehr gerne gegen Dich und gegen sonst niemand gewiß, denn dieses Klagen und immerwährende Durchschneiden erscheint mir so nichtig, da nun doch einmal nichts zu tun ist für mich und durch mich. Aber Du wirst es im allgemeinen noch oft finden, daß ich leicht momentane Reumütigkeiten über ein Gehenlassen meiner selbst empfinde, die vielfach unberechtigt sind, und Du wirst mir stets helfen, mich rasch daraus emporzuarbeiten und mir die Sicherheit meiner selbst zu geben. Ich komme mir jetzt, da ich Mich brieflich Dir schildern Muß und willwie eiU gar seltsamer Kauz vor, voll schneller Und heftiger Wandlungen, aber Du wirst alles schon sich zurechtsinden machen, und immer, verzeih mir, daß ichs so oft sage, wenn ich im Gegensatz zu den Briefmitteilüngen im gewohnten Leben manchmal widerwärtig bin, so wirst Du alles mit Deiner lieben Seele aufnehmen und ausgleichen. Jetzt so mitten aus der Selbst- und Welterschütterung den Grund eines neuen Lebens festigen, das ist so etwas Ungewöhnliches, Bedeutsames, daß wir uns durch höhere Lebenskraft und Wirkung dessen würdig zeigen müssen. Wir brauchen keine wohlgesetze Traurede, wir haben uns vor dem innersten Herzensaltar des ewigen Geistes selbst getraut und einander geistig die Hand gereicht zu unwandelbarem heiligen, gemeinsamen Tun. — Ich will aber nicht mehr und immer so weiter hinauffteigen. Ich stelle mich auf den festeren Boden des gestern und heute. Ich war gestern Mittag zur Königin zu Tisch geladen und ging uni 1 Uhr hin. Es war ein recht trauliches Mahl. Die Königin und ihre beiden Töchter, der Kammerherr, die Oberhofmeisterin und ich waren bloß bei Tische, und ich mußte meist die Unterhaltung führen und ich tat es ganz ungezwungen. Viele Oberflächliche glauben hier, man wolle mich durch allerlei Gunst kirre machen, das ist aber nicht entfernt der Fall, kann auch nicht sein. Ich sagte der Königin offen, es sei mir Bedürfnis, damit sie keine Täuschung erlebe, ihr zu sagen, wie demokratisch ich gesinnt sei und sie nahm das unbefangen und Wohlwollend auf. Wir waren gestern sehr heiter, besonders meine Nachbarin, die Prinzessin Katharina, war sehr aufgelegt und zeigte mir nach Tische ihr Söhnchen, ein Junge im Alter meines August, da gab es dann vielen Austausch über den Einblick ins Kinderleben. Nachmittags schlenderte ich in der Stadt umher, wo Jahrmarkt war und hatte mancherlei Freude in dem eigentümlichen Leben hier, wo die Leute sich Sensen, Sicheln und Stränge kauften, wie fern ist das von dem Hofleben dort und -doch so nah!') Abends ging ich mit der Frau von Bissing aus Hamburg spazieren, nicht wahr, ich werde sehr vornehm? Die reiche, arme schöne Frau ist mir von ihrem Schwager Dr. Wille empfohlen, sie wurde im 17. Jahre verheiratet und ihr Mann ein Rone, ist nun schon seit neun Jahren gelähmt und blödsinnig, sie hat ein einziges Töchterchen. Es gibt doch großes Elend in der y Spuren der Gegensätze von Schloß- und Dorfleben irn Roman; „Auf der Höhe",