Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228928--66507-3278647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die häufige Anwendung der Bezeichnung „Kirche", „Pfaffe", „Klerisey" usw. für das jüdische Priestertum, die Verwendung, von „Ihr" und „Euch" statt „Du" und „Dir" ist shakespearisch. Wenn Saul von David sagt: Der Teufelskerl, was führt er für 'ne Klinge! Wir schlafen, und der baut sich Monumente. Als wenn's zum Tanze mit der Fidel war', -So kratzt er auf Philisterbolk herum! oder Jonathan anführt: Bist Du auch, Prinz Ueberflüssig, da? oder zu Michal spricht: Hier kein Firlefanz Von Seufzern und Allegorien gemacht! endlich seinem Grimm so Ausdruck gibt: Das fehlte noch, "Daß sich die alten Weiber, Hexenmütter Und Zeichendeuter in den Hader mischten! Im Lande baue man ein Galgennetz Für die verfluchten Lug- und Zauberspinnen! Kein altes Weib'soll fürder leben, die Ein kotzenröthlich Aug' im Kopfe trägt, Kein Faselhans, der Kröpfe will beschwören Und Träume dummem Bauernvolk erklärt! Und wo ein Pfaff den Himmel offen sieht Und sich im Namen Gottes unterfängt, Von Stiinmen aus der Höh zu reden: flugs Ein Scheiterhaufen angebrannt, dem Kerl Mit Theer das Prophezeien angestrichen! so glaubt man in der Tat Shakespeare zu hören. Jngleichen sind die beiden Philistersürsten „Flach" und „Oberflach" zwei köstliche Prototype von Dummheit und Borniertheit, den Tölpeln und Rüpeln Shakespeares glücklich abgelauscht. Alles in allem — ein höchst interessantes, lesenswertes Werk (nur sehr schwer oder gar nicht erhältlich), aber keine Saul-Tragödie auf biblischen Grundlagen. (Fortsetzung folgt.) Lrsutigsmsbrirke von Lerthold Uuerbsch. Mitgeteilt von Anton Bettelheim. (Schluß.) Montag, 4. Juni halb 10 Uhr. Um 3 Uhr war ich zu ihr^) gegangen, sie war allein mit ihren beiden Töchtern, der Prinzessin Friedrich, einer vollen Schönheit, und der noch ledigen Prinzessin, die zwar nicht schön, aber äußerst lebhaften, schnellfassenden Geistes ist. Ehe wir's uns versehen, hatten wir zwei Stunden miteinander verplaudert, und ich selber fragte, ob es nicht Zeit zum Fortgehen sei, und sie entschuldigte sich, wenn sie mich vielleicht zu viel ausgefragt und bei der Badekur beansprucht habe. Du weißt ja, man fühlt das, ich habe der Königin manches Ersprießliche gesagt, und sie hat es auch als solches ausgenommen, es geht einem im Gespräche oft wie mit einer guten Tänzerin, bei der man fühlt, daß man sie in seiner Gewalt und im Takte hält. Unser Gespräch war aber kein Tanzen, sondern ein ernster Gang mitten durch die Verhaue der Gegenwart-, und es gelang mir, den Geist der Hörer über die Mauer hinaufzuheben, die alle Aussicht zu versperren scheint. Mit aller Mäßigung in der Form sagte ich die volle Wahrheit, und die Königin, die mir oft sagte, daß sie eine gute Schwäbin vor allem sei, bekannte mir: sehen Sie, ich bin keine Radikale, und das werden i) Königin von Württemberg. Sie auch nicht von mir verlangen, aber ich will auch die ehrliche Durchführung der liberalen Prinzipien. Ich erklärte ihr, wie es so falsch ist, daß die Fürsten große. Opfer zu bringen ^glauben im Aufgeben der unbedingten Souveränität, sie hatten diese im alten deutschen Reiche nicht und im Bunde waren sie Untertanen Metternichs. Es ist aber ja viel größer, dem Volksgesetz sich unterwerfen. Das zündete. Ich erklärte ihnen noch, wie sie selten die Wahrheit hören, und alle drei Damen beklagten sich sehr über die Etikette und die. Umspannung durch den Adel. Dieser bekam nun auch sein Sach' von mir, und ich zeigte ihnen, wie sich's in Baden erwiesen habe, daß der Adel die Throne nicht schirme und wie er durch sein unnationales Wesen alle Bedeutung verloren habe. Wir sprachen dann noch viel über Volksbildung, über den Unterschied von Nord und Süd und dergleichen. So wenig eigentlich jetzt eine Fürstin in der Welt zu sagen hat, so ist es doch gut, wenn sie. die ungeschminkte .Wahrheit kennen lernen. Die Königin ist nicht so rasch fassend, und sie übersetzt sich alle philosophische Anschauung der Weltgeschichte gern ins Religiöse, die ledige Prinzessin besonders aber machte oft treffende Bemerkungen. Ich habe der Königin die kleine Waldgeschichte geliehen?) von der ich Dir sagte; ich bemerkte, daß ich das Exemplar wieder haben müsse, indem ich es Dir bringen will. Sie erkundigte sich sehr nach Dir. Ich hätte ihr das Exemplar wohl schenken können, und Du hättest es auch nicht übel genommen, aber ich sage offen, die Königin könnte sonst glauben, sie müßte mir ein Gegengeschenk machen und das will ich nicht. Gestern Morgen nun geschah, wie man hier sagt, dcss Unerhörte, ich ging mit meiner Mütze bedeckt in der Seitenallee, da verließ die Königin ihre Umgebung, kam zu mir, bedankte sich und sagte, ich solle mit spazieren gehen. Ich ging mit der unerhörten grünen Mütze lange mit ihr, und wir sprachen wieder wie zwei gute Landsleute, so etwas bemerkte sie auch. Heute ging ich stets abgesonderte Wege, ich will nicht immer mit dem Hofe sein. Was sagst Du nun aber dazu, daß sich Dein Berthold mit einer Königin und Prinzessinnen umhertreibt? Ich habe bei meinem Vogelneste und im Umgänge mit bürgerlich freien Menschen doch mehr Freude. Dienstag, -5. Juni halb 9 Uhr. ... Jetzt will ich Dir aber von lieben Menschen erzählen, die ich hier habe, dazu gehört besonders der Elsenbahndirektor Costenoble von Berlin und seine Frau, die mit mir im Hause wohnen. Sie haben ihre beiden Kinder durch den Tod verloren, und es wird ihnen schwer, besonders der Frau, die echte Lebenslust wieder zu gewinnen. Wohin man in der Welt blickt, ein Ringen aus dem Schmerz heraus, und nur wenigen gelingt es, aus eigener Kraft sich zu erlösen. Diese beiden Menschen gehören in jene edle Genossenschaft der Menschen, die zusammen gehört, ohne je ein äußeres Band als Kirche und dergleichen zu haben. Der Mann hat aus den Naturwissenschaften und selbständigem Denken seine Heilung gefunden. Wir gehen oft miteinander und da kann ich dann? auch von Dir sprechen, und sie hören mir gut zu, und ich bringe ihnen auch manchen erfrischenden Gedanken. Der Kaufmann Etwas und seine Frau, er ein lustiger Hypochonder voll kecken Mutes und gespannter Laune, bis er bisweilen in sich zusammensinkt, sie eine stille, fein redende Frau. Dazu der Lattniann,' von dem ich Dir schon gesprochen, ein Mensch voll schöner unmittelbarer Noblesse. Mit dem feurigen Schnorr ist sein Schwager y Möglicherweise „Des Waldschützen Sohn, ein Stück Kindesleben", zuerst gedruckt im Iugendkalender für 1847, dann „Deutsche Abende" (Mannheim 1851).