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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-20 · Heft 20 (20.5.1910) · p. Seite 235

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
Seite 235 (sequence 7)
Language
German
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- 235 deutsche Sitte der Sprechstunde nicht kannte, und zur ungelegenen Stunde gekommen war, wollte mich Fräulein Meyerowicz abweisen, als ich die Stimme Geigers am Ende eines langen Korridors ertönen hörte: „Was aus Amerika kommt, nur immer herein." Das Gefühl der Aengstlichkeit in der Fremde, die schwere Last des Heimwehs waren nach dem ersten Begegnen mit diesem edlen Manne verschwunden. Es war mir, als ob ich bei meinem eigenen Vater gewesen wäre. Wie damals seine herzliche Zusprache, so hat mir oft sein Andenken Geist und Herz gestärkt. Tfv Saul-Tragödien. Von Dr. Leopold Hirschberg-Berlin. II. er dritte Aufzug zeigt uns Saul bereits von dem finstern Geist besessen, den David durch sein Saitenspiel bannen muß; noch ist das Innere des gequälten Königs zwischen Haß und Liebe geteilt. Daß die philistäischen Gesandten ihm und David Geschenke bringen, daß die Bewohner von Kegila den David von ihm als Führer erbitten, steigert seinen Zorn. Aber nun läßt uns der Dichter wieder einen Zug in Sauls Charakter sehen, der wie kein zweiter geeignet ist, dem Helden des Dramas unsere Sympathien zuzuwenden. Er zeigt uns den König als einen Menschen, der für die Größe seines Volkes alles zu tun imstande ist. In einem von visionären Entzückungen unterbrochenen Halbschlaf sieht er zunächst sein eigenes Ende vorans: Sein Volk erhob er vom Staube; Wer ist, wie der Mächtige war? Er schritt wie ein Löwe zum Raube, Er flog wie zur Sonne der Aar. Einsam im schweigenden Thale Verwittert das graue Gestein, Saul ruhet unter dem Male, Und niemand denkt mehr sein. . Dann aber erblickt er im Geiste Judas Panier auf Zion, er sieht die prächtige goldene Burg, er erschaut den aus dem Felsen emporgrünenden Hirtenstab: Und lagernd ruht mein Volk — der Harfen Klang Ertönt im Thal — Horch! Davids Lobgesang! Er rauscht empor auf seinen Flammenschwingen Zum Thron des Herrn, und Tausend Tausend singen. Wie Wogen im brausenden Meere: Gott ist der Herr, gebt unscrm Gott die Ehre! In milder Ergebung heißt er Jonathan mit David gehen: Mit ihm ist Gott. Mag er nach seiner Macht mit ihm und mir, Was er beschloß in seinem Rath, vollenden. Der erste Ausritt des vierten Aufzuges bringt in Sauls Zwiesprache mit dem alten Priester Ahimelech deutlich den Haß des Königs gegen Samuel zum Ausdruck; mit immer sich steigernder Heftigkeit kündet Saul dem Alten den Tod aller Priester. Der Weheruf Ahimelechs wirft Saul in dumpfe Betäubung, aus der ihn Davids von fern erklingendes Saitenspiel erweckt. Er ruft den Knaben herbei, der ihm erst ein Friedenslied, dann einen Gesang der Schlacht singen muß. Am Ende des letzteren dringt der König, von plötzlicher Wut übermannt, mit entblößtem Schwert auf David ein, der aber nicht, wie in allen übrigen Bearbeitungen, nach dem Speerwurf entflieht, sondern, seine Brust entblößend, sich vor Saul niederwirft: Herr, willst Du, nimm mein Blut! Doch nicht im Zorne tödte mich; noch einmal Das letzte Mal laß Deiner Gnade Blick Auf Deinem Diener ruhn! So wird der König seiner unseligen Verblendung inne, und auch der Zuschauer muß dieser Ausdruck hohen persönlichen Mutes mit David völlig versöhnen. Saul ist diese neue Beschämung durch seinen vermeintlichen Feind unerträglich; er dürstet aufs neue nach seinem Blut und stößt den bang hinzueilenden Jonathan, der sich gegen den Vater für den Freund erklärt, heftig von sich. Mit trotzigem Haß wappnet er sich: Dich hat mein Sohn. ' Von mir errettet, David! Nicht Dein König, Es sollen meine Knechte Dich erwürgen! In blinder Wut gebietet er Abner und den Fürsten, David zu sahen und alle Priester zu tödten. Der letzte — schwächste — Aufzug bringt die Beschwörung oon Samuels Geist und Sauls Tod. Er stirbt, mit David versöhnt und die Gnade des Herrn aus seinen Nachfolger herniederflehend. 4. König Saul. Trauerspiel in fünf Aufzügen von Karl Gutzkow. Erschienen 1839. Den dramatischen Aufbau an diesem Werke Akt für Akt zu verfolgen, ist nicht notwendig, da der Verfasser dabei wohl nicht an eine Aufführung gedacht hat. Das gestaltende Moment des Dramas ist der bis zu den äußersten Konsequenzen durchgeführte Konflikt zwischen Königsherrschast und Priestertum. Die Durchführung dieses Konflikts geht sogar so weit, daß nach Sauls Tode der Geist Samuels als eine Art „schwarzer Ritter" dem David erscheint und ihn mit gierigen Worten zum Priesterknecht machen will. Der „Störenfried", wie er sich selbst nennt, zaudert nicht (da David von seiner starren Unversöhnlichkeit nichts wiffen will) seinen Schützling als Verräter zu bezeichnen. Der Umstand, daß aus dem Munde Samuels zuletzt sogar noch eine Prophezeiung des „Menschensohnes" erfolgt, zeigt deutlicher als alle Worte, daß Gutzkow keine historische Tragödie schreiben wollte, sondern einzig und allein ein Tendenzstück. Die Namen eines Teiles der Personen borgt er sich aus der Bibel, ebenso einige Tatsachen; im übrigen aber sind diese Personen ganz moderne Menschen, die in einem gewissen Sinne einen Kulturkampf ausfechten. Inwieweit und ob überhaupt diese Auffassung eine Berechtigung hat, dies zu entscheiden, möge dahingestellt bleiben. Die ganze Anlage dieses dramatischen Gedichts hat nun auch eine höchst eigentümliche Sprache zur Folge; sie zeigt sich deutlich von Shakespeare beeinflußt, ja kopiert den großen Meister bisweilen vollständig. Hatte Gutzkow doch kurz vorfyx1) die barocke Farce „Hamlet in Wittenberg" verfaßt. Die erste Szene trägt den Hamlet an der Stirn geschrieben. Zwei Wachen, dann ein Offizier wandeln in der Morgendämmerung auf der Galerie des Königspalasles: Erste Wache. Die dritte Stunde schlägt vom Thurm. Zweite Wache. Die Sonne Macht sich schon auf. Erste Wache. Noch eben sah ich drüben Den König durch den linken Seitenflügel Nachtwandeln. Zweite Wache. Ja, man glaubt, er schliefe wachend. i) Enthalten im „Skizzenbuch* lKassel und Leipzig 1839).

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