Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228928--66505-3278645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MDDWMWWWWHMHWWMWUWKMWHWMNZWWEWWW daß Geiger nie der Angreifer war, sondern daß die Gegner es waren, die ihn förmlich dazu zwangen, von den Waffen der Polemik Gebrauch zu machen. Diese Angriffe haben schon sehr früh begonnen. Gleich den übrigen Kindern des Frankfurter Ghettos hat auch er als Alltagsgruß das: „Jud>, mach Mores" vernehmen müssen. Welchen Eindruck solche Worte auf sein Kindergemüt ausgeübt haben mögen, wiffen wir nicht. Vielleicht gar keinen. War das doch die natürliche Beigabe, die dem Juden allenthalben zuteil wurde. Als Student hörte er diesen Ruf in einer anderen Form. Hören wir, wie er selbst eine Episode aus seinem Studentenleben in Heidelberg erzählt: „Es war im Sommer 1829, daß ich zu Heidelberg die Vorlesungen des Herrn Dr. Umbreit über Hiob besuchte, der dann nach Beendigung desselben die zwei letzten Kapitel der Sprüche anschloß. Als er an Kapitel 30, Vers 15 kam, las er folgendermaßen: „Laaluka sch'te banoth hep, hep,“ übersetzte sie wie gewöhnlich, fügte dann hinzu: „Was ich soeben hep hep las, heißt eigentlich hab hab, und bloß irrtümlich geschah diese Verwechslung; jedoch ist dies kein bedeutender Irrtum, denn die Juden, das heißt die Hep Hep, sind auch Blutigel," und da ging's nun aus die prächtigste Weise fort. Diesem Kolleg wohnten Juden bei und haben diese freundlichen, scharfsinnigen, vorher wohl überdachten — denn wenn wir ihn als Menschen auch nicht verteidigen können, so wollen wir ihn als Gelehrten nicht verdächtigen, als könne er nicht einmal hebräisch lesen — Expektorationen mit anhören müssen. Aber was war die Sache? Die jüdischen Theologen waren leider unvermögend und zahlten nichts, auf diese war also keine Rücksicht zu nehmen, denn so urteilte bei Herrn Dr. Umbreit die christliche Liebe. Es gehört ein hoher Grad von — ich bitte das Wort hinzuzufügen — dazu, Zuhörern solches anzutun, Zuhörern, unter denen er einige als kenntnisreich betrachten mußte, und von denen er nicht im geringsten etwas Unrechtes gesehen hatte, als — daß sie zu dürftig waren, um ihm zu zahlen." — Solche Hep Hep-Ruse bald in feiner, bald in minder feiner Form hat Geiger bis an sein Lebensende hören müssen. Sie alle zu buchen, will ich dem Leser und mir ersparen. Als Probe Geigerscher Polemik aus seiner Jugendperiode, aus dem Jahre 1835, soll indes ein Passus aus der Zurückweisung der perfiden Angriffe des Judenfeindes Anton Theodor Hartmann angeführt werden. Hartmann, Professor zu Rostock, galt als einer der besten Kenner der rabbinischen Literatur und war nebenbei Raritätensammler. Wo er eine Scharteke auftreiben konnte, die vom „jüdischen Christenhaß" handelte, hat er sie aufgetrieben, um sie „liebevoll" zu verwerten, das heißt, um die bürgerliche Gleichstellung der Juden zu hintertreiben. Zum Ausgangspunkt für seine Schmähschrift nahm er den Ausspruch eines jüdischen Lehrers, der so frech war, auszusagen: „In der jüdischen Kirche gilt der große Jesus von Nazareth nicht als Prophet, nicht als Gottessohn — wenn nicht in dem Sinne, worin wir alle Gotteskinder sind — und durchaus nicht als Messias!" (Fortsetzung folgt.) Abraham Geiger als Lehrer und Ledner. Von S. Sale in St. Louis. enn schon das Lesen von Geigers Schriften einen Kunstgenuß bietet, so stelle man sich den überwältigenden Eindruck vor, den das lebendige Wort dieses beredten Mannes Hervorrufen mußte, bei dem die Gedanken, die er anscheinend mühelos künstlerisch ausgestaltete, zu Fleisch und Blut geworden, in Geist und Gemüt übergegangen waren. In seinen Vorlesungen ist niemand eingeschlafen, selbst nicht in der schwülen Sommerzeit. Es lebte förmlich alles an ihm. Ich sehe ihn jetzt noch vor mir. Mit raschem jugendlichen Schritt trat er ins Auditorium ein, niemals ohne freundliche Begrüßung seiner Zuhörer, und dann ohne Zögern, indem er sich setzte, entströmte ihm die fesselnde Rede, in der er seine Gedanken, die sich geradezu drängten, mit demihm eigenen wundersamen Glockenton der Stimme entfaltete. Geiger war einRedner von Gottesgnaden. Er trug frei vor, nicht nur in der Predigt, sondern auch in der Vorlesung. Das war nicht so sehr durch seine ungewöhnliche Kurzsichtigkeit bedingt, welche allerdings bei seiner kleinen und gedrängten Handschrift, wenn er auf das Lesen angewiesen gewesen, ihm und seinen Hörern sehr störend gewesen wäre, sondern es hing dies vielmehr mit seiner eigenartigen, künstlerischen-Begabung zusammen. Wer von Geiger verlangt, daß er seine Reden hätte erst niederschreiben sollen, um sie dann schuljungenmäßig vorzutragen, heischt eben das ihm Naturwidrige. Wir bedauern allerdings auch, daß wir nicht mehr gedruckte Predigten von ihm besitzen, aber die Behauptung, daß seine Kanzelreden ihre volle Wirkung auf die Gemeinde deshalb verfehlt, weil sie nicht erst ausgeschrieben waren, übersieht die Begabung dieses seltenen Geistes. Ich kann mir nicht denken, daß ein Amos oder überhaupt ein/Prophet von echtem Gepräge ihre Reden an das Volk zuerst niedergeschrieben hätten, ebensowenig, wie der wahre Künstler nachmalt oder nachmeißelt. Geiger hat uns ja selbst einen Einblick in seine geistige Werkstatt eröffnet, indem er uns versichert, daß die Lust des Schaffens ihm nottat. Das war es eben, was ihn -vor anderen auszeichnete, denen seine geniale Gestaltungskraft abging. In ihm waren Gedanke und Wort aus einer Wurzel, und was Mittelmäßigere, nach langem Mühen und Suchen und vielem Feilen, nur leidlich erzielten, das gelang dem Meister im ersten Wurf. An einen Abraham Geiger darf man den gewöhnlichen Maßstab nicht anlegen. Die Spannung, in die man durch Geigers Vorträge versetzt wurde, ließ keinen Augenblick nach, und wenn man aus seiner Vorlesung kam, so hatte man die Empfindung) als komme man aus einem geistigen Sprühbad. Diese große Anregungskraft verdankt er nicht nur seiner Darstellungsgabe, sondern auch und vor allem einer beständigen Richtung des Geistes auf das Große und Ganze, und einer innigen und gründlichen Versenkung in das Einzelne. Die kleinsten und unbedeutendsten Züge wurden von ihm zu einen: Gesamtbilde verarbeitet, und von unfruchtbarer Gelehrsamkeit, der er überhaupt abhold war, merkte man nie etwas in seiner Vorlesung. Für ihn war das Judentum keine Mumie, sondern eine Lebensmacht, welche seit ihrem Erscheinen die Menschheit in ihrem höheren Drange begleitet. Den Wirkungen dieser Macht ging er überall nach, deren Spuren wollte er Nachweisen, und in denen, die ihm lauschten, die Ueberzeugung wecken, der er sein ganzes Leben, geweiht, daß das Judentum zu einem noch größeren Wirken in der Menschheit berufen sei. Wer Geiger als Redner und Gelehrten kannte, mußte ihn bewundern; wer das Glück batte, ihm in persönlichem Verkehr zu kennen, mußte ihn lieben. Sein ganzes Wesen war mit Anmut übergoffen. Die Liebenswürdigkeit und Fürsorge, welche er den Hochschülern, die ihm näher traten, angedeihen ließ, sind mit Worten nicht zu beschreiben. In seiner Nähe ging einem das Herz auf. Meine Aufnahme bei ihm am 10. Oktober 1873 bleibt mir unvergeßlich. Ich war des Morgens in Berlin angekommen und ging am Nachmittage nach seiner Wohnung in der Rosenthaler Straße. Da ich die