Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228928--66504-3278644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wenn wir nicht mit unbefangen kritischem Blicke die Quellen zu sondern, über den Innern geschichtlichen Gang durch sorgsame Kombination, ohne Voreingenommenheit durch gewohnheitsmäßige Annahmen, uns zu orientiren wissen. Diese wissenschaftliche Arbeit muß auch an Bibel und Talmud geübt werden, und.nur durch sie wird es gelingen, manches Befremdende zu beseitigen, manches Rätsel zu lösen^ nur durch-sie werden wir die treibenden geistigen Mächte um so besser zu würdigen und zu ehren wissen. Dieser schwierigen Arbeit. muß sich unsere Zeit unterziehen, ohne Scheu und Verzagtheit, wenn sie die Vergangenheit verstehen, wenn sie die Gegenwart als ein lebendiges Glied an die Vergangenheit knüpfen will. Nur wenn diese in ihren innersten Motiven enthüllt ist, wird sie ihre fremdartige Starrheit ablegen und lebenspendend für die Gegenwart werden können. Aber anch das Recht unserer Zeit in ihrer mächtigen Bewegung muß voll anerkannt werden. Wollten wir die Kräfte in lebendiger Regsamkeit um uns her sich entfalten lassen, höchstens ausnehmend uns verhalten, mit widerstrebender Zähigkeit bloß notgedrungen folgen, ohne selbst frisch einzugreifen, daun büßen wir das Recht einer selbständigen geistigen Macht ein, dann ist unser Anspruch aus eine angemessene einflußreiche Stellung unberechtigt. Das Judentum muß vielmehr seine Bedeutung immer mehr zur Klarheit Hervorarbeiten, es muß nach außen seine Würde mit vollem gerechten Selbstbewußtsein wahren, dieses Selbstbewußtsein sich aber immer mehr verdienen durch innere Läuterung, durch nmtiges Anstreben zum weltgeschichtlichen Ziele hin, das ihm seine größten und ältesten Lehrer, die Propheten, schon vorgesteckt. Auch die Gegenwart will daher die Zeitschrift, soviel an ihr ist, als treue Mahnerin begleiten, die Zeitereignisse, die geistigen Erscheinungen von ihrem Standpunktebeleuchten, die Kräfte wecken und zu einem gesunden Fortschritte auffordern. Die Zeitschrift wird demnach auf wissenschaftlichem Gebiete vorzugsweise die Geschichte des Judentums, beleuchten, zu einer klaren Auffassung der Quellen anleiten, sie wird biblische Sprach- und Erklärungswissenschaft, nachbiblische Biographik und Literaturgeschichte insoweit behandeln, als die Gedankenrichtung sich darin offenbart. Sie wird mit offenem Auge alle Leistungen auf diesen verschiedenen Gebieten beobachten, davon Kunde und Rechenschaft geben. Sie wird praktisch-religiöse Fragen, die Aeußerungen des geistigen Lebens inner- und außerhalb von ihrem Standpunkte aus vorführen, den lebendigen Geisteshauch zu verstärken suchen, daß er in der gegenwärtigen Entwickelung schöpferisch gestaltend wirksam sei. In diesem Sinne wendet sie sich getrost au die Freunde vorurteilsloser Wissenschaft: an die Bibelforscher aller Konfessionen mit dem guten'Bewußtsein ernster Mitarbeit und mit der Zuversicht, daß die deutsche Wissenschaft ihr Ohr nicht verschließen werde, wenn auch die Untersuchung, von gewohntem Geleise abbiegend, neue Bahnen betritt; sie wendet sich an dieredlichen Bearbeiter des nachbiblischen Judentums in der Hoffnung, daß ihnen eine neue Beleuchtung, wenn sie Rätsel dieser Entwicktungsperiode ihrer Lösung näher bringt, willkommen sein werde, sie wendet sich an die Männer, welche mit redlichem Eifer an den praktischen Aufgaben der Gegenwart arbeiten, mit der Ueberzeugung. daß nur eine sichere geschichtliche Erkenntnis deren gesunde Fortbildung ermöglicht. Sie wendet sich an sie alle mit der Bitte nicht bloß um wohlwollendes Gehör, sondern auch um Mitwirkung, insofern sie von übereinstimmenden Grundsätzen ausgehen. Sie pocht auch an die Pforten aller lebendigen Glieder der Gegenwart, aller Männer ernsten religiösen Strebens in der frohen Gewißheit, daß die Wissenschaft, die dem Geiste dient, der Idee ihre Kräfte weiht, die Erkenntnis 'und die Förderung innerer geschichtlicher Entwicklung anstrebt, auch die Macht des echten Glaubens um so siegreicher nachmeist und um so siegreicher kräftigt. Breslau, 30. Dezember 1861. Geiger. % Geigers Stellung?um Lhrittentum. Von Gottlieb Klein. 1. s gilt noch immer in christlichen Kreisen als feststehend, daß das Judentum, insbesondere aber das „Reformjudentum" von „glühendem Christenhaß" erfüllt fei. Als Repräsentant eines solchen Hasses wird Abraham Geiger genannt. Gleichsam vorausahnend, daß man ihn, den jüdischen Schriftsteller, als Repräsentanten der Juden behandeln werde, hat Geiger in dem Vorworte zu seinen Vorlesungen dem Vorurteile begegnen und alle eventuellen Angriffe für sich persönich entgegennehmen wollen. Er sagt: „Die Verantwortlichkeit für alles hier Vorgetragene trage ich ganz allein; wie viele oder wie wenige meiner Glaubensgenossen meine Ansichten teilen oder billigen, weiß ich nicht. Ich mache daher ans die ganze Ehre der Bekämpfung auch den ausschließlichen Anspruch. Meine Worte dürfen nicht zum Vorwände gelten, eine Anklage gegen Juden und Judentum zu erheben. Sollte dies dennoch mit heuchlerischer Miene der Frömmigkeit geschehen, so würde damit ein neues trauriges Beispiel gegeben,- was in gewissen Kreisen — ich will nicht sagen, das stolze Wort der Liebe, sondern überhaupt — Recht und Billigkeit gilt." Geholfen hat's freilich nicht; denn noch Jahrzehnte nach seinem Tode ist Geiger von christlichen Schriftstellern aller Schattierungen in seiner Eigenschaft als Repräsentant des „Reformjudentums" als der schlimmste Antichrist verketzert worden. Wie es sich in Wahrheit mit diesen! „Christenhaß" verhält, soll in folgendem dargestellt werden. Geiger war der erste freisinnige jüdische Theologe, der den Mut hatte, die Tore des geistigen Ghettos zu durchbrechen und dem Judentum einen neuen Weg zu bahnen. Er mußte Judentum und Juden christlichen Gegnern gegenüber verteidigen. Ist es da zu verwundern, wenn ihm in diesem harten Kampfe, den er fast allein durchkämpfen mußte, manch derbes Wort entschlüpft ist? Aber trotzalledem hat er seine Gegner nie so behandelt, wie er von ihnen behandelt worden ist. Trotzalledem hat er Jahrzehnte hindurch, selbst in heißesten Kampfe, kein „verletzendes Wort" über das Christentum ausgesprochen. ' Was Millionen Menschen heilig ist, hat er mit Ehrfurcht behandelt. Und für echte Frömmigkeit, wo sie ihm anch begegnete, hatte er stets die größte Hochachtung. Verhaßt war ihm dagegen jede Heuchelei, jeder Mißbrauch der Religion zu weltlichen Zwecken. Darum traf sein schärfster Tadel die Renegaten, die mit einem weiten Gewissen, selbst alles Glaubens bar. mit Augenverdrehung und heuchlerischen Lippen sich ihrer Brüder im Fleische erbarmen wollten. Die falschen Urteile über Geigers Stellung zum Christentum rühren hauptsächlich daher, daß man seine Schriften nicht gelesen hat. Ein Satz aus dem Zusammenhänge geriffen, genügte schon, um ein verdammendes Urteil über den ganzen Mann und das „Resormjudentum" zu fällen. An einigen Beispielen aus den verschiedenen Phasen seines Lebens soll das erwiesen werden. Es soll -erwiesen werden,