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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-20 · Heft 20 (20.5.1910) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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damit sie aus ihrer Absonderung herauskämen und die Aufklärung der Gegenwart sich zunutze machten. Ich bemühte mich, ihnen auseinanderzusetzen, welche Ironie der Geschichte darin liege, daß sie die Spräche ihrer spanischen Bedrücker bewahrten in einem Lande, das ihren Vorfahren Schütz und Zuflucht bot. Die Arbeit, die die Schulen der Alliance in dieser Richtung geleistet haben, kann nicht genug anerkannt werden. Aber es bleibt noch so viel zu tun übrig, daß es mir eine große Genugtuung sein würde, wenn das, .was ich aus- -geführt habe, sei es auch nur in geringem Maß, zum Gedeihen und zur Entwicklung des Älliancewerkes beitragen könnte, das für unsere bedrückten Brüder im Osten ein Gottesgeschenk und ein Segen geworden ist. Dieses Werk macht den Ruhm und die Ehre des fünfzigjährigen Jubiläums der vornehmsten Gemeinschaft aus, die mit so sichtbarem Erfolg für die Söhne und Töchter Israels gewirkt hat. Es ist mein Wunsch, Ihnen, dem ehrwürdigen Präsidenten der Alliance, der, Sie so viele Jahre Ihres Lebens dieser großen Sache gewidmet haben, und Ihren Kollegen die Versicherung meiner aufrichtigen Hochachtung und höchsten Wertschätzung auszusprechen. Oscar S. Strauß. Die warmen Worte und die ernsten Mahnungen eines so hervorragenden Mannes würden durch jedes Begleitwort abgeschwächt werden. In einem halben Jahrhundert Großes gewollt, im Dienste einer heiligen Sache gekämpft zu haben, das ist ein Ruhmestitel, dessen sich die Alliance freuen darf; in ihrem Werke nicht zu ermüden und alle Kräfte einzusetzen, ihre ruhmreiche Aufgabe zu erfüllen, ist das Streben aller derer, die sich an den heilbringenden Aufgaben beteiligen. £> In Frankreich, dem Stammlande der Alliance, ist gegenwärtig die Lage der Rabbinerwahlen akut. Sie soll im Mai bei der Generalversammlung der Kultusgesellschaft (Association cultuellc) verhandelt werden. Man strebt den 26. Artikel des für ganz Frankreich gültigen Statuts (?) zu verändern. Der frühere Artikel hatte bestimmt, daß der Großrabbiner und die übrigen Geistlichen durch eine Kommission zu wählen seien, die aus Mitgliedern des Konsistoriums und einer gleichen Zahl von ad hoc gewählten Delegierten besteht. Die neue Fassung besagt, daß die Delegierten zehn an der Zahl sein sollen, die alle vier Jahre in derselben Zeit und in derselben Art wie die Mitglieder des Konsistoriums zu wählen sind. Rabbiner-Stellvertreter und Hilssprediger werden von dem Konsistorium allein erwählt. — Dieser Vorschlag findet im ganzen den Beifall des Univers israelile, nur ist er mit der Zahl der zehn Delegierten nicht zufrieden und verlangt, daß der Großrabbiner ein Mitglied des Wahlkomitees sein müsse. Abr. Grigrrs Ankündigung der Jüdischen Leitschrikt kür Millenschskt und Leben." er vielen, die meine wissenschaftlichen und praktischen Bestrebungen ihrer Aufmerksamkeit wert erachten, dürfte es wohl eher einer Erklärung dafür bedürfen, daß ich die früher mit vieler Liebe gepflegte journalistische Tätigkeit so lange unterbrochen habe, als dafür, daß ich sie nun wieder sortzusetzen beabsichtige. Ihnen genüge vorläufig die Tatsache, daß ich mit frischem Mute und urrgebrochener Kraft wieder h Die nachfolgende Ankündigung, 1862 als gedrucktes Blatt versandt, ist seitdem nie wieder veröffentlicht worden, ist aber für die Klarlegung von Geigers Ansichten von großem Wert. L. G. beginne. Das Bedürfnis eines Blattes freisinnig-religiöser Richtung innerhalb des Judentums, um das Recht dieses Standpunktes nach außen und nach innen zu vertreten, ist sicherlich vorhanden; einem solchen Bedürfnisse will die Zeitschrift genügen. Mein Standpunkt für Wissenschaft und Leben hat unterdessen nicht gewechselt; noch heute wie ehedem bleibt mein Ziel, die Anerkennung der fortschreitenden geschichtlichen Entwicklung im Judentume, die scharfe Hervorhebung seines wesentlichen und dauernden Gehaltes, die Bedeutung seines weltgeschichtlichen Einflusses,/die würdige Darstellung seines geistigen Inhalts, die'Kräftigung seines Lebensprinzips zur Ueberwindung aller überlebten zeitlichen Gestaltungen zu erwirken. Meine wissenschaftliche Einsicht in die Gänge, .welche, das Judentum während seiner langen Wanderung durch die Geschichte gemacht, hat sich durch ernste Forschungen, deren einzelne Proben ich in gesonderten Werken der Oeffentlichkeit vorgelegt, in mir vertieft, und die Zeitschrift soll von dem, was ich als Wahrheit gesunden zu haben glaube, neue Mitteilungen machen und den Weg zu dieser schwierigen Erkenntnis bahnen. Die trockene buchstäbliche Annahme dessen, was die alten Quellen uns überliefern — zu dieser lebendigen Ansicht müssen wir uns hinanringen —, läßt uns niemals den geistigen Entwicklungsgang eines Volkes, einer Genossenschaft vollkommen erkennen, sie bietet uns bloß einzelne losgerissene Elemente, und diese noch dazu im Lichte und nach den Voraussetzungen des Schriftstellers und der Zeit, in der er sich befindet. Wie der einzelne Mensch, welcher von einem hohen Lebenszwecke durchdrungen ist, in allen seinen Anschauungen, Ansprüchen und Handlungen von diesem bestimmt wird, ohne sich der Absicht bei jedem einzelnen Gedanken und Schritte bewußt zu sein; wie sich in ihm ohne Berechnung als naturgemäße Notwendigkeit erzeugt, was der denkende Beobachter ihm als planvoll vorbereitet und ausgesührt nachkonstruieren mag: so ergeht es in noch höherem Grade dem Volke, das in seiner Gesamtheit von einer weltgeschichtlichen Idee erfüllt, getrieben wird. Ein Glaube, der so großartig in die Weltgeschichte einzugreisen bestimmt war und ist, wie der Gottesglaube des Judentums mit allen seinen sittlichen Konsequenzen, ein Volk, das der hohen Lebensaufgabe voll ist, Träger dieser Idee zu sein und sie in seinem Dasein auszuprägen, eine Genossenschaft, die von dieser früheren Volksmission nicht abläßt, vielmehr weiter an dem Berufe festhält, unter so sehr geänderten Umständen diese Idee in der ganzen Welt zu verwirklichen und überall hin zu verbreiten — sie müssen notwendig die ganze innere und äußere Geschichte von dem Gedanken aus, der sie beherrscht, betrachten und darstellen, die Vorschriften fürs Leben nach ihm ausfassen und feststellen. Ein solches Volk aber geht auf seinem langen Lebensgange auch in die mannigfachsten Kämpfe ein, und auch sie bestinnnen wieder seine Betrachtungsweise: In einem solchen Volke wechseln die Geschlechter, es steht innerhalb der Gesamtentwicklung der Menschheit, und es modifizieren sich auch in ihm die Ansichten unvermerkt, seine Geschichtsauffassung und -Darstellung ändert sich gleichfalls, ohne daß es dessen inne wird. Es faßt das Erbe der Vergangenheit im Lichte seiner gegenwärtigen Anschauung auf; es rückt ganz unbefangen Erzählung und Einrichtungen, wie sie nun bei ihm geworden, in die frühere Zeit hinaus, es reiht z. B. ohne Bedenken die Chronik den früheren Geschichtsbüchern an, ja es vervollständigt, berichtigt, wo es Not tut, ohne Arg und vom innersten Drange getrieben, frühere Aufzeichnungen von seinem nunmehrigen Standpunkte aus. So arbeitet die spätere Zeit in die frühere hinein, erzeugt und verhüllt Widersprüche, die nicht mit Klarheit aufgesunden und gelöst werden können.

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