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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-20 · Heft 20 (20.5.1910) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 20 (20.5.1910)
Date
1910-05-20
Page
Seite 231 (sequence 3)
Language
German
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der Fortgeschrittenen, der Demokraten erkennen, legte das Verhältnis der griechischen und chaldäischen Uebersetzungen des Bibeltextes zu diesen Streitigkeiten innerhalb des Judentums dar und bewies, wie die verschiedenen Parteien tendenziöse Veränderungen des Bibeltextes vorgenommen hätten, die ihrer Ueberzeugung zum Siege verhelfen sollten. Endlich gab er in seinen Vorlesungen an der Hochschule für Wissenschaft des Judentums (1872/74, gedruckt in den „Nachgelassenen Schriften", Band 2 und 4) die Resultate seiner Lebensarbeit durch seine „Einleitung in die Wissenschaft des Judentums", durch seine Einführung in das Studium der Bibel, durch seine kritische Erklärung der Genesis und anderer biblischer Bücher, durch seine Erläuterungen der „Sprüche der Ääter". Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind grundlegend geblieben für die Wissenschaft des Judentums. Verehrungsvoll hinschauend auf die Meister und Begründer dreser Wissenschaft, aus Leopold Zunz, S. D. Luzzatto, S. L. Rappoport — mit den beiden ersteren verband ihn unverbrüchliche Freundschaft, von dem letzteren mußte er sich trennen — schritt er unbeirrt durch Angriffe und Verdächtigungen, seiner innerlichen Ueberzeugung, seinem heiligen Eifer allein folgend, mutig seines Weges. Die Nachwelt hat ihn gewürdigt und geehrt. Seine wissenschaftlichen Großtaten, nur im einzelnen berichtigt, sind ein dauerndes Besitztum, weiterwirkend und fortzeugend geblieben. Seine resormatorische Tätigkeit ist freilich nicht ganz zum Siege geschritten. Vieles, was er bekämpfte, hat sich erhalten; manches, was er erstrebte, ist nicht erreicht. Nach seinem Tode hat die religiöse Lauheit, eine Folge der Gleichstellung, die Interessen der Juden auf andere Gebiete gelenkt. Die Abwehr des Antisemitismus rief die Geister auf zur Wiedererringung der gefährdeten Gleichstellung. Die starke Reaktion, die in anderen Religionen wirksam wurde, beförderte auch innerhalb des Judentums die Orthodoxie. Aber auch in diesem resormatorischen Kampfe hält eine große Schar von Anhängern und Verehrern treu an der Fahne, die er aufgepflanzt hat, und der Sieg seiner liberalen und resormatorischen Ideen, durch Zeitströmungen aufgehalten, wird, das ist unser Wunsch und unsere Hoffnung, nicht ausbleiben. Er war ein guter und edler Mensch, ein innig liebender Gatte, ein treusorglicher Vater, ein herzlich ergebener Freund. Ein Wohltäter im schönsten menschlichen Sinne, der nicht bloß Gaben spendete, sondern den Bedürftigen durch herzliches Wort und gütige Miene erfreute. Anteilnehmend an den großen Ereignissen der Welt, an dem geistigen Leben der Nation, ungebeugt durch Niederlagen, unbekümmert um äußere Ehren und Auszeichnungen, menschlich in seinen Empfindungen, gütig und anspruchslos im Verkehr. Zwei Denksprüche, in denen er selbst sein Streben erläuterte, geben die beste Würdigung seines Wesens. Der eine lautet: „Aus der Vergangenheit schöpfen, in der Gegenwart leben, für die Zukunft wirken." Der andere heißt: „Durch Erforschung des einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen; durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart; durch Wissen zum Glauben!" Denn nicht, wie vermeintlich freie Geister wähnten, meinte er durch eine Abwersung des Glaubens zum Wissen vorzuschreiten, sondern aus der Erkenntnis, daß unser Wissen Stückwerk bleibe, entfaltete sich bei ihm nicht beschämende Ohnmacht, sondern der feste, lebendige und belebende Glaube. Er bewährte durch sein Tun und durch sein Leben den Ge-- danken, dem er einmal den poetischen Ausdruck verliehen hatte Die Wahrheit schreitet dennoch fort. Und Gott bleibt Gott der Geister, Entwürdige Du nur nicht Dein Wort, Bleib' Du nur Deiner Meister. Dir Woche. Berlin, 17. Mai. ^^^^as Deutsche Bureau der „Alliance Israelite Universelle" versendet folgenden Bericht: Die „Alliance Israelite Universelle" feiert in diesem Monat das fünfzigjährige Bestehen. In allen Synagogen Deutschlands ist am letzten jüdischen Feiertag in Predigten und Ansprachen der Alliance und ihres Wirkens mit rühmender Anerkennung und mit Dank gedacht worden. In Berlin und in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands wird in nächster Zeit noch eine besondere nicht synagogale Feier stattfinden. In Paris haben die Festveranstaltungen eine bedauerliche Verzögerung erfahren müssen, da der Präsident der „Alliance Israelite Universelle", Herr Leven, erkrankte. Man wird in Paris eine Nachfeier im November veranstalten. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft der „Alliance Israelite Universelle" hat ihre Mitglieder zum 29. Mai zu einer außerordentlichen Tagung berufen und zu dieser alle Lokalkomitees eingeladen. Für die Pariser Feier war eine Teilnahme aus allen Ländern in Aussicht genommen. Auch an Herrn Oscar S. Strauß, den Botschafter der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, war eine Einladung ergangen, auf die Herr Strauß mit folgendem Schreiben antwortete: Amerikanische Gesandschaft. Konstantinopel, 20. April 1910. An den Präsidenten der Alliance Israelite Universelle Herrn N. Leben Paris. Sehr geehrter Herr! Ich habe Ihre Einladung zu den Feierlichkeiten und Versammlungen erhalten, die im kommenden Mai zur Erinnerung an die vor 50 Jahren erfolgte Begründung der Alliance Israelite Universelle stattfinden sollen. Wenn meine amtlichen Pflichten meine Abwesenheit von hier zu jener Zeit gestattet hätten, so wäre es mir eine große Freude, der bedeutsamen Jubiläumsfeier beizuwohnen. Wer mit der Lage unserer Glaubensgenossen in diesem Weltteil vertraut ist, muß Bewunderung fühlen für die Größe des Werkes, das die Alliance geschaffen hat, indem sie unseren Glaubensgenossen Erziehung und moralische Hebung zuteil werden ließ und ihre wirtschaftliche Lebenshaltung erhöhte. Ich habe die Schulen und anderen Institute besucht, die die Alliance' hier, in Saloniki, in Smyrna und vielen Orten eingerichtet hat, und kann aus eigener Anschauung Zeugnis oblegen für das große und edle Werk, das die Alliance geschaffen hat und zu schaffen sortfährt. Die Alliance ist für die Juden des Orients Schirm und Schutz. Der Schutz, den die Regierungen der verschiedenen Staaten ihren christlichen Landesgenossen angedeihen lassen, den gewährt die Alliance den Juden. Ich habe eine Anzahl junger Leute gesehen, die in den Schulen der Alliance erzogen worden sind und sich zu nützlichen Führern ihrer Glaubensgenossen entwickelt haben. Ohne die Vorteile, die die Schulen der Alliance bieten, würden sie in derselben unglücklichen Lage verblieben sein, in der sich die Mehrzahl ihrer Brüder befindet. Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mich in Saloniki aufzuhalten. Ich besuchte dort Ihre Schulen und traf die Vorsteher der Gemeinde bei einer Beratung an. Ich war bestrebt, sie von der dringenden Notwendigkeit zu überzeugen, ihren spanischen Jargon abzulegen, dessen Ersetzung durch die Landessprache ich empfahl. Auch die Pflege der französischen Sprache legte ich ihnen ans Herz,

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