Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 20 (20.5.1910)
- Date
- 1910-05-20
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Lehre und noch viel weniger eine Vernichtung des Ueberlieferten, sondern eine Reform auf gesunder, geschichtlicher Grundlage, eine innere Erhebung, eine geläuterte Veränderung des unhaltbar Gewordenen. In dem Streben, die Grundlagen des Glaubens zu wahren, suchte er nur die Auswüchse zu beschneiden. Er kämpfte gegen die ungebührliche Länge des Gottesdienstes, suchte die überflüssigen Wiederholungen derselben Gebete, die Ausnahme ausführlicher, an sich herrlicher, aber zu Gebeten nicht geeigneter Bibelstellen, unverständlicher, mittelalterlicher Gesänge zu vernichten, die Erinnerungen an die tierischen Opfer und die Gebete um deren Wiederherstellung zu streichen. Die dem gesunden Zeitbewußtsein widersprechenden Wünsche um Zurückführung nach Jerusalem, die dem Standpunkt des modernen Judentums feindlichen Ausdrücke von einer Auserwähltheit und Entgegensetzung der Judengegen andere Völker sollten fortfallen. Er unternahm es, der deutschen Sprache auch im Gottesdienst den Platz zu gewähren, den die des Hebräischen ganz oder teilweise Unkundigen zu ihrer Erbauung benötigten. Dies tat er dadurch, daß er den hebräischen, nach seinen Grundsätzen veränderten Texten geschmackvolle und formvollendete Uebersetzungen beigab, deutsche Gebete und Gesänge, die entweder der Rabbiner zu sprechen oder Chor und. Gemeinde zu singen hatten, einfügte, den deutschen Prophetenabschnitt an die Stelle des hebräischen setzte. Er bemühte sich mit seinen Gesinnungsgenossen, die zweitenFeiertage abzuschaffen, Erleichterungen in das strenge Sabbatgebot und die für das Pafsahsest gültigen Vorschriften einzuführen, die Grausamkeit der Ehegesetze zu mildern, dem weiblichen Geschlechts die ihm gebührende Stellung zu verschaffen, überall die Form mit Geist zu durchdringen, Worten und Gebräuchen ihren wahren Inhalt zu geben. Er war ein Reformer, der eine naturgemäße, auf geschichtlicher Grundlage basierende Entwicklung mit Schonung des Althergebrachten, mit Anschluß an das durch Jahrtausende Geweihte durchzuführen bestrebt war, kein Revolutionär, der mit dem Alten brach, und der die dem Gewohnten Ergebenen mutwillig verletzen wollte. Darum erklärte er sich gegen eine sprunghafte Reform, teils, weil sie nach seinem Urteile ungeschichtlich war, teils, weil sie eine Spaltung innerhalb der Gemeinden erzeugen könnte, die ihm für den Fortbestand des Judentums gefährlich schien. Denn in dem Judentum sah er nicht etwa eine zeitliche Erscheinung, die zum Untergang bestimmt war, sondern die eigentliche Weltreligion, die, wenn sie auch mannigfachen Einfluß durch andere Glaubensrichtungen empfangen, doch den Schwester- und Töchterreligionen ihr Bestes und Grundlegendes gegeben hätte, und die dazu bestimmt sei, die Menschheit zu einigen und in ewigem geläuterten Bestände durch die Zeiten zu chreiten. Er war ein treuer Diener der Wissenschaft. Schon als Knabe sammelte er ein reiches Wissen und hegte in seiner ' Jünglingszeit Pläne, die er erst in seinem Alter ausführen konnte. Er war systematischer Theologe, Sprachforscher, Historiker. Für die systematische Theologie, für die Lehre von Gott, für den Kampf gegen den Materialismus, für die Festigung des Glaubens denen gegenüber, die mit Abfall drohten oder den Abfall vollzogen, kämpfte er in ungezählten Abhand lungen, in der wunderbaren, noch heute vollgültigen Schrift " „Ueber den Austritt aus dem Judentum". (1861.) Ald Sprachforscher lieferte er eine grundlegende Arbeit in seinem Büchlein „Lehr- und Lesebuch zur Sprache der Mischna", gab zahlreiche Erklärungen zu schwierigen Gegenständen, erläuterte unzählige talmudische Einzelheiten lieferte wertvolle Beiträge zur Entwicklung der Sprachwissenschaft brachte vergeffene Lexikographen und Exegeten zu Ehren und schrieb zahlreiche Abhandlungen in einem klassischen Hebräisch, durch die er eine außerordentlich heilsame, aufklärende Wirkung auf die Juden des Ostens ausgeübt hat. Er war ein Historiker ersten Ranges. Nicht der äußeren Geschichte der Juden, sondern der geistigen, Kulturgeschichte, widmete er seine Dienste. Seine Bücher, ebenso ausgezeichnet durch gründliche Forschung wie glänzende Darstellung, sind in ihren Grundergebnissen noch heute wirksam. Er widmete dem großen Moses Maimonides ein eifriges Studium. Er brachte die nicht gebührend gewürdigte Glanzperiode der spanisch-arabischen Dichtung in seinen Büchern über Juda Halevi und Gabirol zu Ehten. Er erweckte Vergessene und Verstorbene, wie Leon da Modena, zu neuem Leben. Er zeigte in lebendigen, mit starker Polemik durchwürzten und doch geschichtlichen Darstellungen die Art, wie jüdische Gelehrte vergangener Jahrhunderte Angriffe der Christen abgewehrt, und die Heiligkeit ihres Glaubens verteidigt hatten. Er gab in seinen Vorlesungen „Das Judentum und seine Geschichte" ein groß ausgeführtes, glänzend geschriebenes, auf selbständigen Studien beruhendes Werk über die Geistesentwicklung des Judentums von seinen Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts.*) In seinem bahnbrechenden und grundlegenden Werke „Urschrift und Uebersetzung der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums", Breslau 1857, lehrte er das Wesen der Sadduzäer als Priesterpartei, der Pharisäer als i) Anmerkung: Die Vorlesungen erschienen: I. Band Breslau 1864, 2. Auflage 1865; II. Band Breslau 1865; III. Band, Breslau 1871. Sie sind ohne die polemischen Anhänge in einer neuen Ausgabe erschienen: Breslau, Iakobsohn & Co., 1909; vergl. den Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", 1909, Nummer 42, Seite 498—500. - i* 'iJyv.'C':•