Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Die Notwendigkeit eines Zusammenarbeitens der orthodoxen Elemente mit den liberalen werde auch von den meisten Konservativen und auch streng Orthodoxen anerkannt. Männer wie Professor Barth, Dr. Hildesheimer-Berlin, Dr. Horowitz - Frankfurt a. M, Dr. Munk-Marburg, die auf streng traditionellem Boden stehen, hatten sich erfreulicherweise zur Zusammenarbeit bereit gefunden, deren Notwendigkeit und Ersprießlichkeit sie einsehen. Werden diese Elemente dauernd die Oberhand gewinnen, dann ist eine dauernde Zusammenarbeit leicht möglich und die Einheit des Wirkens gesichert. Da aber kommt ein kleines Häuflein Orthodoxer, die er die Separatisten nennen möchte, und deren Zahl nach einer Mitteilung des Kommerzienrat Hirsch-Halberstadt auf höchstens 15 000 ju schätzen sei gegenüber 385 000 in Preußen und 600 000 in Deutschland, und sucht die Einheit zu vereiteln, weil sie selbst bei einem Zusammenarbeiten aus nichtreligiösem Gebiete eine Verwischung der religiösen Gegensätze befürchten." In scharfer Weise polemisierte der Redner dann gegen die Bestrebungen dieser Separatisten, die den „Cherem" gegenüber dem Bne Brith-Orden seinerzeit ausgesprochen haben und sogar die Ansicht äußerten, daß zwischen ihnen und den anderen Juden ein gleich großer Gegensatz bestehe, wie zwischen Katholiken und Protestanten. Ihre neue Taktik gehe dahin, mit der Gemeinde-Orthodoxie, den Nichtseparatisten, nicht zusammenzuarbeiten. Es ist ein Zeichen -des lebhaften Interesses für das liberale Judentum, daß die Vereinigung heute bereits über 5000 Mitglieder in allen Teilen des Reiches' zähle. „Wir sind", so schließt der Redner, „so gute Juden wie Ihr, wenn wir <ntdj: i>en Offenbarungsgeist nicht so auffassen wie Ihr, wenn wir auch den Schulchan Aruch nicht als göttlichen Ursprunges und unabänderlich erachten, aber wir glauben ebenso wie Ihr an einen einigen, einzigen Gott und an die Zukunstsmission des Judentumes. Der Liberalismus will keinen Orthodoxen herüberziehen, sondern Nichtorthodoxe dem Judentum erhalten, die Indifferenten von der Taufe fernhalten. Die Separatisten seien ein Verbrechen am Judentum. Die Gefahr des Schisma befürchtet der Redner nicht." Mit der Aufforderung zum Anschluß an die Liberale Vereinigung beendet der Redner seinen wirkungsvollen Vortrag. Justizrat Breslauer schließt sodann die Versammlung mit einem warmen Appell zur tätigen Mitarbeit im und für das Judentum, das war, ist und immer sein wird. Das Judentum ist die Religion! Sämtliche Vorträge fanden ungeteilten, stürmischen Beifall der imposanten Versammlung, die nach jeder Richtung hin einen glänzenden Verlauf genommen hat. ***Berlirr, 10. Mai. Der uns vorliegende 28. Bericht, der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums für das Jahr 1909 gibt von der erfreulichen stetigen Entwicklung der Lehranstalt Kunde. Die Zahl der ordentlichen Hörer betrug im Sommersemester 1909 42, im Wintersemester 1909/10 40, von denen etwa % Reichsdeutsche waren. Unter den ausländischen Hörern waren wiederum Amerikaner und Engländer, die seit jeher gerade die Lehranstalt zur Erweiterung und Vertiefung ihrer jüdisch-wissenschaftlichen Kenntnisse aufgesucht haben. Ohne das Zeugnis der Reise waren zehn Hospitanten zugelassen, darunter drei Damen, sowie ein Lehrer. Für ein größeres Publikum war auch in dem letzten Wintersemester eine Abendvorlesung eingerichtet. — Herr Dr. Elbogen las einmal wöchentlich über „Judentum und Urchristentum". Von den Hörern, die im Berichtsjahre ihr Rabbinatsexamen bestanden hatten, würde ein Teil sofort in ein Rabbinat berufen; ein ehemaliger Hörer wurde als Dozent in das neugegründete Dropsie College in Philadelphia gezogen. — Die Bibliothek der Lehranstalt hat durch Geschenke und Durch Kauf reichen Zuwachs erfahren; sie ist zwar in erster Linie für die Hörer der Anstalt bestimmt, steht aber in vollem Umfange allen jüdischen Gelehrten, auch den außerhalb Berlins wohnenden, zur Verfügung. — Das Vermögen der Anstalt wuchs von 759 000 auf 763 000 Mark, die Anzahl der Einzelmitglieder stieg von 536 auf 715, auch unter den Gemeinden erstreckte sich das Interesse für die Lehranstalt. Dennoch bleibt hier noch viel zu tun, wenn die Anstalt auch nur annähernd die Ziele erfüllen soll, die sie sich gestellt hat. — Von den in den altherkömmlichen Montagsvorlesungen zugunsten des Stipendienfonds der Anstalt gehaltenen Vor' träge sind die des Geheimen Regierungsrates Professor Hermann Cohen aus Marburg über: „Innere Beziehungen der Kantischen Philosophie zum Judentum" und die des amerikanischen Anstauschprofessors an der Berliner Universität Professor Dr. George F. Moore über: „Die Eigenart der hebräischen Geschichtsschreibung im alttestamentlichen Zeitalter" dem Bericht beigegeben, der dadurch zugleich auch zu einer wichtigen wissenschastlischen Publikation, wird. *s*Berlin, 10. Mai. Am 8. d. M. hielt der Verein „L.ehrlingsheim Pankow" seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Die Versammlung wurde von dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Geheimrat Dr. I. Loöwe eröffnet und geleitet. Wie aus dem Verwaltungsbericht, der sämtlichen Mitgliedern zugegangen, ersichtlich istbefindet sich der Verein in gedeihlicher Fortentwicklung. Im besonderem'werden-die Verdienste des Ehrenmitgliedes des Vereins, Herrn Moritz Mbnh eimcr und seiner Gemahlin, betont. Im Anschlüsse an die Würdigung-der Verdienste dieses edlen Ehepaares Ürgeht die freundliche Einladung an jeden, der sich für die Heranbildung eines tüchtigen, gesunden und fleißigen jüdischen Handwerkerstandes interessiert, das zu Pankow, Mühlenstraße 24, belegene Lehrlingsheim zu besichtigen. Zur Zeit befinden sich in der Anstalt 38 Lehrlinge. Davon stammen 15 aus Groß-Berlin, 8 aus der Provinz Posen, je 4 aus den Provinzen Ost- und Westpreußen, 3 aus Schlesien, 2 aus Brandenburg, je 1 aus Rußland und Rumänien. Wie aus der „Statistischen Uebersicht über den Beruf der Vereinszöglinge" ersichtlich ist, verteilen sich die Lehrlinge-auf die verschiedensten Handwerke. Im ganzen sind schon 118 Zöglinge nach bestandener.Gehilfenprüfung entlassen worden. Der Bericht schließt mit der herzlichen Bitte, daß jeder, der die Bestrebungen des Vereins billigt, zu der reichlichen Vermehrung der Geldmittel durch Werbung neuert Mitglieder, Zuwendung von Stiftungen Und Aussetzung von Vermächtnissen beitragen möge. Alsdann erstattete Herr Julius Cohn -namens der Revisoren den Bericht und beantragte.die Entlastung des Schatzmeisters, Herrn Kommerzienrat L. Friedmann» die einstimmig erfolgte. Bei der hierauf vollzogenen Wahl der Revisoren wurden die bisherigen, bewährten Herren Julius Cohn und Emanuel Appel wiedergewählt. Die Versammlung genehmigte so« dann den Etat für das Jahr 1910/11 in Höhe von 31000 Mark. Hiermit war die Tagesordnung erschöpft, und der Vorsitzende schloß mit einem herzlichen Dank an die Erschienenen die Versammlung. .In der sich daranschließenden Kuratoriumssitzung konstituierte sich der Vorstand, wie folgt: Geh. Kommerzienrat vr.-Ing.J. Lo e we, Vorsitzender, Rudolf Mosse, stellv. Vorsitzender. Justizrat Kraft, Schriftführer. Prof. Dr. Strelitz, stellv. Schriftführer, Kommerzienrat Leopold Fried mann, Schatzmeister, Dr. I. Ginsberg, stellv. Schatzmeister, Regierungsrata.D. Dr. Magnus, Dr. S. Feist, M. D. Feilchenfeld, Max Fraenkel, Oscar Tietz. Der Leiter der Anstalt ist Herr Direktor O. Israel. *** Berlin, 9. Mai. Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den BerlinerBne Br ith-Logen (Monbijou-Platz 10) schreibt uns: Im Berichtsmonat April haben insgesamt 262 neue, Bewerber und zwar 102 männliche, 70 weibliche und 90 gewerbliche ' Angestellte die Tätigkeit unserer Stellenvermittlung in Anspruch genommen. Die Zahl der gemeldeten Vakanzen betrug 281, in welche von seiten des Vereins 53 männliche, 87 weibliche kaufmännische Angestellte und 95 gewerbliche Stellungsuchende in die ihren Leistungen und Fähigkeiten entsprechenden und zum größeren Teil dauernden Positionen untergebracht wurden. Unsere Erfolge im ZnteresseStellungsloser könnten naturgemäß eine größere Steigerung erfahren, wenn die Herren Chefs sich in stärkerem Maße unseres für alle Beteiligten kostenlosen Stellennachweises bedienen würden. Pankow, 8. Mai. Unser Ort, der bereits eine stattliche Anzahl jüdischer Anstalten beherbergt, ist seit dem 1. April' d. I. um eine neue bereichert worden. Herr Direktor Rosenbaum, der seit zirka 7 Jahren in Niedevschönhaufen eine Erziehungsanstalt und Kindersanatorium für geistig zurückgebliebene, noch bildungsfähige Kinder unterhielt, hat nunmehr sein Institut hierher verlegt. Im schönsten Teile des parkreichen, von Juden stets bevorzugten Pankow - in der Breiten Straße — hat er ein Grundstück erworben, das — seit zirka 30 Jahren in jüdischem Besitz — sich durch seine günstige Lage sowohl, als auch durch seine Einrichtung, allen Ansprüchen, die man an ein derartiges Institut, das für die besten jüdischen Kreise berechnet ist, stellt, genügen dürfte. Der zirka. 10000 Quadrat-