Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228927--66493-3278632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
^v.^/'" .;;,-v-.-;vi:-;;v'. '■■'■;';' : ■ 74 Jahrgang. Nr. 19 Berlin. 13. Mai 191« Petlsge zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. korrelpondkn?en und Kachrichtm. Deutschland. F. Berlin, 10. Mai. „Die Berliner Religionsgespräche" bildeten das Thema der Vortragsreihe einer öffentlichen Versammlung der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland", die am letzten Sonntag reichlich 1500 Personen nach dem großen Saale der Philharmonie zog. Von den vier Rednern, die über dieses Thema sprechen sollten, erhielt, nachdem der Vorsitzende Justizrat Breslauer die imposante Versammlung begrüßt hatte, zuerst Herr Rabbiner Dr. Hoch selb-Berlin das Wort. „Wie oft ist," so begann der Redner „die Religion nicht schon totgesagt, wie oft hat man uns zugerufen, wir stehen auf verlorenem Posten! Nach den verschiedenen Bewegungen, die gegen die Religion anstürmten, wie der Materialismus, die Philosophie Nietzsches, die „Ethische Kultur" und der „Monismus" sind wir heute zu den Berliner Religionsgesprächen gelangt, die man als eine Gedankenschlacht auf religiösem Gebiete bezeichnen darf. Zwar handelt es sich dabei um das Bekenntnis unserer andersgläubigen Mitbürger, aber wir können an ihnen nicht etwa damit beruhigt vorübergehen, daß wir sagen, wir Juden stehen auf einer anderen Basis. Tausend Fäden verbinden uns täglich mit dem Geistesleben des Volkes. Das Erwachen des religiösen Empfindens bezeugen die Berliner Religionsgespräche, sie lassen die Hoffnung auch auf eine' Renaissance des jüdischreligiösen Bewußtseins zu. Dazu müßten wir rastlos wirken, in Schule und Haus, in Versammlungen und Presse. Das Verständnis für den Wert unserer religiösen Urkunden und unsere einzigartige Geschichte müsse gestärkt werden, dem religiösen Sehnen müssen wir Aufmerksamkeit schenken und zur Sammlung anregen. Dienen wir der Religion und dem Judentum durch milde Einwirkung und durch vorbildliches Leben! Dann werden die Berliner Religionsgespräche a.uch in unseren Reihen zum Segen gewirkt haben." — Der zweite Redner, Herr Rabbiner Dr. Baeck-Düsseldorf, geht von der Frage aus, „welche Stellung nehmen wir zu den Religionsgesprächen ein, die hier in Berlin die Gemüter so heftig bewegten. Was geht das uns an, meinen manche, haben wir nicht genug mit uns selbst zu tun? Diese Frage ist zu verneinen. Das Judentum hat nie ein so zaghaftes Sonderdasein geführt, auch nicht zu jenen Zeiten, als man die Juden ins Ghetto gesperrt hatte, das für sie keine geistige Mauer bedeutete. Es ist zugleich ein Stück Achtung, das wir den Andersgläubigen entgegenbringen, wenn wir den Vorgängen auf dem Gebiete ihrer Religion Interesse entgegenbringen, obwohl wir uns nicht allzusehr darüber zu beklagen haben, daß man uns in gleicher Weise behandelt. Als hier, in Berlin, zum erstenmal Meyerbeers „Hugenotten" aufgeführt wurden, soll König Friedrich Wilhelm IV. die Bemerkung gemacht haben, wenn Protestanten und Katholiken sich bei den Haaren haben, dann macht der Jude die Musik dazu. Solche Musik aber ist bei uns nie erklungen. Wir kennen die Lieder, die Juden gedichtet' als im 16. Jahrhundert die heftigen Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken tobten. Aus ihnen klang der Ton frommer Hoffnung, daß dereinst alle Menschen sich als Brüder zusammenfinden werden. Das sind „die Juden in der Musik"! Wir hallen ein geschichtliches Recht und die geschichtliche Pflicht, auch in uns erklingen zu lassen, was die religiösen Herzen der Andersgläubigen bewegt, und wir wünschten nur, daß auch die Christen sich über die geistigen.Kämpfe im Judentum so wie wir über ihre unterhielten. Für unser Judentum allerdings ist es an sich ohne Einfluß, ob die Geschichte Jesus ein wirkliches Lebensbild oder eine Legende darstellt. Was groß und gut, edel und heilig im Christentum ist, ist seit altersher im Besitze unserer Religion; im christlichen Schrifttum befindet sich kein Satz, der nicht auch in unseren Schrifteu enthalten ist. Wir sprechen es offen aus: Es wird uns im „Neuen Testament" nichts Neues gegeben. Was es an frommen Sätzen enthält, ist uns ein Altes. Betrachten wir daS Höchste und Edelste im Christentum! Das alles besitzen wir seit altersher, und ist seit jeher unser religiöses Eigentum. Nun werden wir aufgefordert, unterzugehen und aufzugehen in den sogenannten herrschenden Bekenntnisse. Darauf antworten wir: „Mit Verlaub, Ihr Herren, bekennt Euch denn zu uns, sofern Ihr die Lehren der Wahrheit sucht!" — Es gibt unter uns zaghafte Leute, die sich verstecken wollen. Aber da erinnere er an das Wort Adolf Frischhoffs: „Wer in Tagen wie diesen keinen Mut besitzt, der gehört in die Kinderstube hinein." Juden, die sich gewissermaßen entschuldigen, daß sie existieren, gehören in eine solche Ki nderstube hinein. Die politische Gleichberechtigung werde man erst erkämpfen, wenn man den Respekt für seine Religion erkämpft habe." — Der dritte Redner, Herr Dr. Vogel stein, erblickt in den Berliner Religionsgesprächen den unumstößlichen Beweis, daß das Erwachen des religiösen Empfindens im Wachsen begriffen sei. Sie haben bei allen Denkenden die Frage nach der Zukunft der Religion angeregt. Da liegt es nahe, auch die Zukunft des Judentums zu betrachten. Redner entwarf ein fesselndes Bild von den Unterströmungen innerhalb der Judenheit. In den Berliner Religionsgesprächen erblickt er ein Symptom dafür, daß die Grundlage des Christentums ins Wanken gekommen sei. Schon ganz allein die Frage „Hat Jesus gelebt?" ganz gleich, wie sie beantwortet wird, sei ein Zeichen hierfür. Das Judentum könne Persönlichkeiten ausschalten, selbst wenn es z. B. einem beikommen sollte, die Persönlichkeit Moses' aus der Geschichte zu streichen, so würde das doch die Bedeutung der jüdischen Lehre, auf der allein der Glauben beruht, nicht im geringsten berühren. Diese Worte hat ein größerer in Israel bereits vor 50 Jahren ausgesprochen: Abraham Geiger, dessen 100jährigen Gedenktag wir demnächstbegchen werden. Unsererjüdischen Lehre sei der Stempel unvergänglicher Dauer ausgeprägt. Das Judentum werde nie untergehen, trotz der trüben Zeichen.-.Her Zeit, den Taufen und den Kindertaufen, die der Redner als einen modernen Molochdienst bezeichnet und aufs schärfste zeichnet. Die Zukunft des Judentums sicherzustellen, sei die Aufgabe eines jeden Glaubensgenossen. Ein jeder muß hier für die Gesamtheit wirken. — Der letzte Redner, Justizrat Dr. Blau-Frankfurt, betrachtet die Berliner Religionsgespräche unter dem Gesichtswinkel des Kampfes zwischen der liberalen und orthodoxen Richtung des Protestamismns. Ein ähnlicher Kampf zeige sich im Judentum zwischen den Separatisten und der anderen Judenheit. Die Aufgabe des liberalen Judentums sei es, das Judentum vor weiteren Krästeverlusten zu schützen, und nur dieses sei dazu imstande. Seit zwei Jahrzehnten mache sich innerhalb der deutschen Judenheit das machtvolle Bestreben geltend. zu/gem ein sauren Zielen sich zu vereinigen. Auch indifferente Elemente drängten sich jetzt zur Arbeit, und wenn diese Bewegung auch anfangs nicht aus religiösen Motiven die Indifferenten herauziehe, so werde damit doch auch eine neue Bewegung in religiöser Hinsicht geweckt. . Bor zwei Jahrzehnten sah es trostlos im Judentum aus, hente dagegen stehe es lebendig und kraftstrotzend da. Der Antisemitismus und der Ruf nach Religion haben es geweckt. In der Bekämpfung des Antisemitismus fanden sich alle zusammen zu gemeinsamer Abwehr. Zur Verteidigung nach außen, gewissermaßen als Ministerium des Aeußeren schufen wir unseren „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", für die Konsolidierung und Stärkung nach innen, gewissermaßen als Ministerium des Innern wirkt der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund"; es entstanden die „Bne Brith-Logen", der „Hilfsverein der Deutschen Juden" zur Stütze und Fürsorge der bedrängten Juden des Ostens, ebenso die „Deutsche Konferenzgemeinschaft" der „Alliance Israelite Universelle", gar nicht zu reden von der Masse der kleineren Organisationen. Das Gemeindeleben nahm einen Aufschwung und blühte empor, und selbst das Interesse am Kultus ist erheblich gewachsen. Eine intensivere Beschäftigung mit jüdischen Dingen führte auch eine tiefere Kenntnis in und ein größeres Interesse an ihnen herbei.