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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-13 · Heft 19 (13.5.1910) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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Mann, der beim Generalstabe diente, einer außergewöhnlichen Karriere entgegensah und bereits zu diplomatischen Sendungen verwendet war, stand im vorigen Sommer bei dem Aufruhr in Hildesheim als Adjutant des Generals bei den dortigen Truppen; durch die. Nachsicht, die er und der General übten, ward der General seines Amtes enthoben und der Adjutant in die Linie versetzt. Es gehört zu den bedeutsamster! Aufgaben meiner Dichtung solch einen Konflikt zrr zeichnen, in den ein edler und doch pflichttreuer Offizier geraten kann. *) Das ist ein großes Problern, und mein Gefährte hält sich dabei äußerst würdig, läßt sich nicht weiter drängen als sein Naturell erheischt. Auf der Burg hat man eine schöne Umsicht über das Saaletal und die Nhönhöhen. Bald kam unsere verabredete Gesellschaft. Der Vater der Frau v. Lerchenfeld ist Oberstleutnant iu der Festung Landau, die von Soldaten entblößt, jetzt vom pfälzischen Volke genommen werden soll. Du kannst Dir die Bedrängnis denken. Es gibt kein Haus und kein Herz, worin sich nicht die Geschichte unserer Tage eine Bühne wählt. Und gedenke ich jetzt so vieler Männer in Dresden und der Frauen, die um die Eingekerkerten trauern und die ich fast alle kenne, so zittert die Seele und schaut nach Erlösung aus. Auf der Burg sangen die Bauernburschen Lieder, ich gesellte mich zu ihnen und hörte den alten Klang aus der unvcrstimmbaren Tiefe des Volksherzens, ein Vers besonders drang tief zu mir und brachte Dich her: Wir beide sind ein Leben . Ein Freud und eine Lust. Wann wir einander geben Aus Freundschaft einen Kuß. Wir beiden sein verbunden Und fest geknüpset ein. Glückselig sein die Stunden Wann wir beisammen sein.^) Noch manches'Tiefgcwaltige hörte ich und schrieb es mir aus. Du kannst Dir denken, wie mich das wieder glücklich machte, als hätte ich ihn wiedergesehen, den versunkenen Hort des deutschen Volksgeistes. Von der Gesellschaft verstand niemand so meine Freude, aber Du wirst sie verstehen. Abends aß ich bei dem'Rabbiner zu Nacht, der mich so dringend eingeladcn hat, da jetzt , auch jüdische Pfingsten ist. Heute hatte ich wieder eine rechte Freude; mein Freund, der Akademiedirektor Julius Schnorr v. Carolsfeld aus Dresden, einer der großartigsten Maler der Gegenwart, ist hier angekommen und jetzt habe ich doch solch einen bedeutenden Menschen, dessen Lebensaufgabe auch die rechte Kunst ist. Wir verständigten uns rasch über die Politik, das ° ist nun einmal vor allem nötig. Schnorr ist ein Patriot, der die Größe des Vaterlandes will, und da läßt sich dann schon friedlich verkehren. Er hat sich ein schweres Augenübel zugezogen durch zu rasche Arbeit an den Nibelungenfresken in München, die ganz seine Schöpfung. Er wird sich hier-kurieren. Die Königin kam heute zum ersten Mal zum Brunnen, Schnorr wurde ihr vorgestellt, ich vermied es noch, auch hatte ich die hoswidrige Mütze ans. Schnorr sagte mir, daß auch die Königin noch glaube, die ganze Bewegung unserer Zeit sei nur von ein paar Menschen gemacht und das Volk mißgeleitet. Diese Leute können die Wahrheit kaum einsehen. Gestern, erzählte mir Lerchenseld, war die Königin ganz *) Nachklänge finden sich im Roman „Neues Leben". 2) Kehrt wieder im Roman „Ans der Höhe". frappiert, als bei Tjsche der Kammerherr sagte: Heckers sei ein edler Mensch. Sie kann das nicht glauben. Nein, haben diese Gekrönten den Hofstaar!... Heute morgen ging ich viel mit Schnorr. An diesem Manne ist alles groß und umfafiend und dabei hat er einen Zartblick für das Kleinste. Nun wurde ich durch den Kammerherrn v. Golz der Königin vorgestellt, sie war sehr freundlich und sagte mir viel Schönes. Wir sprachen lange und unbefangen, sie scheint kein besonderer Geist, aber gutmütig. Sie ermahnte mich, doch auch wieder ins Vaterland zurückzukehren. Wir kamen nicht in politische Gespräche, sondern sprachen rneist über die Stellung der Schwaben im übrigen Deutschland. Als meine Mutter in Nordstetten erivähnt wurde, sagte mir die Königin, ich möge sie von ihr grüßen. Sie stellte mir dann ihre noch ledige Tochter vor und wir unterhielten uns lange. Siehst Du, gute Nina, Dir darf ich es sagen. Du findest es nicht lorlehaft wie wohl Andere, es war mir doch eigen, als ich die Königin sprechen hörte und zu ihr sprach; wir tauchte die Erinnerung auf, daß ich von Kindheit an ihr Bild in unserer Stube hängen sah. Das war so etwas Unerreichbares und jetzt wird es Leben. Es war ein flüchtiger Gedanke. Sonst wehrte ich mich fest, keine Konzession in irgend einer Aeußernng zu machen; wenn die ''Majestät sich vielleicht etwas darauf zu gut tat, so freundlich zn sein, so dachte und wußte ich bei mir, daß es von mir viel mehr ist, von meinem demokratischen Standpunkte aus, ihr die humane Ansprache zu geben. Hätte ich die Vorstellung verweigert, so wäre ich inhuman gewesen und das wollte ich nicht. Das ist mein Gesichtspunkt. Ich werde mich aber nun, da ich das Meinige getan, wenig mehr um die Hoheiten scheren und mit rneiner grünen Mütze, die Du kennst, still meines Weges gehen. Kissingen, den 2. Juni 1849. Morgens 10 Uhr. ... Meine' Nina, ich have Dir seit drei Tagen nicht geschrieben, und heute führe ich zum ersten Male meine Feder mit der Hand, die keinen Ring mehr trägt. Am 30. war der Jahrestag meiner Hochzeit mit meiner seligen Auguste, und an jenem Morgen legte ich still und einsam den Ring ab. Das war eine Stunde, in der ich Welten durchzog und vor dem Altar des ewigen Geistes stehend mein Herz in mir faßte. Du wirst es vielleicht seltsam finden, daß ich den Kultus des Seins und Vergehens mit solcher Aeußerlichkeit oder Zeremonie beging, aber jedes Menschsein bildet sich seinen eigenen Gottesdienst und seine eigenen Gebräuche, und ich fasse gern an solche Einzelhandhaben an. Ich sprach zu Dir und zu meiner Auguste. Ihr wart mir beide nebeneinander und doch eins, wie durch eine mystische Wandlung ist mir das Doppelleben ineinander verschmolzen, und die tiefste Rührung, die ich nie in Worte fasten kann, floß mir durch die Seele. Meine Auguste in ihrer ätherischen Reinheit, wie sie in jedem Momente ihres Lebens war, wie sie ganz nur mir lebte und mich heilig hielt und mich selbst über mich erhob, wie sie für mich lebte und im Tode mir ihren Geist zuhauchte, sie stand vor mir und in mir, und jetzt in diesem Momente der Rückerinnerung legte ich unwillkürlich die Feder weg und faltete still die Hände; es ist ein stummes Gebet ohne Worte, ein Moment, in dem die Seele sich auf ihr Antlitz niederwirst und selbstvergessen sich vor sich selbst verhüllt. So wars und so ist es jetzt. 0 Fritz Hecker. Vergl. über ihn Briese an Jacob Anerbach II 11, 158, 173,451.

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