Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Lövh stellt es als die Aufgabe des Forschers hin, durch Beobachtung und Experimente die Erscheinung in ihrer größten Einfachheit zu schauen, den Fäll aufzusuchen, der wenige unerläßliche Bedingungen fordert; kurz das, was Goethe das Urphänomen nennt, ausfindig zu machen und in den verwickeltsten Erscheinungen wieder zu erkennen. Er gesteht, daß er sich an dieser Methode seit Jahren im stillen erbaute und immer mehr einsah, wie im Grunde jede Entdeckung im Gebiete der Naturwissenschaften ein solches Urphänomen enthalte, oder sich ihm wenigstens nähere. Der Naturforscher sollte sich auch vor Augen halten, daß Goethe in der Farbenlehre nebenbei die Absicht verfolgte, die Sprache zu bereichern, um so „die Mitteilungen höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu erleichtern". Es will Lövy nämlich bedünken, daß die deutschen Philosophen oft die Sprache zu wenig achten, den Sprachgebrauch verhöhnen; bald für denselben Begriff verschiedene Ausdrücke gebrauchen, bald dasselbe Wort in verschiedenem Sinne nehmen. Ein altes Wort mit einem neuen Begriffe, ein neues Wort mit einem alten Begriffe verbinden, wodurch die „Wißbegierde des Studierenden, wenn nicht ermüdet und mit Härte zurückgewiesen, wenigstens bei der genialen Kühnheit und Tiefe der Gedanken oft mehr aufgeregt als befriedigt wird". Angesichts dieser Tatsache weist er auf die prächtigen Sätze in den Wanderjahren hin, die da lauten: „Wir haben das unabweisliche, täglich zu erneuernde, grundernstliche Bestreben: das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten, Erfahrenen, Jmaginierten, Vernünftigen möglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen." — „Jeder prüfe sich, und er wird finden, daß dies viel schwerer sei, als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte gewöhnlich Surrogate, er denkt und weiß es meistenteils besser, als er sich ausspricht." Goethe besaß eben das Geheimnis, sehen zu können und andere sehend zu machen. Bernh. Münz.;gg5lfry|||g7; lörsutissmsbrieke non Lerthold Auerbach. Mitgeteilt von Anton Bettelheim. VIII. Pfingstsonntag, den 27. Mai, Morgens 9 Uhr. orgestern las ich in der „Allgemeinen Zeitung" von Berlin aus, daß ich, nicht mehr ganz sicher in Breslau, hierher gegangen sei; ich habe an Mundt geschrieben, daß das berichtigt werde, da es nicht wahr ist. Ich habe diese Berichtigung besonders wegen Wien machen lassen. Ich sage Dir das alles, damit Du weißt, was ist und keinerlei Aengstlichkeit Dich anfliegen darf. Der hiesige Landrichter und Badedirektor, mit dessen verstorbenem Bruder ich in der Burschenschaft war, ist übrigens zuvorkommend gegen mich, er ist der Bruder des früheren Ministers und jetzigen Kammerpräsidenten v. Lerchenfeld. Heute sagte er mir, daß die Königin v. W. ausdrücklich den Wunsch geäußert, mich kennen zu lernen, ich werde also die Sache nicht mehr umgehen können. Ich werde mir aber meine Freiheit im allgemeinen und meine Redefreiheit besonders dadurch nicht stören lassen. . Ich gewinne jetzt täglich neue Bekannte. Ich habe meine alte Gesellschaft verlassen. Der englisch-tuende, immer wie ein Orakel austretende Hagestolz war gar zu widerlich, und der Herr Wolff schloß sich einem geckenhaften Berliner-Leutnant an, der mit Spott von den vereinigten Deutschen in Wachtstubenwitzen spricht. Wenn ich nicht allein gehe, ist der Hannoversche Offizier, den ich Dir früher schon genannt, fast mein beständiger Begleiter, er ist. ein Mann von gesetztem Alter, durch und durch Patriot und von jener ruhigen, maßvollen Bildung, die stets wohltut. .Du kennst wohl auch jene Naturen, die, ich möchte sagen, nie laut und heftig sprechen, die ganze Besaitung der Seele hat, eine gewisse, feste, mitttlere Stimmung, und es ist oft fast rührend, wenn der kräftige, starke Mann im Wald oder auf dem Berge seine kindliche^Seele aufschließt, und mir wird immer ganz eigen zumute, wenn ich in solche Menschen schaue, denen das Leben durch sorgfältige Erziehung und geordnete Verhältnisse so geebnet ward, ich vergleiche es dann mit mir, der ich mich durch Hecken hauen mußte und alles in und außer mir selbst zu erobern und mir die Werkzeuge dazu zu erfinden hatte. Als Dritter hat sich noch ein gebildeter und ehrenhafter Kaufmann aus Hamburg an uns angeschlossen, ich bin diesem besonders viel, da er erst vor kurzem seine junge Frau verloren und ich ihm dartue, wie das Leben so neu und so heilig schön wieder werden kann. Der Offizier heißt D. Böttcher und der Kaufmann Lattmann. Ich bin nun seit drei Tagen nicht auf der Bodenlaube gewesen und fahre heute mit Lerchenseld und den anderen nach der Burg Trimberg. Ich habe nun auch hier zwei Vogelnester. Im Garten, wo wir zu Mittag essen, ein Lerchennest und in dem Gärtchen, vor meinem Fenster m einem Rosenbusch voll Knospen, die eben ausspringen wollen, ein Nest mit drei ganz nackten Rotschwänzchen. Die Eltern lassen sich nicht mehr stören durch Annäherung, das Weibchen sitzt still auf dem Neste und deckt die Jungen zu und schaut dabei wie mitleidflehend und andächtig auf, und das Männchen bringt Futter und ätzt. Am liebsten in Dorngesträuch setzen die Vögel ihre Nester und der Strauch blüht und drinnen wohnt ein junges Geschlecht. Ach, meine gute Nina, es darf niemand wissen, daß ich Dir so viel von diesen Dingen* erzähle, andere werden es gar zu kindisch finden, und wenn ich die große Welt überschaue, das Menschengetriebe und das Naturleben, da steigt oft der siegende Geist hoch, stolz und groß, frei über alles Endliche weg und faßt Urgewaltiges, und ich möchte ein Werk schaffen, in dem ich das All zusanunenraffte, wie es mir die Seele füllt und aus ihr steigt, und doch sehe ich wieder, daß alles nur klein ist und das Kleine ist groß. Ich ging gestern mit einem alten behäbigen Bauern, der mir bald sein ganzes Schicksal erzählte, er hatte sich Brot, Kaffee und Zucker geholt, der Alte ist eine Art König Lear, er hat drei Töchter, eine, bei der er wohnte, ist gestorben und die andern beiden, die auch verheiratet sind, lassen ihn allein und er führt sich nun selbst die Haushaltung in einem kleinen Stübchen?) Ich lese jetzt Abends Clemens Brentanos Frühlingskranz. Ich bitte Dich dringend, das jetzt auch zu lesen, es ist mir lieb, daß Du zur selben Zeit Dich mit denselben Gedanken erfüllest und Du wirst Urmenschliches darin finden.. . Pfingstmontag den 28. Mai. Morgens 10 Uhr. . .. Also gestern im heißen Mittag fuhr ich mit meinem Hannoveraner nach Schloß Trimberg. Die schöne feste Ruhe des Mannes gefällt mir immer besser. Wie viele Schicksale durchschneidet der Lauf der gegenwärtigen Geschichte, dieser ') Der Plan eines Dorf-Lear beschäftigte Auerbach lange; häufig sprach er mit Jacob Auerbach davon zuletzt, als Turgenjeffs König Lear der Steppe veröffentlicht wurde.