Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228927--66489-3278628- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Lu Gorthk und dir Juden. Eine verschollene Dissertation. ie Farbenlehre, die noch heute von der Parteien Gunst und Haß verwirrt in der Geschichte schwankt, war gewissermaßen ein Schmerzenskind Goethes. Mehrere Jahrzehnte hielt sie ihn in Atem. Wir müssen sie als eines seiner Lebenswerke im höchsten Sinne bezeichnen. Keine Schöpfung seines Geistes hat er mit innigerer, zärtlicherer Liebe gehegt, und er stellt sie weit-über seine dichterischen Werke. Und als er sie, die ihm wie eine „unabtragbare Schuld" auslag, nach unablässiger und mühevoller Tätigkeit endlich fertig abgeschlossen in seinen Händen hielt, gestand er, daß es ihn nicht reue, diesen Arbeiten soviel . Zeit geopfert zu haben. „Ich bin dadurch zu einer Kultur gelangt, die ich mir von-anderer Seite schwerlich verschafft hätte." Der Erfolg der Farbenlehre stand jedoch, obwohl nach seiner Ansicht zum Verständnis derselben nichts weiter gehören, als „ein reines Anschauen und ein gesunder Kopf", bei weitem nicht im Verhältnis zu der aufgewendeten Mühe. Große Freude bereitete ihm daher das vom 20. Januar 1832 datierte Schreiben des ihm befreundeten Rates Grüner in Eger: „Inzwischen hat mir der Herr Professor der Humanitätsklassen zu Prag, Anton Dietrich, das anliegende Merkchen des Mediziners Dr. Hermann Lövy, Israeliten in Prag, mit der Bitte zugesendet,' es an Eure Exzellenz gütigst mit der gehorsamsten Bemerkung einzusenden, daß es ihm als dem Verfasser zur besonderen Ehre gereichen würde, we.nn Eure Exzellenz ein schriftliches Wort der Genehmigung auszusprechen die Güte haben möchten. Dieser Anton Dietrich, ehemaliger Professorin Komotau, Priester des Zisterzienser-Stiftes Osseg bei Töplitz, führt an, daß er das Glück hatte, früher, im Jahre 1819 das letztemal, persönlich Eure Exzellenz zu verehren ... Da Eure Exzellenz abermals die veranlassende Ursache zu diesem Verkehr waren.»so dürfte es um so angenehmer sein, als daraus ersichtlich wird, daß die Farbenlehre, ohngeachtet der vielen Widersacher in Prag, schon lange Eingang gefunden habe." In dem Tagebuche ist am 2. Februar vermerkt: „Mineralien von Rat Grüner mit einer bedeutenden Prager Disputation über Polarität . ... Briefe . . . Mannigfache Ueberlegungen veranlassend . . . Die Prager Disputation über Polarität. Ernste Betrachtungen darüber. Abends . . . Ich . . . setzte meine Betrachtungen über Zusammenhang des allgemeinen Phänomens fort; die Prager Dissertation weitergebracht . . . Die Prager Dissertation besprochen. Wird Gelegenheit zu wichtigen Betrachtungen geben über die vorteilhaftere Stellung der katholischen Naturforscher, welches genau auszumitteln und auszusprechen ist." Die Dissertation regte den Altmeister noch wenige Tage vor seinem Tode,-am 15. März 1832, zu folgendem Schreiben an Grüner an: „Zuvörderst will ich großen Dank an Herrn Professor Dietrich abstatten für die übersendete Dissertation, worin ich die Einführung meiner Farbenlehre in die Reihe der übrigen physikalischen Kapitel aus das freundlichste anzuerkennen hatte. Es ist dieses ganz in meinem Sinne und meinem älteren Wunsch nach bequem; denn die Natur wird allein verständlich, wenn man die verschiedensten isoliert scheinenden Phänomene in methodischer Folge darzustellen bemüht ist; da man dann wohl begreifen lernt, daß es kein Erstes und Letztes gibt, sondern daß alles in einem lebendigen Kreis eingeschlossen, anstatt sich zu widersprechen, sich aufklärt und die zartesten Bezüge dem forschenden Geiste darlegt. Möge nur ein solcher Anteil auch bei Ihnen und „den werten geistverwandten Männern" immerfort lebendig und wirksam verbleiben!" Lövy war eine ungewöhnlich selbständige Natur. Gegen den Strom der Majorität schwimmend, knüpfte er in seiner jetzt verschollenen Dissertation „Ueber Polarität" (Prag 1831) an die „herrliche" Farbenlehre des Altmeisters an. Er hob aufs nachdrücklichste hervor, daß in der Theorie der Polarität eine große Lücke bleibe, solange Goethes Farbenlehre nicht eine allgemeinere Anerkennung finde als bisher. Wie treffend er die einzigartige Persönlichkeit Goethes erfaßte, die im letzten Grunde auf der innigen Harmonie seiner Naturforschung und seines Kunstlebens beruht, erhellt aus seiner Klage, daß man dem allgemein anerkannten, verehrten Dichtergenius nicht auch Genialität in der Naturforschung zutrauen wolle, sich der Erwägung verschließe, „daß auch dieses fremd scheinende Streben aus der Tiefe seiner Individualität quelle, und daß mit seinem Denken, wie mit seinem Dichten, stets die unbefangenste, himmelklare Anschauung aufs innigste verknüpft ist". Freilich, wie wenigen ist die exakte sinnliche Phantasie, das reine, lautere Anschauen gegeben, die Anschauung, die das Leben als ein Lebendiges auffaßt, wo hingegen mechanische Formeln das Lebendige in ein Totes verwandeln! Lövy führt die Hintansetzung der „gerade am sorgfältigsten bearbeiteten, obwohl noch der Vervollständigung bedürftigen" Farbenlehre auf das Vorurteil zurück, daß diese Wissenschaft der Mathematik durchaus nicht entbehren könne. Er hält es mit Goethe, der die Mathematik als die Zierde des menschlichen Geistes, die erhabene Leuchte der Naturwissenschaften ehrt, solange man sie da anwendet, wo sie am Platze ist, solange sie dazu dient, das, was die Beobachtung der Natur gelehrt, mit der größten Genauigkeit zu bestimmen und den Denker von bekannten Wahrheiten zu unbekannten zu leiten. Er rügt es jedoch, daß man sie bei Dingen, die gar nicht in ihrem Bereiche liegen, mißbraucht, indem man beispielsweise von ihr das Auffinden der primitiven Naturwahrheiten fordert, „so daß die größte experimentale Klarheit gegen durch Mathematik geheiligte Vorurteile vergeblich ankämpfe, wie unsere Zeit ein trauriges Beispiel in der Farbenlehre ausstellt". Die Mathematik vermag ja auch Jrrtümer zu berechnen, und ein richtiges Kalkül führt zu einem falschen Resultate, wenn die erste Quelle der Naturbeobachtung oder des Experimentes unrichtig, unrein oder mangelhaft war. Beispiele genug liefert hierfür die Geschichte der Astronomie der Alten. Lövy erinnert uns an das von Ptolomäus durch Berechnung der Mondfinsternis herausgebrachte Resultat, daß die Sonne ungefähr zweimal soweit von der Erde entfernt ist als der Mond. Lövy kann auch nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen, daß das nachträgliche Kapitel der Farbenlehre, das unter dem Titel „Entoptische Farben" das enthält, was man gewöhnlich unter Polarisation des Lichtes begreift, sich auf die ungezwungenste Weise an das Frühere anschließt, ohne daß bei diesem neu entdeckten Gegenstände eine neue Erklärung nötig gewesen wäre. Daran schließt sich die an die Deutschen gerichtete Mahnung: „Die komplizierte, mechanisch-hypothetische Theorie der Franzosen, unter welchen selbst sich bereits ein sie zum Teil wieder zerstörender Streit erhoben, könnten die Deutschen füglich entbehren und mit der in wenigen Blättern enthaltenen, naturgemäßen, einfach-genialen Lehre Goethes zufrieden sein. Es wäre sogar nicht unmöglich, daß gerade dieser Gegenstand eine Aussöhnung der Physiker mit dem hohen Greise herbeiführte, und daß man sich endlich freute, das ehrwürdige Haupt des vielseitigen Lehrers seiner und der kommenden Zeit neben so vielen unverwelklichen Kränzen auch mit dem der Naturforschung zu umwinden."