Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228927--66488-3278627- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hJ - 22V-' 1 " s ' Es würde zu weit führen, die Psychologische Entwicklung von Sauls Charakter, sein immerwährendes Schwanken zwischen Haß und Liebe, seine Wutausbrüche, die ihn zur Abschlachtung der Priester treiben, und seine endliche Erlösung durch den selbst herbeigeführten Tod zu Verfölgen. Der Alfierische Saul ist eben im wesentlichen ein psychologisches Drama; die Handlung tritt in den Hintergrund, ist nur Beiwerk. Die völlige Entwicklung von Sauls Charakter wird uns nicht vorgeführt; wir sehen ihn von Anfang an bereits einen Geistesgetrübten vor. uns. In Anbetracht dessen, daß sich alles kurz vor Sauls letzter Schlacht abspielt, daß also fünf Aufzüge hindurch nur ein Seelengemälde von des Königs letzten Stunden entworfen wird, welches ben Hörer bis zum Schluß in angeregter Spannung erfüllt, muß des Alfieri-Drama in der Tat als ein psychologisches Meisterwerk bezeichnet werden. 3. Saul. Eine Tragödie von Aug. Ludw. Wilh. Jacob. Geschrieben 1822, erschienen 1828. Keine Literaturgeschichte erwähnt den Autor und das Werk, welches einer eingehenden Besprechung durchaus wert ist. Die wichtige Frage, ob der Charakter Sauls, seine innere Verstimmung, die allmähliche Verdüsterung und endlich bis zur blutigen Grausamkeit gesteigerte Verwilderung seines Gemüts sich zur dramatischen Darstellung eigne, ist, wie wir gesehen haben, von Alfieri dadurch verneinend beantwortet worden, daß er nur die Katastrophe und das Ende des Königs zum Gegenstand seiner Tragödie genommen und ihn selbst als sinnverwirrten, gegen Gott empörten Tyrannen aufgefaßt hat. Jacob bejaht im Gegensatz dazu die Frage; und wir fühlen uns wahrhaft tragisch bewegt, wenn wir sehen, wie ein ursprünglich für das Bessere empfänglicher, edler Mensch in Unseligem Streben nach einem ihm versagten Gute von Verirrung zu Verirrung endlich bis zum Verbrechen fortgerissen und selbst allmählich so zerrüttet wird, daß er das reine Leben der Unschuld nicht mehr begreifen kann und schließlich, gänzlich im Innern zerstört, zugrunde gehen muß. Von der Bibel ist Jacob so gut wie gar nicht abgewichen. Er verzichtet auf blendende Ueberraschungen und frappierende Effekte, er gibt nur — wie es die Tragiker des Altertums auch getan — eine schlichte Darstellung durchaus bekannter Begebenheiten bezw. Sagen in Einfachheit und Würde und führt das Stück zu einem beruhigenden, versöhnenden Schluffe. In der ersten Szene sehen wir Saul und Jonathan im Zeltlager zu Gilgal; befriedigt blickt der König auf seinen Sohn, der die Amalekiter besiegt hat, und mit berechtigtem Stolz weist er auf das blühende und gefestete Reich hin, wie ers durch seine Kriege und. Siege geschaffen. Anderseits enthüllt er dem Sohn auch seine nagende Herzenspem: er ist der Knecht des Hohepriesters Samuel: Eng um schränkt er mich Mit schlauer Kunst in meiner neuen Macht. Den hohlen Namen nur, ben eitel« Schein Des Königthums verlieh er mir, die Herrschaft Behielt er selbst. Auf die Bitten Jonathans will er sich auch heute Gewalt antun; sei» ritterlicher Sohn gibt jedoch den Worten Abners, der Gnade für den gefangenen König Agag verlangt, insofern Gehör, als er sagt: Kann Agag noch des Lebens sich erfreun, Nachdem er seines Volkes Fall gesehn. So dank er's euch. Da tritt Samuel ein, gebieterisch und streng auf der Erfüllung seiner. Befehle und dem ihm allein zukommenden Opfer bestehend. Indem er den König vor ^en versammelten Fürsten bloßstellt, reizt er den lang verschlossenen Zorn Sauls aufs Höchste: Ohnmücht'ger Greis! Ich bin's, der Dich beschützt und diesen Thron, Und König kvill ich sein in meinem Volke, Von heut' an, nicht nur Heiden, wie bisher. Samuel verläßt unter Verkündung des Fluchs den Erzürnten, dessen Grimm auf die Spitze getrieben wird durch die von Jonathan erbrachte Nachricht, daß Samuel den wehrlosen König Agag erschlagen hat. Saul nimmt den vom Priester, gewollten Kampf an. Ungemein poetisch setzt der zweite Aufzug ein. In sternenheller Nacht ruht träumerisch David, auf einem Berge unter hohen Bäumen, bei seiner Herde. Zur Harfe singt er lobpreisend: Du hast den Erdkreis gerundet, Kleidest ihn festlich in Pracht; Du hast die Felsen gegründet, Schaffest zum Tage die Nacht. Dichpreisen die Wogen der Meere; Der Sonnen wandelnde Heere > Verkündigen deine Macht. Du winkst und Welten entstehen; Du hauchest und sie vergehen; Geschehen ist, was du gedacht. Unbemerkt tritt Samuel im priesterlichen Schmucke zu dem überraschten demütigen Knaben und salbt ihn, unter Anrufung des Herrn, zum König. Er befiehlt ihm, die Weihe geheim zu halten und zum hartbedrängten Heere Sauls^ zu gehen, das er nach göttlicher Verheißung heute zum Siege führen soll. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die szenische Vorführung der Salbung Davids durch Samuel ein äußerst glücklicher Gedanke des Dichters ist. Dadurch prägt sich dieser für das ganze Saul-Drama grundlegende Vorgang dem Hörer viel nachdrücklicher ein, als durch Erzählungen und Berichte. Die Situation ist trefflich gewählt und erhöht die Bedeutung' des Vorgangs noch wesentlich. Endlich zeigt uns die Szene David als geheimen, wenn auch schuldlosen Mitwissec von Samuels gegen Saul gerichteten Plänen, was für die weitere Entwicklung wohl zu beachten ist. Vor Saul, den die Seinen fast mit Gewalt vom Zweikampf mit Goliath zurückzuhalten suchen, tritt nun David ganz plötzlich und unvermutet hin. Sauls anfänglicher Unwillen weicht einem aus Zuneigung und Mißtrauen gemischten Gefühl; als David — ein „Werkzeug in Gottes Hand" — zum Kampfe gegangen ist, da wird Saul bereits des ungeheuren Uebergewichts inne, das der Knabe im Falle eines Sieges ihm. gegenüber hat: Ein Niese wird der Knabe gegen mich Vom Staube zu den Wolken sich erheben. Frohlockend schreitet er daher, das Volk Küßt seines Fußes Spur; auf seiner Ferse Folgt schleichender Verrath, Aufruhr, Empörung! * Und schon naht auch ein Bote mit der Kunde des Siegs. Sehr charakteristisch ist es, daß Saul, als David und Jonathan mit den Waffen des erschlagenen Riesen hereintreten, den Sohn umarmt und über die Heldentat Davids ziemlich kühl hinweggeht. (Fortsetzung folgt.) If8