Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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* biblische Geschichte in Tö^en gegeben, die unerreicht sortdanern wird, so lange die Welt besteht. Mer nur wirkliche Menschen konnte und wollte der Meister schaffen; nur was wahrhaft dramatisch und unmittelbar den Menschen ergreifend sich ihm aus der Bibel darbot, das umkleidete er mit Tönen. Die Ausarbeitung seiner Texte bewachte, er mit Argusaugen, und vieles (was sich jetzt natürlich nicht mehr feststellen läßt) ist als sein ureigenstes Werk zu betrachten. Einer der bedeutendsten deutschen Literarhistoriker C. G. Gervinus hat die Texte zu sämtlichen Oratorien Händels übersetzt?) und sagt im Vorwort unter anderem folgendes: Es ist immer meine Ueberzeugung gewesen (mit der ich zwar bei den Puristen unter den befugtesten musikalischen Kennern und Urteilern anstoße), daß der ganze Wert der oratorischen Musikdramen Händels, des Kernes seiner Werke, auch dem sinnigsten und denkendsten Teile der Welt, wie sie heute nun einmal musikalisch gewöhnt ist, nur durch eine wohlverstandene Bühnenaufführung erschlossen jwerden könne. Man hat unlängst in Düsseldorf mit Mendelsohns Paulus, der doch in keiner Weise auf dramatische Effekte angelegt ist, die Erfahrung gemacht, wie ganz anders ein musikalisches Werk belebt wird, wenn das Verständnis seines Inhalts ohne Mühe und Anstrengung dadurch erlangt wird, daß man ihm dem Auge sichtbar vorstellend, dem Geiste unmittelbar ergreiflich macht: unendlich mehr würde dies bei Händels Musikdramen der Fall sein, von welchen eine ganze Reihe in ihrem Inhalte ganz wie auf dramatische Aktion berechnet, die alle ausnahmslos, wie.selbst die unszenischen Oratorien, in einem durchaus dramatischen Geiste gesetzt sind. Mir scheint, wer mit Verstand und Achtsamkeit die Gruppe dieser Texte auch Nur lesend, einmal durchgehen und in Gedanken mit allem vergleichen möchte, was allen den größten Tonmeistern aller nachfolgenden Zeiten zu Unterlagen für ihre Gesangwerke hat dienen müssen, der werde selbst ohne je einen Ton von Händelscher Musik gehört zu haben, begreifen, daß man sich hier in einer ganz eigenen, ganz einzig begünstigten Zone der musikalischen Welt befinde. Das Drama beginnt mit einem Triumphgesang für den Sieg über Goliath und die Philister; David naht bescheiden und erhält von Saul die Hand seiner älteren, stolzen Tochter Merab. Als aber die Frauen und Jungfrauen, im Reigentänze daherziehend, singen: „Heil Dir, König, groß an Macht, N Heil den Kämpfern all der Schlacht!. '* Heil Dir, David, junger Held, Der des Feindes Haupt gefällt! . ' Tausend schlug, o Saul, Dein Schwert, Heil Dir, der uns Sieg gewährt! David warf zehntausend hin, Zehntausend Lieder preisen ihn!" 1 Da regt sich — und das ist menschlich — zum erstenmal Neid und Groll in Sauls Seele. Und nun gibt es kein Halten mehr; in einer Reihe erschütternder Bilder wird uns vorgeführt, wie sich Sauls Sinn zum glühendsten Haß gegen David wendet, der nur in der Liebe der zweiten Tochter des Königs, der sanften Michal, und Jonathans Trost und Friede findet. Sayl selbst ist dem Untergange verfallen; die entscheidende Schlacht gegen die Philister steht bevor. Der Mund der Priester ist für Saul verstummt; verkleidet schleicht er zur Hexe von Endor. Noch einmal verlangt es ihn, die Stimme jenes großen Weisen zu vernehmen, der einst ihn, den unbekannten Jüngling aus dem Volke, des Königsthrones würdig fand. Saul fällt in *) Handels Oratorientexte. Uebersetzt von C. G. Gervinus. Berlin 1873. der Schlacht, und mit einem ergreifenden Klagegesang auf seinen und Jonathans Tod endet das Drama. Wir sehen also, daß die Händelsche Tragödie — wie jedes wirkliche Musikdrama es soll — nur die allereinfachsten menschlichen Momente zu ihrer Gestaltung braucht: Saul mußte untergehen, weil er den Tapfersten seines Volkes, David, nicht an sich zu ketten verstand. 2. Saul. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen von Vättorio Alfieri, geschrieben 1784. K. M. Sauer sagt in seiner „Geschichte der italienischen Literatur": r) .Alfieris vollendetstes Werk ist der „Saul". Zwar findet sich auch hier noch manche der von seinem poetischen Schaffen nicht zn trennende Mängel, aber als Ganzes betrachtet ist diese Tragödie doch das bedeutendste Erzeugnis der dramatischen Dichtung Italiens, dem man selbst heute kaum etwas Ebenbürtiges zur Seite stelle könnte?' Glücklicherweise hat gerade der „Saul", den auch Alfieri selbst vor allen seinen anderen Dramen besonders hoch hielt, wie aus der Widmung an den Abt Tommaso Valyergo hervorgeht, einen der Dichtung würdigen. Uebersetzer gefunden, d. h. einen wirklichen Dichter, der die beiden Grundsätze — Vollendung der Verskunst und höchstmögliche Treue — glänzend durchführt. Es ist Joseph Rehfues, späterhin als Verfasser der „Reden an das deutsche Volk", des Romans „Scipio Cicala" usw. hochberühmt. Von der ursprünglich auf mehrere Bände berechneten Rehfuesschen Uebersetzung ist nur ein einziger (Berlin 1804) erschienen; man kennt ihn heutzutage noch weniger als das Alfieri-Original. Wir geben die Zitate in dieser Uebertragung. Der Schauplatz des Alfierischen Trauerstückes ist ein einheitlicher: Das Lager der Israeliten in Gilboa. Zu dem vor Saul geflohenen David tritt Jonathan, der ihm die holde Gattin Michal zusührt. Erst im zweiten Auszug tritt Saul auf, fast völlig unter dem Einfluß des vom Dichter als Intriganten aufgefaßten Abner stehend. Der Wechsel von Sauls Stimmung gegen David ist von Alfieri meisterhaft gezeichnet: O mein David! So bist Du denn mir noch gehorsam stets? Noch Eidam? Sohn? und treuer Unterthan? Und Freund? . . . O Wuth! Mir meine Krone weg Vom Haupt zu reißen! Du, der das gewagt. Ruchloser Alter! zittre! — Ha, wer bist Du? . . . Auch wer nur den Gedanken hatte, sterbe ... Ach! Wehe mir! schon red' ich Wahnsinn . . . Der furchtlos vor den König tretende David weiß diesen umzustimmen; Saul erklärt sich besiegt, als David ihm den Streifen des Mantels weist, den er dem Schlafenden zu Engedda abgeschnitten. Auch den ihn hassenden Abner bringt David aus seine Seite. Von hoher Schönheit sind die eingestreuten lyrischen Gesänge Davids, mit denen er Sauls Wüten beschwichtigt, z. B.: Friede sei'mein Lied. Müde, durstend, auf den Malten Läßt an heim'schen Bächen nieder, Wo sich immergrüne Schatten Des ersehnten Lorbeers gatten, Gottes starker Held sich nieder. ' Labung bringend, schließt der Lieben Holder Kreis sich um ihn her; Bang der Sorgen, die ihn trüben, Aber froh der Wiederkehr. Alles rings von Lieb erweicht, Läßt die süßen Zähren fließen, Welche keine Sprach' erreicht. y Leipzig, Wilh. Friedrich, 1883.