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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-13 · Heft 19 (13.5.1910) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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il Fontanes aus der Kriegsgefangenschaft wandte. Und als ihm 1895 das Rebrevv Union College die Würde eines Doctor ok Divinity verlieh, da geschah es, nicht um ihn, sondern um diese Fakultät zu ehren, wie es in dem Begleitschreiben heißt; sie glaubte, der Verpflichtung gegen den deutschen Geist nicht besser Ausdruck zu geben, als indem sie „ihrebescheideneHuldigung dem Manne entgegenbrachte, welcher wie kein zweiter seit Moses Mendelssohn dem deutschen Judentum durch Gedanke und Tat ein Vater geworden ist." v Wenn Renan in seinen 1883 erschienenen Souvenirs d’Enfance' (S. 185), um dieselbe Zeit, da sein Vortrag ihm die Erinnerung an Lazarus" Forschungen wachgerufen hatte schreibt: „L’Allemagrie,.depuis qu’elle s’est donnee lout entiere a la vie militair, en’aurait plus de talent,si eile n’avait lesjuifs, envers qui eile est si ingrate“, so ist kein Schluß sicherer als daß er diesen Satz, der freilich zu viel behauptet, auf Lazarus gemünzt hat, der auf der Höhe seines Ruhmes stand und in jener Zeit — 1880 nach dem Tode Harms", 1881 nach dem Tode Lotzes — die kränkendste Zurücksetzung erfahren hatte, nachdem er um des Friedens willen 1873 auf die direkt von Falk mit Genehmigung des Kaisers ihm - verliehene ordentliche Professur verzichtet und sich vorläufig mit einer Honörarprofeffur begnügt hatte. Wie einst die Kieler theologische Fakultät sich gegen die von der philosophischen gewünschte Berufung Lazarus" erfolgreich gewandt hatte, der von Nippold allen religiösen Historikern als Muster hingestellt worden ist und nach dem Urteile dieses berühmten Theologen zu den Auserwählten gehört, deren Wort in allen Konfessionen mit gleicher Ehrfurcht ausgenommen wurde, so hatte die Berliner philosophische Fakultät nicht den gebührenden Platz für den Mann, der, - wie einer seiner hervorragendsten Schüler von der Kriegsakademie nach fast vier Jahrzehnten rühmt, „unser deutsches Selbstgefühl vertiefte und uns zugleich lehrte, die anderen Völker aus ihrer Eigenart und historischen Entwicklung zu verstehen." Lazarus war Jude und ein treuer Jude, und das machte ihn, der in Bern Rektor und Dekan zugleich gewesen und wie kaum je ein Professor gefeiert worden war, an einer deutschen Universität als Ordinarius ebenso unmöglich wie die Fortsetzung seiner glänzenden Lehrtätigkeit an der Kriegsakademie. ' Es ist für den christlichen Deutschen ein beschämendes Gefühl zu sehen, mit welchem Erstaunen Frankreich z. B. vor etwa 30 Jahren das antisemitische Treiben bei uns betrachtete und wie weit wir in humanitären Dingen damals zurück waren. Allzu weit haben wir es darin auch heute noch nicht gebracht. Welch objektive Beurteilung und neidlose Anerkennung dagegen bei unseren Nachbarn im Westen! In einer Serie'überaus interessanter Artikel aus der Feder des berühmten Akademikers, überzeugten Katholiken und edlen Menschenfreundes Maxime du Camp: „La Charite ä Paris“ fand ich in der „Revue des Deux Mondes“ bom 1. Juli 1883 die Sätze: „«Tai beaucoup voyage, je me suis mele ä bien des peuples, j’ai regarde vivre bien des nalions, j’ai entendu prier bien des sectes; quelle est la race la plus bienfaisante, la plus secöurable que j’ai rencontree, sur le cheniin de ma vie? — La race juive, dont la foi a resiste a toules les toutes.les persecutions.“ Prof. Dr. Alfred Leicht. haines et ä Meißen. Lsul-Tragödikn. Von Dr. Leopold Hirschberg-Berlin. ^^^aß die Gestalt des ersten Königs in Israel tragisch, ja vielleicht bty tragischste der ganzen Bibel ist, dürfte schwerlich bestritten werden. Zahllose poetische Behandlungen des dankbaren Stoffes sind vorhanden; auch einer der Größten /der Weltliteratur ist ihm nahegetreten: Lord Byron. Unter / den 23 seiner „Hebräischen Gesänge, Gedichte und Balladen" (finb nicht weniger als vier dem König Saul gewidmet: zunächst eine tief empfundene Ode „Mein Geist ist trüb", die Ruhelosigkeit und peinvolle Unrast des von Wahngedanken gepeinigten Mannes schildernd; dann eine gewaltige Ballade - „Saul und Samuel", die die , Villa Ruth in Meran, Lazarus’ letzte Wohnstätte. bekannte Episode der Hexe von Endor zum Vorwurf nimmt; ferner ein ergreifendes Abschiedsged.icht „Saul vor seiner letzten Schlacht", das uns den Helden mit dem Schicksal versöhnt und zugleich voll königlichsten Bewußtseins vorführt; endlich ein schönes Preislied des Volkes auf den Toten und seine Heldentaten. Alle diese Dichtungen speziell die zweite, haben "bereits einen stark dramatischen Anstrich und bilden somit den Uebergang von der einfach epischen biblischen Erzählung zu der Dramatisierung des wirksamen, an dramatischen Momenten überreichen Stoffes. Wenn wir nun im folgenden einzelne Saul-Tragödien näher betrachten wollen, fo mußzunächst bemerkt werden daß wir nicht alle Werke besprechen können. Das wäre aus zwei Gründen nicht denkbar: einmal sind sie nicht erreichbar; dann aber würde diese Skizze ins Unendliche wachsen. Mit wenigen Ausnahmen sind sämtliche hier zu erläuternden Werke so gut wie völlig verschollen. Es gewährt nun ein ungemeines Interesse zu untersuchen, wie die verschiedenen Dichter den Stoff aufgefaßt haben, welche Momente sie zur szenischen Darstellung für geeignet erachteten und von welchem Standpunkt aus sie den Charakter Sauls? betrachteten bezw. entwickelten. . Auch muß beachtet werden, inwieweit sie der biblischen Ueberlieferung treu blieben. Wir wollen, um unnötige Wiederholungen und ein trockenes Schematisieren zu vermeiden, jedes einzelne Werk für sich besprechen und, indem wir chronologisch Vorgehen, einen Zeitraum von etwa 130 Jahren durcheilen. 1. Saul von Newburgh Hamilton. Von Georg Friedrich Händel 1738 in Musik gesetzt. Hier können wir uns, da das Drama ohne die Musik des großen Meisters nicht bestehen kann, kurz fassen. Es darf jedoch nicht fehlen, da es ein Drama ist; die landesübliche Bezeichnung als Oratorium kann leicht zum Mißverständnis führen. Händel hat uns in seinen 14 alttestamentlichen Oratorien eine

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