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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-13 · Heft 19 (13.5.1910) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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221 Standpunkt von Brünettere teilte, der anläßlich des oft gegen Victorien Sardou erhobenen Vorwurfs des Plagiats sagte: „II y a des querelles, soi-disant litteraires, oü-toute la question, de quelques belles phrases qu’on Ihabille, n’est manifestement que d’une vanite blessee, quand encore eile n’est pas, purement et simplement, d’un inleret lese.“ Jedenfalls bin ich heute fest überzeugt, daß man einem Manne von Renans Vornehmheit irgendeine Unlauterkeit nicht unterschieben darf. Im Jahre 1902 erschien ein dritter Vortrag über dasselbe Thema von Alfred Kirchhofs: „Was ist national?" Der Hallenser Geograph kennt Renans „glänzenden Vortrag"; er weist darauf hin, daß dieser „alle bisherigen Versuche, den Begriff Nation zu erklären, mit durchschlagenden Gründen zmückweist und zum Schluß mit der ganz neuen Deutung überrascht: Eine Nation ist eine große Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein, opferwillig für die Gesamtheit vollbrachter Taten und auf das Einverständnis, auch künftig in dieser aufopfernden Gemeinsainkeit weiter zu leben. Die Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiszit." Betrübend ist es doch, daß selbst für einen deutschen Professor von dem Rufe und Verdienste Kirchhoffs die Forschungen von Lazarus und Richard Boeckh reicht existierten. Auch in Frankreich übrigens waren verwandte Gedankengänge vor Renan nicht fremd. Interessant n die serHin sicht ist ein mitB ezug auch auf Renan in der „Revue des Deux Mondes" vom 15. April 1883 erschienener Artikel von Alfred Fouillöe, einem der hervorragendsten Philosophen des heutigen Frankreich, der selbst Lazarus geistesverwandt ist: „1a solidarite humaine et les droits de l’individu". Bereits im Oktober 1880 sandte Sanitätsrat S. Neumann, der hochverdiente Mitbegründer der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Lazarus eine Nummer des „Journal illustre". Dem Freunde war darin die Aehnlichkeit eines Artikels mit dem Vortrage „Was heißt national?" aufgefallen. Eine bemerkenswerte Verwandtschaft mit Lazarus' Ideen finden wir schon 1871 bei Gabriel Monod — Verfafier des von der Academie franqaise preisgekrönten Werkes „Renan, Taine, Michelet" — der 1867—68 in Berlin und Göttingen studiert, Lazarus in jener Zeit kennen gelernt hatte und in seiner „Revue historique" (XL1V, Seite 162 f.) desselben mit warmer Verehrung gedacht hat?) Monod veröffentlichte unmittelbar nach *) Lazarus etait un esprit encyclopödique ... il etait linguiste, theologien, philosophe, hislorien, juriste et vers6 en mSme temps dans les Sciences naturelles, en paiiiculier la m£decine. II etait donc admirablement prdpare ä tenter la syntlie^e hardie de sa Völkerpsychologie . . . Un esprit aussi riebe, aussi varie qüe celui de Lazarus, ni ä un caractöre du plus noble idealisme et de la gräce la plus dem Kriege 1871 seine Erinnerungen aus dem Feldzugean dem er als freiwilliger Krankenwärter teilgenommen, unter dem Titel: „Allemands et Fran<;ais", ein köstliches Buch von erstaunlicher Objektivität, Beiträge zur Völkerpsychologie, wie die „Augsburger Zeitung" sagte. In der Tat enthält es im Anhang Gedanken, wie sie Lazarus vorher ausgesprochen und Renan später in Frankreich verbreitete. Doch zeigt solche Uebereinstimmung nur, daß unter ähnlichen Verhältnissen und Bedingungen die gleichen Gedanken auftauchen; ein direkter Einfluß ist damit nicht bewiesen. Lazarus hatte im Januar 1880 durch einen Neffen seinen Vortrag Renan persönlich überreichen lassen, dem jene Forschungen wohl vertraut waren. Die Judenfrage hatte für den Verfasser des Leben Jesu und der Apostel begreiflicherweise lebhaftes Interesse. Die hohe Schätzung seines eigenen Vortrages zollte er natürlich auch der so eng verwandten Abhandlung „Was heißt national?" Trotzdem zitiert er sie nicht. War er sich derselben nicht mehr bewußt? Oder waren seine Worte der Widerklang einer gleich gestimmten Saite? Lazarus vergleicht einmal zwei Freunde mit zwei klaren und ebenrechten Spiegeln, und zwischen ihnen ist die Welt, die sie erleben und erfassen. So fand er die Welt des Sittlichen, wie er'sie ersaßt hatte, bei Renan widergespiegelt, dessen Humanität ihm eine ästhetische Befriedigung gewährte. War ihm doch Schönheit des sittlichen Charakters die höchste Schönheit. Darum freute er sich der Uebereinstimmung. statt einen häßlichen und unfruchtbaren Prioritätsstreit zu beginnen, als ihm ein befreundeter Senator die beiden Nummern des „Journal des Debats" sandte, welche Renans Vortrag enthielten. Daß Lazarus mit ihm bald daraus wegen Förderung einer deutschen Ausgabe der Histoire des origines du christianisme in Briefwechsel trat und 1884 bei einem Aufenthalte in Paris die Beziehungen zu ihm festigte, läßt auch äußerlich erkennen, wie weit er von kleinlicher Verstimmung entfernt war. Seit den sechziger Jahren war Lazarus anerkannt der geistige Führer der deutschen Juden, wie z. B. seine Präsidentschaft ans den beiden Synoden und deren Verlauf zeigt. Auch das Ausland erkannte diese Stellung an. „La eolonne de notre saint et glorieux edifice“ nennt ihn 1869 mit Beziehung auf die „Allianoe israelite universelle" Adolphe Cr ömieux, an den sich Lazarus 1870 erfolgreich wegen der Befreiung seduisante, fit de lui non un savant enferrad dans son cabinet, mais un homme d’aetion et un homme du monde au meilleur sens du mot. ..; comme professeur ä l’Universite de Berne, ä la Kriegsakademie et ä l’Universite de Berlin, comme Conferencier 6coute et applaudi dans les societes suvantes et litteraires, dans les congres, dans les salons meine, il exerqait un irresislible ascendant ... II inspirait la Sympathie, l’estime et l’admiration aux hommes de tous les partis comme de toutes les religions. Geh. Uegierungsrat Prof. Dr. M. Lazarus.

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