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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-13 · Heft 19 (13.5.1910) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 19 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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3. Die Wählmänner werden nach den Bethäusern von den bezüglichen Mitgliedern derselben gewählt. Die laut § 1 wahlberechtigten Personen, die keiner Synagogengemeinschaft angehören, werden der Wählergruppe der Hauptsynagoge, respektive des Hauptbethauses angegliedert. 4. Der Rabbiner wird für die Zeitdauer von mindestens fünf Jahren gewählt. 5. Die More-haraahs (Rabbinatsassessoren) werden in gleicher Weise wie die Rabbiner, jedoch nicht für eine bestimmte Zeit gewählt. 6. Den derzeitigen Rabbinern,-die für die Rabbinerwahl nicht kandidieren wollen, steht es frei, auch künftighin mit der Zustimmung der Gesellschaft (Gemeinde) in der Eigenschaft eines Alorä-baraab ihr Amt auszuüben, ohne sich einer Wahl unterziehen zu müssen. 7. Die Besoldung der gesellschaftlichen (Krön-) und geistlichen Rabbiner, ihrer Gehilfen und Moi6-haraahs, ebenfo der rituellen Aufsichtsbeamten und der Prediger erfolgt aus den Erträgen der Koscherfleischsteuer bezw. der an deren Stelle zu schaffenden neuen Steuer. Ueber die jüdische Eidesformel wurde beschlossen, um die Streichung der Stellen anzugehen, die eine Verletzung des Ehrgefühls des Eidleistenden enthalten und die in der Eidesformel der Angehörigen der anderen Völker fehlen, so z. B. der Worte: „und nach keinem anderen, von mir gemeinten Sinne, sondern nach dem Sinne und Auffasfen des mich Vereidigenden". Die Konferenz faßte ferner den Beschluß, der Rabbiner habe die Eintragung unbeschnittener Knaben in das standesamtliche Register, wenn in der Beschneidung nicht gerade ärztlich beglaubigte Lebensgefahr vorliegt, zu verweigern. Hingegen stehe dem Rabbiner kein Recht zu, die Eintragung christlicher Namen abzulehnen. Zwei Notizen aus einer der letzten Nummern des „Jewish Chronicle“ werden anch für unsere Leser Interesse haben. Der Rabbiner Herr Leonhard Levy, ist in Pittsburg zum Rabbiner auf Lebenszeit mit einem jährlichen Gehalt von 15 000 Dollars angestellt worden. Die Lebensversicherung, die er für sich auf 50 000 Dollars geschlossen hatte, wurde von seiner Gemeinde auf 100000 Dollars erhöht. — Der Bischof von Birm ingham hielt in einer christlichen Versammlung eine Rede, in der folgende Worte vorkamen: „Selbst im heutigen England bezeugt die Feindseligkeit, mit der die Juden in den einzelnen Teilen Londons behandelt werden, mehr ihre Tugend als ihr Lasier, mehr unsere Schande als unsere Ehre, und wenn Sie an die Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Juden denken, so müssen. Sie erkennen, daß Sie eine ungeheure Schuldenlast gegen die Juden in sich tragen." jCa?arua und Oman. *^Än ihrer letzten Weihnachtsnummer veröffentlichten die Annales politiques et litteraires die Antworten, die sie auf eine internationale Umfrage über die Idee des Vaterlandes von hervorragenden Schriftstellern, Gelehrten, Politikern, Künstlern erhalten hatten. Naturgemäß stammen die Antworten zum weit überwiegenden Teile aus Frankreich. Deutschland z. B. ist nur durch den berühmten Leipziger Historiker Lamprecht vertreten. Wahrhaft erquickend ist das Bild, das man aus diesen Blättern erhält. Nichts von Chauvinismus, dagegen Entwicklung, Vertiefung des vaterländischen Gedankens durch Anerkennung des Guten, das wir bei anderen Nationen finden; bei Männern wie Paul Deschanel, Jean Dupuy u. a. die Hoffnung, daß fortschreitende Einsicht einst den Krieg verschwinden lassen wird. Es weht darin der Hauch der einmal zitierten Verse von Sully Prudhomme: Je sens, dans ma patrie, un coeur qui la d6borde, Et plus je suis Frangais, plus je me sens humain. | Allenthalben fühlt man den Geist eines Vortrages, den Renan vor 28 Jahren an der Sorbonne hielt und dem dieser vielleicht einflußreichste französische Forscher des 19. Jahrhunderts den höchsten Wert beigemessen hat. Es ist dies der Vortrag: Qu’est-ce qu’une nation? In der Vorrede zu seinen viscours et Oonkörenees, denen er einverleibt ist — leider ist er nicht mehr separat zu haben — lenkt er auf ihn vor allem die Aufmerksamkeit des Lesers. In ihm ist, wie er hervorhebt, jedes Wort aufs sorgfältigste abgewogen, er enthält sein humanitäres Glaubensbekenntnis: wenn einst die moderne Zivilisation versinke, möge man sich jener 20 Seiten erinnern. Die Gesinnung, aus der dieser Vortrag hervorgegangen, ist, wie die erwähnte Enquete zeigt, jetzt ein wertvoller Bestandteil der französischen Geisteswelt. Bereits im Dezember 1879 hatte in Berlin Moritz Lazarus anläßlich der antisemitischen Bewegung den Vortrag: „Was heißt national?" gehalten, ein „Manifest hoher Menschenwürde", wie ihn Paul Heyse genannt hat. Renan und Lazarus zeigen in ihren Gedankengängen und in dem Ergebnisse eine auffallende Uebereinstimmung, die in Frankreich nicht unbemerkt blieb. Man schrieb damals Lazarus aus Paris, ob er nicht seine Priorität für die Hauptgedanken in Renans Vortrage geltend machen wolle. Lazarus jedoch in seiner vornehmen Gesinnung war nur erfreut darüber, daß Renan die Gedanken verbreitete, welche den Kern der völkerpsychologischen Forschung enthielten, und die er bereits in dem einleitenden Artikel der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft im Herbst 1858 niedergelegt hatte, auf denen u. a. auch Rümelin, der Kanzler der Universität Tübingen, in seiner Rede über den Begriff des Volkes (1872) fußt. Zusannnenschließung. das Gefühl der Zusammengehörigkeit, davon geht Lazarus' Völkerpsychologie aus, darin ist ihr inniger Zusammenhang mit der Ethik begründet, und so münden denn seine Untersuchungen über den Begriff des Volkes in den Sätzen: „Was ein Volk zu eben diesem, macht, liegt wesentlich nicht sowohl in gewissen objektiven Verhältnissen, wie Abstammung, Sprache usw. an sich als solchen, als vielmehr bloß in der subjektiven Ansicht der Glieder des Volkes, welche sich alle zusammen als ein Volk ansehen. Der Begriff Volk beruht auf der subjektiven Ansicht der Glieder des Volkes selbst von sich selbst, von ihrer Gleichheit und Zusammengehörigkeit. Handelt es sich um Pflanzen und Tiere, so ist es der Naturforscher, der sie nach objektiven Merkmalen in ihre Arten versetzt; Menschen aber fragen wir, zu welchem Volke sie sich zählen. Rasse und Stamm bestimmt auch dem Menschen der Forscher objektiv; das Volk bestimmt sich der Mensch selbst subjektiv, er rechnet sich zu ihm." Diese Freiheit des Geistes, die Begründung der Nationalität auf Solidarität ist auch für Renan bestimmend, wie sehr er — gleichfalls in Uebereinstimmung mit ihm — die Bedeutung der ^Sprache als wichtigstes objektives Element zur Ausbildung der nationalen Einheit anerkennt und später in einem von Poesie und feinem Humor durchzogenen Vortrage (über die französische Sprache) sie als Gradmesser für den Höhepunkt eines Volkes betrachtet. In meinem Buche „Lazarus, der Begründer der Völkerpsychologie" und in den von mir gemeinsain mit Frau Geheimrat Lazarus bearbeiteten „Lebenserinncrungen" des Philosophen habe ich mich gegen Renan gewandt, weil er in feinem Vortrage „Qu’est-ce qu’une nation?“ Lazarus nicht erwähnt. Mit Unrecht, da dies nicht in Lazarus' Sinne ist, der diese Uebereinstimmung jedenfalls mit der Kongenialität des französischen Forschers erklärte und in solchen Dingen den

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