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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · p. Seite 215

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 215 (sequence 11)
Language
German
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fF-it 215 - ' meinem Vorgefühl die Bestimmtheit geben, oder aber es ganz zerstreuen sollte, so hat es mich instinktiv hierher gedrängt. Aber — wie finster Sie es hier haben! Bloß von oben kommt noch ein bischen zerstreutes, unsicheres, schütteres Licht herein; kaum sehe ich Sie ... Helbing — — — Helbing: Helene! Helene:. Nein . . . nein . . . nicht in diesem Ton . .. . bitte, sprechen Sie nicht zu mir . . . sprechen Sie gar nichts! Ziehen Sie sich zurück... in einen Winkel des Zimmers, aber vorerst, bitte, geleiten Sie mich dorthin, von wo aus ich das Bild am besten werde sehen können ... So . . . danke . . . Jetzt, bitte, zünden Sie die Lampe an! (Helbing beleuchtet das Atelier. Das Bild macht eine grandiose Wirkung. Helene, hingerissen, steht wortlos vor dem Bilde, Helbing sitzt im Hintergrund auf einem Tabouret. Helene, die die Bedeutung des Bildes vollauf erfaßt hat, ist sehr ergriffen.) . _ Helene: Es ist mein Gedanke in greifbarer Gestalt! Der traurige Triumph meiner Ideen! Die künstlerische Gestaltung meiner Gefühle! Helbing, Sie.haben mich sehr... sehr...... zu Danke verpflichtet. (Sie breitet die Arme nach ihm aus; er küßt ihr die Hand.' Wie er sich bückt, ihre Hand zu küssen, drückt Helene fast unmerklich einen Kuß auf sein. Haar.) Vorhang. Dritter Kuk?ug. Szene wie im ersten Aufzug. Helene und Frau Dörmann konversieren im Salon. Helene in Schwarz. Es ist ein Tag später als im zweiten Aufzug. Vormittag. Die Fenster sind offen und bieten die Aussicht auf einen freien Platz. Die Sonne umwölkt sich. Erster Auftritt. Helene, Frau Dörmann. . Frau Dörmann: Du bist also ausgekniffen und hast mich hier schön sitzen lassen! Du hast mich hintergangen, Helene! Helene: Verzeih, Tante! Du pflegtest ja selbst immer zu sagen, daß ich nicht ganz zurechnungsfähig bin. In der Tat, ich weiß es selbst nicht — glaub mir"s — warum ich dich nicht erwartet habe. Frau Dörmann: Aber ich weiß es. Und würde ich Dich nicht so genau kennen, gewiß, ich müßte gar noch Schlechtes von Dir denken. Helene: Aber Tante! Frau Dörmann: Still, still, Helene, Du mußt nicht beleidigt fein. Ich weiß es ja wohl, daß ich mich aus dich verlassen kann. Und schließlich auch Helbing kann ja für Dich nicht gefährlich sein. Helene: Und bist Du dessen — so ganz sicher? Frau Dörmann: Gewiß, Du selbst hast es ja gesagt — sowohl mir, wie auch ihm. Helene (verzückt): Ihm .... ja! Aber seit damals . .. seit damals . ....hat sich--manches geändert! Frau Dörmann: Wie?Wieso? Das Bild hat auf Dich so starke Wirkung gemacht? Du, hör "mal, von dem Bild hast Du mir ja noch gar nicht erzählt. Du scheinst ja gerührt. Es gefällt Dir sehr? Helene (verzückt): O — es ist mit Worten nicht zu sagen! Es gefällt mir sehr! Frau Dörmann: Und das hast Dü auch ihm gesagt? Helene: Nichts habe ich ihm gesagt. Frau Dörmann: Nun aber — da hast Du ihn ja wieder beleidigt, wenn auch nicht als Mann, so doch als Künstler. Und schwer dürfte es zu entscheiden sein, in welchem Punkte unser Freund empfindlicher ist. Helene: Ich glaube, sowohl der Mann, wie auch der Künstler — sie beide konnten mit mir zufrieden sein. Ja sogar": wenn jemand einen-Grund hat, in seiner Eitelkeit gekränkt zu sein, dann — bin ich es. Frau Dörmann: Ich verstehe Dich nicht. Helene: Mein Bild hat er nicht vollendet. Entweder konnte er es nicht, oder wollte es nicht vollenden. Hingegen jenes — das andere — das hat er geschaffen mit fieberhafter Hast, gleichsam sich selbst überstürzend, mit einem einzigen kühnen, waghalsigen Entschluß. Dü wirst mich kindisch schelten, aber es macht mich eifersüchtig — er lieht seine Raffe mehr als mich ... Frau Dörmann: Du Helene! Nur keine Sophismen, sonst muß ich Dich wirklich ausschelten. Mo Dir kann man es weder so, noch so, noch sonst irgendwie recht machen? Hör mal an, Du weißt ja selbst nicht, was Du willst. Helene: O, wenn man so deutlich fühlt, wie ich, dann wird man wohl auch wissen, was man will. Ich bin glücklich, Tante! Glücklich bin ich, daß ich dies Sturmbrausen der Leidenschaft in Helbing mitansehen durste. Und sie ist von selbst entstanden, ohne jeden äußeren Anlaß, so wie die Wasser des Sees sich kräuseln, und zu lärmen und zu tosen beginnen, wenn auch kein Lüftchen sich regt — bloß durch die Gewalt ihrer in der Tiefe verborgenen Quellen erregt und gepeitscht. Nur das eine verstehe ich nicht: waxum er es mir nie verraten hat, wie er fühlte. Warum glaubte ich in der Zeit unserer ersten Bekanntschaft, daß er nicht einmal zu uns gehört? Frau Dörmann (lächelnd): Mein liebes Kind, wenn ich Dir auf diese Fragen antworten sollte, würdest Du gewiß lachen. Er wußte ja-auch nicht, daß Du Jüdin bist. Und schließlich: Apelles und Zeuxis waren Heiden; Cimabue, Andrea bei Sarto waren ebensowenig Juden wie Conegliano und Paolo Veronese. Ihr hingegen wäret fortwährend mehr mit jenen Herren, als mit Euch beschäftigt. In der Kunst gibt es, Gott sei Dank, noch keine Juden und demzufolge auch keine Judenverfolgung, selbst hier in unserem barbarischen Rußland nicht. Und wie Du weißt: der Jude gibt nur dann ein Lebenszeichen von sich, wenn man ihn verfolgt. Helene: Dann aber ein um so mächtigeres! Dü hast wirklich recht, meine liebe kleine Mama. Ich hätte nie geglaubt, daß Du so ein feines und kluges Frauchen bist. Frau Dörmann: Sehr liebenswürdig. Helene: Nein ... nein. Nur das Hab ich sagen wollen, daß ich Dich für so weise, für so tiefblickend und für so energisch halte. Ich glaube... ich bin fest überzeugt, daß ich nach so vielen Tagen des Schmerzes und der Bitterkeit wohl keinen anderen wie Dir mein Glück zu verdanken haben werde. Seit gestern, Tante — bin ich glücklich; das heißt: ich hoffe, es wenigstens zu werden. Aber wir wollen uns nicht zu sehr in Vertrauensseligkeit verlieren! Das Glück, worauf ich nach so viel schmerzlicher Entsagung und Selbstverleugnung ein volles Anrecht zu haben glaube — ich möchte es nicht gern wieder aufs Spiel setzen. Genug, wenn ich es vorläufig nur mir selbst und Dir, die Du ja eigentlich mein zweites Selbst bist-» gestehe ... mein heiliges, mein unveräußerliches Geheimnis, das in der tiefsten Tiefe meines Herzens schlummert.... Das süße Geheimnis meiner Liebe... meines Glückes — -- (Sie breitet die Arme aus; Fraw Dörmann umarmt und küßt fie1 mit Innigkeit. Sie bleiben lange umschlungen. Mit einma öffnet sich die linksseitige Türe und hereintritt Moritz, totenbleich und zitternd. Er will sprechen und kann nicht.) (Fortsetzung folgt.) ^8-

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