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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 214 (sequence 10)
Language
German
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leuchtend hervor, und alles stand glitzernd und glänzend, und die Vögel sangen jubelnd noch einmal so laut-; alle Wegraine waren von herabgefallenen Blütenblättern dicht zugedeckt, einsam und still tat ich wieder einen vollen, tiefen Zug aus dem schönen Leben, und ich wollte Dich näher bei bei mir haben und las Deinen Brief nochmals. ... Ganz allein ging ich von da nach der Burgruine Bodenlaube, ich * bin doch am liebsten für mich, es könnte mich fast stolz machen, wenn ich immer wieder sehe, wie nichtig und Unklar in sich die meisten Menschen leben, und nun gar bei meinen Bekannten hier gebe ich ja ungleich mehr'aus, als ich einnehme) und ich darf wohl sagen, ich unterhalte sie besser als sie mich. So allein aber durch die wogenden Kornfelder bei den flatternden Vögeln und den Blütenbäumen, in denen es summt und fliegt, da bin ich einem Wesen gegenüber, das mir Unerschöpfliches zu sagen hat, und ich lasse alles auf mich eindringen und bin so glücklich. Ich gedachte Deiner, und. daß ihr Mädchen doch arm dran seid, dieses Alleinsein nicht zu kennen und nicht auskosten zu dürfen, aber, meine Nina, Du sollst es haben bei mir und mit mir, und wenn wir beisammen sind, ist es nur ein Mensch oder besser ein Mensch, der mit sich selbst reden kann, und wir wissen es ja, wir können auch so schön schweigen und innerlichst gesättigt miteinander gehen. Auf der Burgruine mit der Hellen Fernsicht war es wunderschön. Die Burg ist im Bauernkriege zerstört worden, man kann jetzt Betrachtungen über die Vergangenheit anstellen mitten in einer vulkanisch bebenden Gegenwart! Ich blickte lange ins Weite und sagte mir, halte fest an der ewigen Natur und freue Dich trotz alledem, daß Du diese große, wenn auch schwere Wiedergeburt des Vaterlandes mit erlebst. Es ward mir nach und nach recht wohl. Als ich mich wieder aufmachte, flog in einem Busche neben mir ein Vogel ängstlich auf; ich suchte nach, ich kann Dir nicht sagen, welch eine Freude ich hatte, in einem Busche von wilden Weinbeeren, wie man sie bei uns nennt, fand ich ein Vogelnest mit drei Eiern. Lache mich nicht aus über meine unbändige Freude, aber ich habe seit Meinen Knabenjahren kein Vogelnest gefunden; wie friedlich und zierlich, ja ich möchte sagen wie heilig unberührbar lag es hier in der stachligen Hecke. Du wirst es nicht Sentimentalität schelten, denn Du verstehst mich. Mir tat es wahrhaftig leid, daß die Mutter fortgeflogen und jetzt wahrscheinlich ängstlich um ihr Nest war, ich hätte ihr zu erkennen geben mögen, daß sie von mir nichts zu besorgen hat) Auch hätte ich gern ihre Bekanntschaft gemacht, um zu wissen, welche Familie ich hier gefunden habe, ich glaube es sind Rotkehlchen. Ich kann Dir nicht ausdrücken, wie mich dieser stille, unverhoffte Einblick in ein abgeschiedenes Naturleben entzückte, ich wünschte laut, wenn ich nur Dich bei mir hätte, um Dir^s zu zeigen. Als ich nachher einige Worte in mein Notizbuch schrieb, kamen plötzlich meine beiden Bekannten, der Hagestolz und der Berliner, und ich konnte es nicht lassen, ihnen meinen Fund und meine Freude zu zeigen; sie mochten mich wohl kindisch finden, aber sie waren doch auch teilnehmend. Der Hagestolz erzählte aber sogleich von den Vögeln, die er in Venezuela gesehen und dergleichen. Dir, meine Nina, darf ich es sagen, ich freue mich, daß ich jetzt eine kleine Vogelfamilie habe, die ich oft besuchen und nach ihrem Befinden umschauen werde, ich bin jetzt auch in das Heimwesen derer eingedrungen, die mir so zu Häupten flattern und singen, und vom Ausblick in die weiten und wirren Geschicke des Vaterlandes will ich das Auge in das heimliche Naturleben senken und daraus stille Erquickung saugen. Wenn ich die Mutter kennen lerne, werde ich Dich auch mit ihr bekanntmachen, einstweilen kannst Du . Dir Deinen kindischen Verthold oft an der Hecke auf der Burg bei dem Vogelneste denken. Jetzt laß Dir einen. Kuß geben, Du bist ein lieber Kerl, dem ich alles so gern plaudere, und einstweilen Lebewohl. . ... Nachmittags sah ich unsere „Landesmutter", die Königin von Württemberg, mit vielen Wagen hier einfahren, sie soll auf einer Art Flucht sein; langegenug waren die Vaterlandsfreunde gehetzt und gejagt, jetzt kommt^s auch einmal . an die Fürsten, aber sie reisen bis jetzt noch sehr bequem. Die Pietisterei dev Königin scheint nicht mehr aüszureichen, man wendet sich an irdische Pferde und Postillone. . . Kissingen, den 24. Mai 49 morgens 10 Uhr. - ... Gestern machte ich nur Talgänge, aber vorgestern war ich wieder auf der Burg Bodenlaube, dort wohnte einst ein heißer Minnesänger, von dem ich hübsche Gedichte gelesen. Ich unterhielt mich auch mit beu Hirtenjungen, aber die Pfaffen hier haben allen Volksgesang verscheucht, und die Jungen können nur wohlgesetzte abstrakte Schullieder. Ich fürchtete, die Jungen möchten mein Vogelnest entdecken, es war aber nicht; als ich mich ihm nähte, flog die Mutter wieder auf, es ist ein Rotkehlchen, und nun lagen schon fünf Eier im Neste, eins war noch ganz weiß. Die Familie wird nun groß, aber da stehen die tausenderlei Pflanzen und Beeren am Bergeshang und in der Schlucht, mit denen der Mensch nichts anzufangen weiß, und sie nähren die Vögel, und wie im Schlaraffenland fliegen fette Braten, Mücken und allerlei für sie umher. Nur der Mensch sorgt, und kümmert bei großer Familie. Es kommt mir oft komisch vor, daß ich Dir so viel von dem Neste schreibe,' aber es beschäftigt mich mehr als alle Gesellschaft, und mein Blick ist weniger fürs Große und Allgemeine, ich sehe gern in ein individuelles Sein; darum wird mir die Natur nie eine gewöhnte oder gar leere.? ' Die Königin von Württemberg bleibt mit den Prinzessinnen hier, ich soll nun auch (mein Arzt ist auch der ihrige), um nicht unhöflich zu erscheinen, mich ihr vorstellen lassen. Sie ist eine brave Frau, etwas bigott, aber die Sache ist mir doch fatal, es gibt so leicht eine falsche Position. (Fortsetzung folgt.) Das Testament) Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland in drei Auszügen. Von Emanuel Kalisch. Elfter Auftritt. Helbing, Helene. Helbing (nimmt die Decke von dem großen Bild, ordnet manches im Atelier und sieht sich überall um. Es herrscht Halbdunkel, welches nach und nach immer dichter wird. Die Türe geht auf, und herein tritt Helene, dicht verschleiert.) Helene: Guten Abend, Herr Helbing! Helbing: Allein? Helene: Allein . . . . Denn — ich komme ja nicht zu Ihnen . : . ich komme bloß zu dem Bilde. Mit Ihrem Bild will ich sprechen . . . in seiner Gesellschaft, will ich ein wenig verweilen . . . mit ihm mich unterhalten, und — nicht mit Ihnen. Sie, mein lieber Freund — wie wenn Sie gar nicht hier wären! Ich weiß nicht warum, aber ein so schweres und drückendes Gefühl lastet auf meinem Gemüt, wie irgendeine Ahnung von trüben Tagen, von Unheil, von Kummer und von Schmerz. Wie wenn Ihr Bild dasjenige sein sollte, was

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