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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
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Daß der Entwurf nach dieser Richtung hin vom Staate zu wenig verlangt, wird man nicht behaupten können! Anders steht es aber mit dem zweiten Faktor, mit der Gemeinde, der auch in Zukunft dasselbe Uebergewicht gerade in den wichtigsten Punkten erhalten werden soll. Ihre erste und wichtigste Aufgabe wäre, den Rabbiner unabhängig zu machen, vor allein religiös völlig unabhängig, damit er nicht sanft gezwungen wird, auf die wechselnden Majoritäten in der Gemeindevertretung eine Rücksicht zu nehmen, die ihn an einer freien Aeußerung seiner religiösen Anschauungen hindert. Auf . welche Weise das zu erreichen ist, gehört zu den technischen Fragen, deren nähere Erörterung hier unterbleiben kann. Ob das Heil allein in der Forderung — besonders der orthodoxen *) Rabbiner — liegt, welche eine feste, lebenslängliche Anstellung des Rabbiners ähnlich der der Staatsbeamten verbunden mit einem Vetorecht in allen religiösen Angelegenheiten den Gemeindebehörden gegenüber verlangen, dürste — wenigstens in letzterem Punkte nicht ganz ausgemacht sein, denn auch der Gemeinde muß — gleich ihren Rabbinern — die Bewegungsfreiheit erhalten bleiben. Daß aber die Maßnahmen, die der Entwurf vorsieht, völlig unzulänglich sind und den energischen Widerspruch aller Rabbiner Hervorrufen werden, liegt auf der Hand. Sie legalisieren zunächst das sattsam bekannte Ortsstatut, das in religiösen Angelegenheiten die Mitwirkung des Rabbiners mit der Erstattung eines schriftlichen Gutachtens erschöpft sein läßt. Der Rabbiner soll auch in Zukunft weder beratende noch beschließende Stimme (!) in seinen ureigenen Angelegenheiten haben! Man übertrage dieses Bild aus evangelische oder katholische Verhältnisse, um das Unlogische und Unbillige eines solchen Zustandes einzusehen! Ferner aber bedeutet das Anstellungsverhältnis zwar einen kleinen Fortschritt gegen heute, aber noch immer eine große Unbilligkeit. Vorgesehen ist ein Modus, ähnlich wie bei den besoldeten Kommunalbeamten, indem der Vertrag zwölf Jahre läuft, nach zehn Jahren aber das Anrecht aus ein Wartegeld (oder eventuell Ruhegehalt) erworben wird. In die Praxis umgesetzt heißt das nur, daß der Rabbiner bei einem Konflikt nicht gänzlich, sondern nur halb auf das Pflaster gesetzt wird. Kann er sein religiöses Gewissen nicht nach der Anschauung einer Repräsentantenmehrheit ummodeln, so wird er ans Wartegeld, auf die Hälfte seines Gehaltes gesetzt. Gegen solche „Besserungen" werden die Rabbiner mit aller Entschiedenheit kämpfen. Ob der neue Gesetzentwurf überhaupt je die Grundlage der Versastung der Judenheit wird, ob überhaupt die preußische Regierung einer Aenderung der Gesetzgebung wohlwollend gegenübersteht, ist mehr als fraglich. Der hier behandelte Gegenstand ist im Grunde auch davon unabhängig, und die Mißstände dieses Gebietes verlangen dringend nach Abhilfe, ob nun die übrige Gesetzgebung revidiert wird oder nicht. Es fragt sich nur, wenn eine Staatsbeihilfe nicht gewährt wird, ob die preußische Judenheit die finanzielle Kraft besitzt, um die nicht unerheblich damit verbundenen Kosten zu tragen. Denn wenn man diese Frage bejahen darf, ist an der Opferwilligkeit für einen Zweck, von dem die Judenheit selber ja den allergrößten Nutzen haben wird, sicherlich nicht zu zweifeln. Wer nun die erheblichen Summen kennt, die von seiten der preußischen Juden für Zwecke aufgebracht werden, welche — obschon von ungeheuerster Wichtigkeit für die ganze Judenheit — den Juden Deutschlands erst in zweiter Reihe, wenn überhaupt, zugute h Aber auch viele liberale treten dafür ein! kommen, der wird schwer glauben, daß unsere Glaubensgenossen für alles ein Herz haben werden außer für ihre eigenen geistigen Führer und die Lehrer ihrer Kinder. Freilich danken die Rabbiner für Almosen; sie wollen ihr Recht! Die Aussichten dafür sind, was man nicht verhehlen darf, sehr trübe. Aber steter Tropfen höhlt den Stein, und es kann sicherlich nicht anders und besser werden, wenn die Rabbiner wie bisher aus falschem Idealismus schweigen und leiden! Die Oeffentlichkeit soll und muß es wissen, unter welchen Lebensbedingungen und unendlichen Schwierigkeiten die geistigen Führer Israels ihr dornenvolles Amt führen müssen. Vielleicht wird sie sich dann eines Tages besinnen und dem Rabbinerstande vergelten, was er für die Erhaltung des Judentums geleistet hat und leistet. ZRSZ-W! fsmä Lrsutigsmsbrikke von lgerthoidfiuerbsch. Mitgeteilt von Anton Bettelheim. VII. Sonntag früh 10 Uhr, den 20. Mai. ach Tische erhielt ich noch im Speisesaale des Kurhauses einen Besuch, es kam nämlich ein junger Mann und gab sich als Rabbiner von Kissingen zu erkennen, er hatte gehört, daß ich hier sei und bot mir nun an, ob er mir irgend gefällig sein könne. Das freut mich sehr, es liegt etwas Anmutendes in diesem bienenartigen Zusammenhalten der Juden und daß sie besonders jeden, der es zu einer Art von Ehre gebracht, sich in die Gesamtrechnung eintragen. Ich machte mit dem Rabbiner einen weiten Spaziergang, er ließ sichs bei allen Wendungen nicht nehmen, stets zur linken Seite zu gehen, übrigens fand ich in ihm einen wohlgebildeten, dem Höheren zustrebenden Mann. Jüdische Geistliche zeichnen sich meist vor den christlichen ihrer Kategorie durch größere wissen? schastliche und politische Rührigkeit aus und so auch dieser. Die Bildungsstufe und Berufsweise der Juden ist hier und in der Umgegend noch ganz die alte, verkehrte. — Nachdem ich die Zeitungen gelesen, ging ich noch abends nach einem nahen Bergdorf und ward dort bald mit einer Familie und ihrer ganzen inneren Geschichte vertraut. Ich freue mich, hier wieder mit den Bauern reden zu können und von ihnen verstanden zu werden. Das war in. Schlesien nicht . . . Nach Tische besuchte ich den Rabbiner und seine Frau, sie haben keine Kinder, und die arme Frans fühlt sich sehr verlassen, da sie hier gar keinen Umgang hat, und sie scheint keine jener Naturen, die sich einen Beruf schaffen können, wenn. er ihnen nicht unmittelbar gegeben ist. Auf der Promenade (es war Samstag) drängten sich die Juden und die Jüdinnen in buntester Kleidung auf eine taktlos vordringliche Weise, laut und in großen Reihen. Die christlichen Einwohner hatten sich an ihrem Feiertage weit bescheidener und zurückhaltender benommen, und Du weißt ja, wie das so geht, wir' fühlen eine gewisse Solidarität, und es tut uns doppelt leid. Ich ging noch spät allein auf dem schönen Fahrwege mit den Blütenbäumen. Ich gehe eigentlich am liebsten auf den gewöhnlichen Straßen mit ihren Fahrgeleisen, die nicht bloß zum spazieren angelegt sind, da begegnen einem die Menschen in ihrer Tätigkeit, und die Fruchtbüume stehen zur Seite in ihrer Blütensülle. Nachdem den ganzen Tag der Himmel bedeckt war, brach jetzt die Sonne noch

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