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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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An einen Proselyten. Der Mann mit seinem Hirtenstab Nahm Dir die Decke Mosis ab. Schwapps hängt er Dir die zweite um Und nennt sie Evangelium. Wie würden sich die freundlichen Züge Hebels verdüstern, könnte er sehen und hören, wie gar mancher seiner Berufsgenossen heute nach fast 100 Jahren in rücksichtsloser, menschenunwürdiger Weise die Juden behandelt, die doch in kultureller Arbeit auf allen Gebieten hinter ihren christlichen Mitbrüdern nicht zurückgeblieben sind! Wie würde er als Kirchenfürst und Dichter in Wort und Schrift eintreten für die Rechte der Juden, welch letztere überall zu allen Zeiten bewiesen haben und noch beweisen, daß das „Land ihrer Väter" ihnen heilig, daß sie aber durchdrungen sind von der Erfüllung der Pflichten, die sie dem Lande schulden, in dem sie geboren und erzogen wurden. Die Lage der prruhilchen Labbiner. Von Theologus. V. or zwanzig Jahren wurde ein Kandidat sogleich nach bestandenem Examen ins Amt berufen; ja es kam bedauerlicherweise selbst vor, daß er ohne abgeschlossene Bildung eine Stellung antreten mußte. Heute ist es anders! Heute gibt es an den drei Anstalten mindestens ein Dutzend Rabbiner, welche das Examen — zuweilen schon vor Jahren — bestanden haben und nunmehr keine Anstellung finden können*) und sich durch Privatunterricht oder stundenweise bezahlten Religionsunterricht in Breslau oder Berlin kärglich durchschlagen müssen. Jedes Jahr gehen aus den drei Anstalten etwa ein Dutzend neuer Rabbiner hervor, was gegenüber einer Gesamtzahl von etwa 220 in Deutschland ganz entschieden viel zu hoch ist. Der eigentliche Bedarf an Geistlichen ist recht klein und die Häufigkeit der Ausschreibungen von Stellen in den Zeitungen kann sehr täuschen. Wenn ein Rabbiner ausscheidet oder eine neue Stelle eingerichtet wird, so erfolgen bisweilen vier bis fünf Neubesetzungen von Stellen durch das Ausrücken, ohne daß dabei mehr als eine neue Kraft in die Zahl hineinkäme. Diese eine neue Stelle kann demgemäß vier- bis fünfmal in der , Zeitung aufgetaucht sein! Da während der letzten Jahre fast doppelt soviel Kandidaten ausgebfldet wurden wie Verwendung finden können, ist die Folge ein beginnendes Rabbinerproletariat auf der einen Seite und bei denen, die sich noch nach allen Enttäuschungen einer vergeblichen Stellensuche ihre Spannkraft bewahrt haben, ein Uebergehen zu anderen Berufen. Und diese Zahlen würden noch grausamer sein, wenn nicht so viele Studierende schon während des Studiums aus anderen Gründen als den hier geschilderten die Laufbahn verließen. Es ist als. ein wahres Glück zu bezeichnen, daß von den jungen Leuten, die das theologische Studium beginnen, höchstens 60 bis 70 Prozent, wenn Nicht noch weniger, es bis zu Ende führen, und dann die Absicht haben, ein geistliches Amt anzutreten. So ist denn auch hier das Bild ein äußerst betrübendes. Zu der Verminderung der Stellen tritt die Überproduktion an Anwärtern. Wenn die Tendenz der verflossenen Jahre *) In diesem Punke haben sich die Verhältnisse seit der Abfassung des Artilcls (Januar 1909) scheinbar wesentlich gebessert. Der Kern der Ausführungen wird jedoch durch die vorübergehende Erscheinung nicht berührt. anhält, und es ist kein Grund einzusehen, warum es anders werden sollte, wird man in einem Menschenalter nichts haben, wie ein paar Großstadtrabbiner und ein Meer von schlecht entlohnten akademisch gebildeten Religionslehrern. In der Provinz ist aber an Stelle des Rabbiners der predigende Kantor getreten! Wenn man — was bisher aus einem unangebrachten Idealismus gar nicht oder ohne rechten Nachdruck geschehen ist, die preußischen Rabbiner anläßlich der Beratung des Gesetzentwurfs ihre Stimme erheben, um eine durchgreifende Besserung ihrer materiellen und sozialen Lage zu erlangen, so dürfen sie es in dem sicheren Bewußtsein tun, nicht einer einseitigen Vertretung von Standesinteressen geziehen werden zu können und damit in den Verdacht eines materiellen Egoismus zu kommen. Denn daß es nur im Interesse des Judentums überhaupt wie der Judenheit Preußens im besonderen läge, wenn der Einfluß und das Einwirkungsgebiet des Rabbiners vergrößert würde, ist so selbstverständlich, daß es gär nicht betont zu werden braucht. Gerade der Rabbiner ist auf dem Lande und in der kleinen Stadt der einzige, der dem Abfall zumal unter den akademisch gebildeten Juden wirksam entgegentreten kann. So ist die auch von dem neuen Gesetzentwurf vorgesehene Vermehrung der Rabbinate nicht etwa ein künstliches Mittel, um die Not des Räbbinerstandes zu lindern, sondern der einzige Weg, um das religiöse Leben der verstreut wohnenden Juden wieder zu heben. Jede Besserung der Lage des Rabbinerstandes geschieht in erster Reihe im Interesse des Judentums! Wenn von der Vermehrung der Rabbinate die Rede ist, so soll damit nicht von den Großgemeinden und ihren Verhältniffen die Rede sein, Ihre Probleme in bezug auf die Seelsorge bilden ein Kapitel für sich! Vor allen handelt es sich um die kleinen Gemeinden. Durch Einrichtung der im Gesetzentwurf erwähnten Bezirksgemeinden würden auch sie die Vorteile genießen, die heute nur größeren Verbänden zugute kommen können. Heute liegen oft fünf bis sechs kleine Gemeinden nicht allzuweit aus einander, die zusammen über eine Zahl von tausend und mehr Juden verfügen. Die einzelne kann einen Rabbiner nicht besolden. Aber selbst wenn zu den Kosten der Bezirksrabbinate weder ein Staatszuschuß noch ein solcher der großen Verbände geleistet werden könnte, ließe sich in vielen Fällen selbst unter den heutigen Verhältnissen ein Bezirk bilden, von dem alle etwas hätten. Freilich reduziert sich die ganze Frage auf die rein materielle, wer denn eigentlich die Kosten tragen werde, sobald die Bezirksgemeinden sie nicht aufbringen können. An diese Frage scheint aber der neue Entwurf energisch heranzugehen, indem einer seiner Hauptcharakterzüge der Versuch ist, eine gerechtere Verteilung der Lasten unter den preußischen Juden herbeizuführen! Mit weniger Tatkraft und Entschiedenheit ist aber der Entwurf an die andere Frage herangegangen, an die Hebung der sozialen Stellung der Rabbiner. Nach unseren früheren Ausführungen kann hier nur dann ein Wandel eintreten, wenn beide Faktoren willig Mitarbeiten: Staat und Religionsgemeinde. Weit wichtiger als die finanzielle Beisteuer ist es, daß der Staat aufhört, den Rabbiner zu ignorieren und daß er ihm diejenige Stellung einräumt, die der Geistliche anderer Konfessionen einnimmt. Da dies vornehmlich in einer anderen Schätzung und Bewertung des jüdischen Religionsunterrichts zum Ausdruck käme, würde auch hier die Besserstellung des Rabbiners dem Ansehen des Judentums zugute kommen.

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