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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 211 (sequence 7)
Language
German
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Gymnasium zu Karlsruhe mit vielem. Geschick unterrichtete. So liebte er auch das Volk, das der Träger dieser Sprache war und dem nichts heiliger ist als seine Bibel, deren Geschichten keiner so schön zu erzählen wußte wie Hebel und in die er einen so engherzigen Standpunkt nicht hinein zu interpretieren verstand, wie zahlreiche seiner Kollegen. Trotzdem Hebel die biblischen Geschichten als Prälat geschrieben, mußten sie doch im Jahre 1855 der pietistischen Zeitströmung zum Opfer fallen. Er selbst äußerte sich in seinem im Nachlasse Vorgefundenen „Traumbuchs": „In . der nämlichen Nacht speiste ich mit Christus und den Aposteln; letztere waren lauter Herrnhuter. Ich besorgte nur, Christus möchte mir ansehen, daß ich nicht kauscher im Glauben sei." Seiner freieren Anschauung entsprach es durchaus, daß von . seinem Verkehr auch Juden nicht ausgeschlossen waren. In Karlsruhe fand sich wöchentlich mehreremal im Weinhause „zum Bären" eine illustre Gesellschaft ein, deren Präsident Hebel gewesen. Unter diesen Personen: finden wir die jüdischen, heute noch in Karlsruhe bekannten Namen Haber und Kusel. . Auch ein Herr Model gehörte der Gesellschaft an. lieber diesen finden sich im Nachlasse zwei Scharaden. Die von Hebel lautet: „Ratet, wie ich heiße, ihr lieben christlichen Herrn; Lebkuchen formt man in mir, selber eß ich sie gern." Die von Obermedizinalrat Volz lautet: „In der Kirche seht Ihr mich nimmer, doch öfters am Spieltisch, und doch nennt Ihr mich stets Muster und Vorbild, Ihr Herren." Wie sehr Hebel die Juden liebte, hat er in einem Aussatze „Die Juden", welcher 1812 in derZeitschrist „Jason" erschien und an die theologische Gesellschaft zu Lörrach gerichtet war, gezeigt. Nachdem er in der Einleitung von der Physiognomie der Juden, von dem Brauche, mit bedecktem Haupte zu essen und zu beten, von der Eigentümlichkeit ihrer Redeweise gesprochen und dies alles mit ihrer orientalischen Abstammung begründet, fährt er wörtlich fort: „Ich fordere Achtung für eine anderweitige Heiligkeit dieses Volkes und decke darüber den Mantel der Schonung. Lieber will ich sein Sachwalter sein, jetzt eine schöne und beneidenswerte Seite derselben ausheben. Man sagt, der Jude weicht dem Ackerbau und jedem Berufe, der anhaltend und mühsam beschäftigt, aus und nährt sich, sei es auch kümmerlich, von allerlei Handel, treibt Gaukelei, legt Rattengift oder kultiviert eigens einen Nebenzweig einer nützlichen Kunst im Kleinen, z. B. die Operation der Hühneraugen. Man sagt daher, sie seien Tagediebe und das ist einseitig und ungerecht. Man sollte sagen, sie seien Morgenländer!" Hebel äußerte sich dann über die Tätigkeit und Lebensweise der verschiedenen Völker, wobei er die Bemerkung einfließen läßt: „Was aber den Jesaias betrifft, so behaupte ich nur soviel, daß, wer ihn vom 40. Kapitel an lesen kann und nie die Anwandlung des Wunsches fühlt, ein Jude zu sein, sei es auch nur ein Betteljude, der versteht ihn nicht; solange der Mond noch an einen Israeliten scheint, der diese Kapitel liest, solange stirbt auch der Glaube an den Messias nicht aus." Hierauf fährt er wörtlich fort: „Aus einem solchen Lande kamen die Juden nach Europa- und was wollen wir I. p. Hebel. Zu seinem 150. Geburtstage (10. Mai 1760) dazu sagen, daß sie, der Weihe ihrer Heimat so getreu bleiben und mehr Charakter und Kraft haben als. wir? Wollen wir sie verdammen? Das sei ferne! Sie konnten aus ihrer Heimat vertrieben werden, das war Gottes Gewalt. Aber ihre Heimat und die Würde und Freiheit des Volkes Gottes an einem Sägebock oder hinter einem Schubkarren verleugnen, das können sie nicht? Sie können hungern, sie können verschmachten, Wenns sein, soll, aber ihr edles Blut, einst in den Adern der Väter an einer besseren Sonne gebrannt, in knechtische Arbeit verdampfen; das können Abrahams Kinder nicht und sind und bleiben zu dem Ausspruch: „Sorget nicht für den anderen Morgen" die lebendige Exegese." ' Die Besprechung der anderen Eigentümlichkeiten, so z. B. „warum der Jude cou amore das Fleischerhandwerk betreibt," will ich übergehen und nur die Antwort Hebels geben, warum der Jude von keinem europäischen Laster so frei sei, als von der Trunkenheit. Er sagt: „Man hälts für Sparsamkeit. Aber doch nascht er gerne etwas Gutes, wenn er>s haben kann. . Wahrscheinlich könnte man sagen, der europäische Wein sei ihm zu schlecht. Aber ich will's aus dem Fundament erklären. Es ist national.^ In der großen Musterkarte jüdischer Laster, die uns die Bibel aufbewahrt. nimmt Trunkenheit noch immer das kleinste Feld ein. Sausen ist nur irn Norden endemisch. Branntwein sauft der Nordmensch. Wir pokulieren Wein. Wein mit Wasser trank der Grieche. Palmenwein genießt der Südländer und der Araber läßt sich^s von seinem Propheten ganz verbieten. Hätte der ünserige es uns verboten, so würden , es pokallustige Exegesen Und Lehren so ausdeuten: „Ihr sollt nicht ängstlich trinken." Hebel schließt seine Abhandlung mit den Worten: „Grüßt mir den Thumringer Juden und wenn er noch lebt, den Scheitele in Lörrach und den Mauschel!" So sehr also Hebel die Schicksale der Juden nahegingen, zu dem freien Standpunkte der Juden-Emanzipation vermochte er sich doch nicht emporzuschwingen. Der Vertreter der Universität Heidelberg, Zachariae, sprach sich anläßlich der Wahl der Gemeindebehörden in der ersten Kämmer in heftiger Weise gegen die Juden, als ein anderen Völkern feindseliges Geschlecht, als ein Wandervolk, das deshalb keinen Zutritt zu den Gemeindeämtern haben kann, aus. Für die Juden traten Rotteck und der edle Wessenberg, Vertreter des Erzbischofs von Freiburg, ein. Mit acht gegen fünf Stimmen wurde den Israeliten die Wählbarkeit abgesprochen, entsprechend dem Entwürfe (Protokolle der 1. Kammer, 1822, Band 2, 301 und 409). Längin schreibt: „Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Hebel sich unter den acht befand, wenn er auch die Begründung Zachariaes nicht teilte." Zum Schluffe möchte ich noch auf einen Charakterzug Hebels als Theologe Hinweisen, der leider bei so vielen seiner Kollegen der Gegenwart vermißt wird: ich meine seine Abneigung gegen. Proselytenmacherei. Während schon im „Schatzkästlein" die Erzählung „Die Belehrung" seinen Standpunkt nach dieser Richtung genügend klarlegt, finden wir im Nachlasse folgendes ergötzliche Epigramm: iiiiiliiiiisiil

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