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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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Björnsons Ethik ist. aber nicht bloß eine theoretische, ein allgemeines Gesetz der Menschenliebe predigend, dessen Mißachtung und Nichtausführung über sich ergehen lassend. Björnsons Ethik steht auf festem realen Boden, er perknüpft sie mit den Zeitereigniffen, und sucht diese mit ihr zu durchdringen. Mit Symbolik und Lyrik allein ist es da nicht getan. Entschlossen greift er in die Politik seines Landes mit sicherer Hand ein; er läßt es sich nicht nehmen, am 17. Mai, am Tage des Konstitutionsseftes, alljährlich wieder die Festrede zu halten, er behauptet voll Energie sein Mandat im Storthing und er würde nie sein Vaterland für dauernd verlassen, um bloß der literarischen Produktion zu leben; denn er fühlt sich eins mit seinem Heimatboden, und nur von diesem aus glaubt er die Welt umfassen zu können. Er gelangt , auch, nur von der heimatlichen Scholle ausgehend, dazu, sich in erster Linie als Norweger zu fühlen, dann aber aus einer erweiterten Heimätsliebe heraus sich Skandinavier zu nennen, von da immer fortschreitend sich als Pangermane der großen germanischen Völkerfamilie anzuschließen, um endlich als Kosmopolit dem Gedanken einer allgemeinen Menschenverbrüderung den breitesten Raum in seinem Herzen offenzuhalten. Dementsprechend hält er auch an der Institution des Staates als der Grundlage der Gesittung und der Grundstütze des Nationalismus fest. Die Einordnung des Individuums in bürgerliche Schranken scheint ihm mehr Gewähr für das Verständnis der einzelnen in bezug auf sittliche Schranken zu bieten als die Verneinung jeder von außen kommenden Hemmung des Jchgefühles und die allzu starke Betonung der eigenen Individualität. Darin scheint nun ein stärkerer Gegensatz gegen Ibsen zu liegen, der in der Institution des Staates eine Unterdrückung der Entwicklung des Volkes zur Nation herauszufinden meint, und die nationale Entwicklung eines Volkes höher stellt als die Zusammenfassung desselben durch ein Staatswesen. Als Jllustrationsbeispiel hierfür führt Ibsen das jüdische Volk an' und sagt — nach Münz a. a. O. — wörtlich: „das jüdische Volk, der Adel des Menschengeschlechtes, wäre schon längst vernichtet, wenn es sich mit dem Staate in Palästina hätte Herumschleppen müssen" und also leitet er „auS der.Aufhebung der staatlichen Selbständigkeit, die bis ans Ende aller Tage fortdauernde Existenz des jüdischen Volkes" ab. Aus dieser Motivierung hat Ibsen es auch vorgezogen, das letzte Drittel seines Lebens als Fremder in der Fremde zu leben, um, wie er dachte, sein Nationalgefühl fern von der heimatlichen Beengung ausleben zu können. Von besonderem Interesse sind die Details, welche Münz über Björnsons Stellung zur Friedensfrage.in der vorliegenden Studie beibringt. Dichterisch schön und verklärt schildert Björnson das Nahen des Völkerfriedens, es dem Aufgehen der Nordlandssonne vergleichend: „Die Zukunft der Friedenssache denke ich mir immer im Bilde des Sonnenaufgangs. Für uns Nordländer kann der Sonnenaufgang so viel mehr bedeuten, als für den Südländer — erwartet und begrüßt wie ein Wunder. Die Finsternis war so erdrückend lang, die Stille so unheimlich, die erste Glut über den Felsenspitzen so trügerisch. Es dauert und dauert und wächst — aber keine Sonne! Auch wenn der Himmel schon hoffnungsvollerstrahlt — noch immer keine Sonne! Und es ist kalt — eigentlich kälter als früher, denn die Phantasie ist ungeduldig geworden. Da auf einmal ein Blitz mitten in unsere Beobachtung hinein, die so lang verkündete Majestät, selber! So stark, so bezwingend stark, daß die Augen sie nicht ertragen. Wir wenden den Blick zur Landschaft die schon lange beseelt war. ohne daß wir es merkten — in die Luft, die schon lange erhellt war — ohne daß wir es wahrnahmen. Alles-allesbis ' hinab in die Tiefen und bis hinauf in die Höhen ist besonntklarvollendet — von Wärme erfüllt, von Tönen durchzogen ... ' ' „So meine ich, geschieht uns. Wir merken in unserer Sehnsucht nicht, was sich vollzieht — wie nahe'schön die große Sonne des Weltfriedens ist. Es kommt etwas, das er bringt wie ein Wunder. Aber es ist kein Wunder, wir sehen nur nicht in unserer Ungeduld, wie alles dafür vorbereitet war."; ■; Der slemanmlche Dichter Oeter hebe! und die Juden. Zu seinem 150. Geburtstage (10. Mai 1760). . Bon*S. Rothschild-Worms, b wir wollen oder nicht: unsere zerfahrenen politischen Verhältnisse haben es verschuldet, daß wir bei Beurteilung eines hervorragenden Menschen uns immer auch die Frage vorlegen, welche Stellung dieser, den Juden gegenüber eingenommen hat. Betrifft dies Männer, die in einer Zeit gelebt haben, in welcher der Jude noch nicht an den kulturellen Fortschritten teilnehmen durfte, so finden wir dies noch einigermaßen begreiflich. Heute stehen wir aber einem Rätsel gegenüber, das umso schwerer zu lösen ist, als im öffentlichen Leben sich die Juden in einem Lichte zeigen, das Achtung und nicht Verachtung verdient. Daß wir durch diese ungerechte Beurteilung auch empfindlich geworden sind, ist erklärlich und so wird mancher Dichter und Künstler, von uns manchmal als Judenfeind erklärt, der er durchaus nicht ist: es müssen aber zu einer gerechten Beurteilung auch die damaligen Verhältnisse in Berücksichtigung gezogen werden. Und wahrlich, mancher von damals würde heute als ein Philosemit bezeichnet werden, während man in ihm früher einen Judenfeind erblickt haben mag. Diesem Schicksal ist auch der alemannische Dichter Peter Hebel verfallen. Diese Zeilen, welche dem 150. Geburtstage des Dichters gewidmet sein sollen, mögen uns zeigen, wie unrecht diejenigen haben, welche in ihm durchaus, einen Gegner der Juden erblicken wollen. Ein Mann, der als Theologe vor fast 100 Jahren einen freisinnigen Standpunkt eingenommen und der so vortrefflich die Kinderseele verstanden hat, der konnte nicht so engherzig sein, die Juden aus dem Menschenbunde auszuschließen. Ich habe mich viele Jahre eingehend mit Hebels Leben und Werken beschäftigt und habe auch bis kurz vor seinem Tode mit dem in weitesten Kreisen bekannten Hebelforscher, dem evangelischen Stadtpfarrer L ängin-Karlsruhe, in brieflichem Verkehr gestanden. So benutze ich gern den 150.' Geburtstag Hebels, um mich über die Stellung des Dichters zu den Juden zu äußern. Hebel war ein Kind seiner Zeit, und wenn er in seinem „Hausfreund", wie Längin schreibt, „den Juden gern ein bischen etwas anhängt", so ist das sicher nicht ernst zu nehmen, gerade so wenig, als man Rückert ernstlich darüber grollen darf, wenn er in seinem „Bäumchen, das andere Blätter gewollt", von dem „Juden" sprach. Ja damaliger Zeit stand - der Durchschnittsjude noch auf keiner! hohen Kulturstufe und mußte deshalb als „handelnde Person" für alle,Poesie--und Prosaformen das Modell abgeben. Hebel war viel zu brav und zu gemütvoll, als daß er nicht in jedem Menschen das Ebenbild Gottes erblickt hätte. Dabei war er ein schwärmerischer Verehrer der hebräischen Sprache, die er als Lehrer am

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