Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1910)
- Date
- 1910-05-06
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228926--66466-3278604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vorzug ist' die umfassende 'Verwertung''HeS''^etzißrÄp'hischen und numismatischen Materials/ Eine erweiterte Umarbeitung dieses trefflichen Werkes veröffentlichte Schürer 1886 bis 1890 unter dem Titel „Geschichte des Volkes Israel, im Zeitalter Jesu Christi", däs.1898 bis 1902 in dritter Auflage erschien (drei Bände) und auch gegenwärtig noch, trotz der Unzahl-von größeren und UeiMren Spezialarbeiten, die seitdem auf diesem Gebiete erschienen sind-, als eines der wichtigsten und für jedes eindringendere.Studium :der einschlägigen Fragen unentbehrlichsten Quellenwerke.leinen Platz behauptet.' Von den sonstigen Arbeiten des Dahingeschiedenen ist außer der seinem Fachgenossen Reuß gewidmeten Festschrift „Die Gemeindeverfassung der Juden in Rom während der Kaiserzeit" (1879) noch seiner Schrift über die „Predigt Jesu in ihrem Verhältnis znm Alten Testament" und der ergänzenden Untersuchung über das messianische Selbstbewußtsein Jesu (1904) zu gedenken. Björnstjerne Björnson. (Gest. 27. April 1910.) Von Rahel Edelstein-Wien. Paris ist nach langem Todeskämpfe einer jener Nordlandsmänner gestorben, die von ihren Vorfahren, den kühnen Wikingern und Hegelingen, etwas von deren voranstürmenden Wagemute irr ein nüchternes Zeitalter herübergerettet haben, und wie diese der Schrecken ihrer Feinde waren, so find auch jene in den ersten Kampfesreihen zu finden, wo es gilt, für geistige Güter eure Bresche zu schlagen und dem sittlichen Fortschritte eine Gasse zu bahnen. Björnstjerne Björnson gehört zu den wenigen, welche ihrem Zeitalter den Stempel ihres Geistes aufzudrücken vermochten, mit deren Namen ein bedeutsames Kapitel der Ethik überschrieben sein wird. „Zur Zeit Björnson" wird man sagen, und in Verbindung mit diesem Namen wird seinen Zeitgenossen eine kräftige Regeneration nachzusagen sein, und unter diesem Schlagworte wird von Fortschritten auf ethischem Gebiete berichtet werden müssen, die wir Juden nicht ohne tiefes Interesse, nicht ohne innerlichste Anteilnahme begleiten können. In den heiligen Schreinen unseres Schrifttums bewahren wir alle Schätze einer nur jemals erreichbaren Ethik, nicht um uns allein daran zu erfreuen, sondern als Gemeingut für alle Völker der Erde. Leider haben diese es stets vorgezogen, sich auf Umwegen in den Besitz einzelner Kleinodien unserer Sittengesetze zu setzen, und dann zu tun, als ob sie diese selbst irgendwie durch Erleuchtung gefunden hätten, anstatt dankbar deren Herkunft als von uns stammend anzuerkennen. Allein wir Juden wissen, daß die möglichste Verbreitung und die ausgedehnteste Universalität zum Wesen dieser Sittengesetze gehören, und freuen uns, dieselben wo immer anzutreffen, selbst darüber geduldig hinweggehend, daß man sie zuweilen als neu und für uns beherzigenswert uns selber anzubieten pflegt. Björnstjerne Björnson, gest. am 27. April 1910. y Vergl.: „Björnstjerne Björnson". Von Bernhard Münz- Wien 1909. C. Schneid. ' ' Um so weniger wollen Mr hier abseits stehen, da ein Edler, der stets -selbstlos den Gesetzen der Ethik in seinem Leben sowohl als auch in seinen Werken eine breite Straße geschaufelt und es sich' zür Aufgabe gemacht hat, diese Straße von dem anörängenden Gerölle feindlicher Geistesrichtungen immer wieder zu säubern, den Spaten, den er so treu gehändhabt hat, aus den Händen gelegt und diese zur ewigen Ruhe gefaltet hat. Dr. Bernhard Münz, der verdiente und äußerst rührige Bibliothekar der Wiener Kultusgemeinde-Bibliothek, ein feiner Interpret jedes jüdischen Gefühles hatte den uns bewegenden Empfindungen anläßlich der Erkrankung des norwegischen Dichters in einer sehr interessanten Publikation bereits Ausdruck gegeben. An der Hand einer chronologischen Analyse von Björnsons Werken baut Münz synthetisch den inneren Werdegang des Dichters auf, von den Erstlingen, den aus dem Bauernstände geschöpften Erzählungen, denen noch das Schwerfällige ihres Ursprungs anhaftet, bis zu den edlen Schöpfungen seines reichsten Genius, deren innerer Vollendung es nichts anhaben kann, daß sie vielfach nicht verstanden worden find, vielfach, weil man sie nicht immer verstehen wollte. Ist es doch bei fast allen nordischen Dichtern ein Problem, aus der episch-dramatischen Form den lyrisch-didaktischen Kern.herauszuschälen; allein gerade bei Björnson ist derselbe stets von so übergroßem Werte, daß er die verhüllende Form siegreich durchleuchtet und auch dem Alltagsleser, der nur Zerstreuung sucht, in Augenscheinlichkeit entgegentritt. So legt Münz das Wesen des Dichters aus seinen Dichtungen dar bis zu dem Punkte, da Henrik Ibsen selbst, dessen Strenge gegen seine Volksgenossen nur übertroffen wurde von der Strenge gegen seine Berufsgenossen, und diese wieder nur von derStrenge gegen sich selbst, und der gegen Björnson stets die doppelte Strenge des Volks- und Berufsgenossen walten ließ, dem Dichter aus Gossensaß schrieb: „Hätte ich zu bestimmen, welche Inschrift Dein Denkmal einst erhalten soll, ich würde die Antwort wählen: „Sein Leben war seine beste Dichtung", Und wir gelangen gerne mit Münz zu dem Ergebnisse, daß „Björnsons Dichten ein Kämpfen und sein Kämpfen ein Dichten sei, und daß seine Gedichte im Goetheschen Sinne Gelegenheitsgedichte sind." Eines der mutvollsten und urkräftigsten Gelegenheitsgedichte, die den Jünglingsgeist des Greises voll ausatmen, ist das im Jahre 1903 verfaßte Gedicht „Bei der letzten Kunde aus Finnland", das in die Strophe ausklingt: „Doch ihn (Nikolaus II.). der ein Volk will morden, (Und er bringt es doch nimmer zu Grabe), Ihn gebar ein.Weib aus dem Norden, In Dänemark spielt er als Knabe. Auf, Dänenvolk, näht er wieder. So donnere richtend ihn nieder! Nicht darf, den Boden der Freien . s : Eines Henkers Fuß entweihen!"