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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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es wagt zu fragen: „Was ist^s, was hinter diesem Schleier sich verbirgt?" Ihr werdet immer nur einen'Zipfel heben von dem Verschlleierten Bilde und nie die ganze Wahrheit sehend Wer wollte also wagen zu behaupten: ich und ich allein besitze die ganze [ und alleinseligmachende Wahrheit? Wo 'ist also Vorsicht und Besonnenheit mehr am Platze, als wo es sich um die letzten und höchsten Fragen handelt? Wo ist Nachsicht und Duldsamkeit mehr geboten, als wo es sich um Glaubenssachen und Gewissensangelegenheiten handelt? Und in solchen Angelegenheiten will man uns mit der Frage kommen: Gehörst Du zu uns oder gehörst Du zu unseren Feinden? Da hatte doch der Heerführer des Ewigen vor Jericho eine andere Ansicht.' Auch, er hatte ein Schwert in seiner Hand, weil auch er eine Wahrheit und ein Recht verteidigen wollte, aber auf die Herausforderung sich zu entscheiden für oder wider antwortet er: Nein! denn ich stehe auf heiligem Boden. In heiligen Angelegenheiten darf es nicht Freund und nicht Feind geben, in heiligen. Angelegenheiten darf es nur Glaubende und Andersglaubende geben, in heiligen Angelegenheiten darf es trotz Verschiedenheit der Meinungen.und Standpunkte nur einen Eifer geben und nur eine Begeisterung, den Eifer und die Begeisterung eines Sendboten des Ewigen und eines Vorkämpfers für die Sache der Wahrheit und des. Rechts. . Ich komme nun zur Hauptsache. Wenn wir alle aus dem, heiligen Boden des Gesamtjudentums stehen, dann kann es uns auch nicht zweifelhaft sein, welchen Standpunkt wir einnehmen müssen bei Erörterung der, Fragen, welche jetzt die Gemüter der Israeliten in Bayern erregen und erhitzen. Soll das in den meisten Punkten bereits veraltete Gesetz, das vor nahezu 100 Jahren die. Verhältnisse der Israeliten in Bayern nach außen und nach. innen geregelt hat, entsprechend den neuzeitlichen Verhältnissen durch ein neues Staatsgesetz revidiert und umgestaltet werden oder nicht? Eine Frage, die uns. gleichgültig lassen würde, wenn nicht diese Frage ein Feuerbrand geworden wäre, der hineingeworfen wird in die Gemeinden, und wenn nicht diese Frage ein Scheideweg geworden wäre, an welchem die Gefahr der Spaltung und Trennung der Gemeinden lauert. Gehst Du zur Rechten oder zur Linken? Gehörst Du zu den Alten oder zu den Neuen? Zu den Strenggläubigen oder zu den Freisinnigen? Zu den Revisionisten oder zu den Antirevisionisten? Gehörst Du zu uns oder zu unseren Feinden? so schallt, es jetzt in Bayern herüber mch hinüber. Die Festungsmauern von Jericho zittern und wanken vor den Posaunenstößen und dem Fxldgeschrei der Parteien-.! aber ein Mann schreitet ruhig seines Weges, er hat. ein Schwert in seiner Hand, nicht ein Schwert des Angreifers, sondern ein Schwert des Verteidigers, und er spricht: Nein, ich. gehöre, nicht zu den einen und nicht zu den anderen, sondernein Sendbote des Ewigen will ich sein und auf heiligem Boden will ich stehen, auf dem Boden des Gefamtjudentums und nicht auf der Zinne einer Partei. . .Wenn es je eine Zeit gegeben, in welcher die Hervorhebung des Zusammenhangs aller Israeliten und die Ausschaltung oder wenigstens Hintansetzung der Gegensätze eine sittliche Notwendigkeit gewesenum nicht zu sagen eine Pflicht der Selbsterhaltung,, so ist es gewiß unsere Zeit. Um so willkommener, muß uns in solcher Zeit das Fest sein, das die Alliance Isra&ite Universelle demnächst feiern wird, das Fest ihres .50 jährigen Bestehens. Es ist ja derjenige Verein, in welchem; die Einheit des gesamten Israel auf dem weiten Erdenrund verwirklicht erscheint, der Verein der einander ergreifenden Hände, wie man ihn nennen könnte, der auf die Frage: Gehörst Du zu. uns oder zu unseren Feinden,? alle-, zeit die Antwort bereit hatte: Nein, als Sendbote und Vorkämpfer des Ewigen bin ich gekommen und ich stehe auf heiligem Boden, auf dem Boden der Gesamtinteressen des Judentums. Was die Alliance auf diesem-Boden während eines halben Säkulums geleistet, das bildet den Inhalt'eines wichtigen Kapitels neuzeitlicher Kulturgeschichte, das von dazu berufener Feder geschrieben werden mag. Das bevorstehende' Jubiläumsfest der Alliance aber sollte allen, die es nötig haben, zur Beherzigung das schöne Merkwort in die Ohren rufen, das die Alliance als ihre Devise aus die von ihr vorangetragene Fahne geschrieben hat, das Wort von der Einheit und Verbrüderung von Allisrael! Die Hagada hat uns von fünf Männern erzählt, welche? die ganze Nacht ihre Ansichten austaüschten über die Bedeutung des Passahfestes, bis ihre Schüler mit dem Rufe sie unterbrachen: „Unsere Lehrer, gekommen ist die Zeit, um das Bekenntnis der Einheit zu sprechen!" Wir kennen diese fünf Männer aus der Literatur. Es waren fünf Eigenmenschen, jeder von ihnen hatte in Fragen des Ritus und des Religionsgesetzes seinen eigenen Standpunkt und seine eigenen Ansichten, aber als der Morgenstern ausgegangen war, da waren sie einig in dem Bekenntnis: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" Diese Männer müssen unser Vorbild sein. Sind auch die Standpunkte verschieden, -einig müssen alle Richtungen sein in dem Bekenntnis zum Einig- Einzigen. Dies Bekenntnis muß uns genügen. Dies Bekenntnis wird uns der Morgenstern sein, der uns leuchtet in die Zukunft des Judentums. Dir Woche. Berlin, 3. Mai. n bet Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am 30. April kam es bei Beratung des. Kapitels Medizinalwesen im Kultusetat zu einer Debatte über die itt diesem Blatte bereits behandelte Zurückweisung eines jüdischen Praktikanten im Britzer Krankenhause. Der Abgeordnete Peltasohn führte folgendes aus: - „Im vorigen Jahre hat sich der Praktikant Goldberg bei dem Britzer Krankenhaus gemeldet. Alle Voraussetzungen waren in seiner Person vorhanden, er mußte daher annehmen, eingestellt zu werden., Der Leiter der Anstalt schrieb ihm aber, er vermisse in seinem Bewerbungsschreiben die Angabe seiner Konfession. Da die zurzeit dort beschäftigten Aerzte den dringenden .Wunsch hätten, nicht mit jüdischen Kollegen im Kasino zu verkehren, würde er ihn, falls er Israelit sei,' leider nicht aufnehmen können. (Hört! Hört! links.) Im anderen Falle möge er ihm angeben, wann er antreten wolle. Der Leiter gibt hier also nicht nur einen Wunsch oder Hinweis, sondern eine bestimmte Erklärung, daß, wenn der Antrag-- stellet Israelit sei, er abgelehnt sei. - Der Praktikant ist Jude und damit also-durch die Entscheidung des Arztes abgewiesen. Es wurde , dann beim Landrat des Kreises. Teltow Beschwerde erhoben. Dieser antwortete, dem Leiter des Krankenhauses hätten bei seiner Entscheidung antisemitische Tendenzen serngelegen. Tatsächlich sei von den im Krankenhaus angestellten Hilfsärzten der Wunsch ausgesprochen, keine jüdischen Kollegen zu haben. Der Direktor habe keinen Einfluß ' aus ihren gesellschaftlichen Verkehr. Anderseits könne man ihm nicht zü° muten, bei dem notorischen Mangel an Assistenten etwa alle seine. Aerzte deswegen zu entlassen, um einen jüdischen Praktikanten anstellen zu können. Der Leiter habe den Praktikanten davon verständigen wollendaß die Annahme seines Gesuches ihn in eine sehr unan»; genehme Situation bringen würde. Diese letztere Behauptung ist unrichtig, da der leitende Arzt schon eine Entscheidung dahin in seinem Schreiben trifft, daß der Praktikant, wenn er Jude, sei, tat-, sächlich abgewiesen sei. Ich will nur noch erwähnen, daß auf diesen

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