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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-05-06 · Heft 18 (6.5.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 18 (6.5.1910)
Date
1910-05-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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74. Jahrgang. Nr. 18 Berlin, 6. Mai 1910 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buch« Handel oder die-Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) hezogen vierteljährlich SM. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philipps»». Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Seiger. Verlags - LxpecUtion: Verlin, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen skr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung der Judentum»*, Berlin SW., Jerusalemer Straße §6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Gehörst Du zu uns oder gehörst Du zu unseren Feinden. iJlUJuU.» Von Dr. A. Eckstein. — Die Woche. — Björustjerne Björnson. Von Rahel Edelstein-Wien. — Der alemannische Dichter- Peter Hebel und die Juden. Von S. Rothschild-Worms. — Die Lage der preußischen Rabbiner. Von Theologus. — Feuilleton: Bräutigamsbriefe von Berthold Auerbach. Von Anton Beitelheim. — Das Testament, Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland in drei Auszügen. Von Emanuel Kalisch. — Bücher einlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums*)- Berlin, Breslau, Hamburg, Nürnberg, Frankfurt a. M., Saarbrücken, Kremsier, Jerusalem, New York. — Von Nah und Fern. Gehörst Du?u uns oder sehörtt Du?u unteren Feinden? Eine nachträgliche Passah-Ansprache an die bayerischen Glaubensgenossen von Dr. A. Eckstein. ls Josua, der Eroberer des gelobten Landes, vor Jericho sich befand, der festverriegelten und fest» umfchlossenen Palmenstadt, da sah er eines Tages sich gegenüber stehen einen Mann mit gezücktem Schwerte in seiner Hand. Da ging er zu ihm hin und fragte ihn: „Gehörst Du zu uns oder gehörst Du zu unseren Feinden?" Und der Mann mit dem gezückten Schwerte gab die Antwort: „Nein! Ich bin nur ein Heerführer des Ewigen, jetzt gekommen, um Dir zu sagen: ziehe Deine Schuhe von Deinen Füßen, denn der Ort, aus dem Du stehst, es ist ein heiliger Boden!" Eine merkwürdige Antwort im Munde eines Kriegers und gar eines Heerführers, der ein Schwert in seiner Hand trägt. Worte statt der erwarteten Tat, Sentimentalitäten statt des scharfen Eisens, Neutralitätserklärung statt einer Parteinahme, zu welcher er doch herausgefordert war. Auf eine bestimmte Frage eine unbestimmte Antwort. Was soll das ausweichende Nein in seinem Munde? Ist das Schwäche oder ist das Stärke? Ist das .Zufall oder ist das Absicht? Kaum eine Frage ist verständlicher und darum beliebter in unserer Zeit als die Frage: Gehörst Du zu uns oder gehörst Du zu unseren Feinden? Entweder — Oder! So will man es in politischen Fragen und so will man es auch in religiösen Fragen, welche das Bewußtsein der Zeitgenossen in Anspruch nehmen. Gibt es ja in der Tat kaum einen verständlichern Anblick als den der Entschiedenheit und.Bestimmtheit, wie es anderseits keinen unbefriedigenderen Anblick geben kann als den der schwankenden Wetterfahne, die jeden Tag eine andere Richtung hat. Zwar zwischen den äußersten Standpunkten, die einander gegenüberstehen, könnte es ja in der Mitte auch etwas geben, und dieses Etwas könnte womöglich gar die Wahrheit sein. Mer in Kriegszeiten gibt es keinen neutralen Boden in der Mitte. In Kriegszeiten schallt es herüber und hinüber: Gehörst Du zu uns oder gehörst Du zu unseren Feinden? Bei den meisten Menschen gilt es als ausgemacht, daß es nur zwei verschiedene Standpunkte geben kann, nämlich ihren und den entgegengesetzten Standpunkt, und da von zwei einander widersprechenden Urteilen immer nur das eine wahr sein kann und das andere falsch sein muß, so gilt es bei den meisten Menschen weiter als ausgemacht, daß nur der von ihnen vertretene Standpunkt der allein wahre und der allein maßgebende sein kann. Und doch hat ein jüdischer Weiser des Altertums, der den Eindruck eines klugen und in der Schule des Lebens welterfahren gewordenen Mannes macht, den Satz ausgesprochen: „am besten ist es, das eine erfassen und das andere nicht lassen". Und ähnlich hat ein nichtjüdischer Weiser des Altertums, dessen Ansichten und Urteile wie Offenbarungen göttlichen Geistes einst betrachtet wurden, hat Aristoteles den Satz und die Lehre ausgesprochen, daß auf dem Gebiete der Moral alle Wahrheiten in der mittleren Linie des Verhaltens zu suchen und zu finden seien. Das galt lange Zeit für maßgebend und man dehnte diese Ansicht von der goldenen Mittelstraße auch auf andere Gebiete des Lebens aus, so daß es beinahe zur allgemeinen Ueberzeugung wurde, daß nicht bei den Extremen die Wahrheit zu finden sei, sondern in dem Freisein von der Einseitigkeit und von der Uebertreibung der Extreme. In unserer Zeit dagegen, in welcher auf politischem und religiösem Gebiete die Parteien bewaffnet mit eifenfcfteit Programmen einander gegenüberstehen wie feindliche Heerbanne da wird -jedermann aufgefordert, einen bestimmten Standpunkt einzunehmen, entweder auf der rechten Seite oder auf der linken Seite, und jedermaM, wenn er nicht beschuldigt werden soll des Hinkens auf zwei Stelzen, wird gefragt, was der Mann mit dem Schwerte in der Hand vor der belagerten Palmenstadt gefragt wurde: Gehörst Du zu uns oder gehörst Du zu unseren Feinden? Auch die Wahrheit muß ein Schwert in der Hand führen, um sich dürchzusetzen und anzukämpfen gegen Unwahrheit und all dasjenige, wogegen bekanntlich selbst die Götter vergebens kämpfen. Im Kampfe des Geistes um die Wahrheit ist es jedermanns heilige Pflicht, einen Standpunkt einzunehmen und sogar einen bestimmten Standpunkt. Aber quid est veritas? Man sagt: es kann nur eine Wahrheit geben. Aus dem Gebiete des Transzendentalen ist das gewiß nicht richtig, da kann es nur aus der Ferne geschaute Abbilder der Wahrheit geben, die jedermann nur von seinem Standpunkte und von seinem Gesichtswinkel aus ansehen und erkennen kann. Wer kennt nicht die Sage von dem verwegenen Jüngling, der vor dem verschleierten Bilde der Wahrheit steht und

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