Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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7 4. Jahrgang. Nr. 17 Berlin, 29. April 1910 Der Gemrindevoce. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums. Korrespondenzen und Kschrichten. Deutschland. — Berlin, 26. April. Der Verband für jüdische Wohltätigkeitspslege hielt am 19. d. M. im Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde in der Rosenstraße seine 26. Delegiertenversammlung ab. Der II. Vorsitzende, Herr Sanitätsrat Dr. W. Veilchenfeld, gab zunächst einige statistische Daten über den Verkehr der Auskunftsstelle. Es sind im verflossenen Vereinsjahr 19 559 Anfragen zu verzeichnen gewesen, 18 389 Berichte sind erstattet worden. Seit Bestehen des Verbandes beträgt die Anzahl der Anfragen 187 487 und sind 17 227 Personalakten angelegt worden. Die Zahl der dem Verband jetzt angeschlossenen Vereine beträgt 85, unter den neuerdings beigetretenen befindet sich auch der Verein für jüdische Blinde. Dann regt der Vorsitzende an, dem Hauspflegeverein größere Mittel zur Verfügung zu stellen und verlangt dann einen Zusammenschluß der Frauenvereine, da sich dann eine rationellere und erfolgreichere Arbeit derselben werde erreichen lassen. Besonders empfiehlt der Vorsitzende der Opferwilligkeit bemittelter Kreise die Sammelstelle für plötzlich verlassene Kinder, für die jetzt ein eigenes Haus errichtet werden müsse, da das Gebäude, das sie bisher bewohnten, abgebrochen werde, um einem Neubau Platz zu machen. Die Sammelstelle hat ^m Vorjahre 56 Kinder an 2028 Verpflegungstagen verpflegt. Dem Vereinsbureau sind jetzt, da der jüdische Blindenverein ihm beigetreten ist, acht Vereine angeschlossen. Die Auskunftsstelle des Verbandes ist im Vorjahr neu organisiert, die Arbeit zur Herbeiführung des Zusammenschlusses von Vereinen zwar' gefördert worden, aber leider ist noch kein definitives Resultat hierin erzielt. Dagegen ist das gemeinsame Inkasso fast aller Vereine durch den Arbeitsnachweis herbeigeführt. Hierauf erfolgte die Wahl von Mitgliedern des gefchäftsführenden Ausschusses. Die turnusmäßig ausscheidenden Herren, Direktor Minden, Dr. Hirsch Hildesheimer, Eugen Caspary und Frau Julie Neumann werden bis auf letztere, die eine Wiederwahl unter keinen Umständen annehmen zu können erklärt, einstimmig per Akklamation wkedergewählt und anstelle von Frau Julie Neumann Frau G ertrud Seligsohn neugewählt. Da, wie der Vorsitzende erklärte, Punkt 3 irrtümlich auf die Tagesordnung gesetzt ist, ging man dann gleich zum letzten Punkt, dem Vortrage des Herrn Dr. Albert Levy über, der über die weitere Ausgestaltung der Auskunftsstelle sprach. In der Berliner jüdischen Armenpflege, so etwa führte der Vortragende aus, liegen die Verhältnisse so, daß auf den Einzel gebieten eine große Opserwilligkeit vorhanden ist, es stehen ihr zahlreiche zahlende wie tätige Kräfte zur Verfügung. Wenn der Verband auch einen großen Fortschritt in der Armenpflege bedeute, so sei aber doch manches noch besser zu machen, wenn man die Organisation noch weiter ausbauen würde. In neuerer Zeit sei der geschäftsführende Ausschuß in richtiger Erkenntnis der Mängel zu einer Verbesserung geschritten, indem er, in der Einsicht, daß sie zu wenig tagte, nämlich nur dreimal in der Woche, dafür sorgte, daß sie jetzt an allen Tagen mit Ausnahme nur der Sonnabende tage. Aber nach seiner privaten Anficht sei auch das noch unzulänglich. Die für die Auskunftbegehrenden und Gesuchsteller zur Verfügung gestellten wenigen Stunden des Tages genügten nicht. Die Auskunstsstelle müßte den ganzen Tag oder doch einen größeren Teil des Tages geöffnet sein. Wichtiger noch als das aber ist ein anderes. Bisher fungieren in der Auskunstsstelle nur Personen im Ehrenamt, Frauen wie Männer. Aber es sind nicht tagaus tagein dieselben Persönlichkeiten, sie wechseln ab, teilweise in 14 tägigem Turnus. Dadurch ist jede Kontinuität, die von allergrößter Bedeutung ist, unmöglich. Berufsbeamte seien neben den ehrenamtlich mitwirkenden Kräften unter allen Umständen vonnöten, wenn ein rationelles, erfolgreiches Wirken der Auskunftsstelle erzielt werden soll. Die systematische Regelmäßigkeit, die Kontinuität könnten nur berufsmäßige Beamte verbürgen. Den ehrenamtlichen Kräften fehle es auch oft an der Möglichkeit, immer da zu sein — man denke nur an die Reisezeit — so daß auch aus diesen Gründen die Errichtung eines Bureaus mit bureaumäßigem Betrieb' und beruflichen Beamten und Beamtinnen erforderlich ist. Wenn ein solches Bureau vorhanden wäre, dann würden auch die Funktionen der Auskunftsstelle erweitert werden können. , Jetzt muß sie die Fälle nur für den Augenblick, wenn und wie sie ihr vorliegen, erledigen, im übrigen aber die Auskunftbegehrenden ihrem Schicksal überlassen. Sie ist nicht in der Lage, darauf zu achten oder sich darum zu bekümmern, wie die Fälle weiter verlaufen. Die Geschäftsstelle, wie er sie verlange, müßte gewissermaßen ein dirigierendes, die Durchführung der Hilfsaktion überwachendes Organ sein. Ferner käme für die weitere Ausgestaltung der Auskunftsstelle das Folgende in betracht: Die Zusammenkünfte der Vertreter der einzelnen Frauenvereine hätten in regelmäßigen kürzeren Intervallen zu erfolgen, und Vertreter aller Organisationen müßten dazu zugezogen werden. Der jetzige Modus, die Vertreter der Frauenvereine nur hie und da, manchmal nur alle sechs Monate zur gemeinsamen Beratung einzelner Unterstützungsgesuche zusammenzuberusen, sei nicht genug fruchtbar, eine fortgesetzte regelmäßige Verständigung aller Organisationen allein könne von erwarteter Ersprießlichkeit werden. Es handelt sich jetzt meist nur um äugen - blickliche Hilfe, aber dauernde systematische Hilfsaktionen seien so selten, weil der Zusammenhang zwischen allen jenen fehlt, die da eingreifen. Das wichtigste wäre die Bereitstellung von Mitteln zu einer solchen Neueinrichtung) zum Bureau. Nach den Dankesworten des Vorsitzenden an den Vortragenden ergriff in der sich an den Vortrag anschließenden Debatte Herr Theodor Pinkus das Wort, der im großen und ganzen sich auf den Standpunkt des Referenten stellte und in scharfen Worten die „beängstigende Flut" immer neuer Vereinsgründungen tadelte. Er bemängelte zugleich die Tätigkeit der Auskunftsstelle nach einzelnen Richtungen. Herr Sanitätsrat Veilchenfeld befürwortet gleichfalls die Errichtung eines Bureaus, das aber im Interesse seiner freien und unabhängigen Wirksamkeit nicht etwa aus Kosten der Gemeinde errichtet werden dürfe. Die Verfolgung der einzelnen Fälle für längere Zeit hält er für undurchführbar. Im Uebrigen plädiert er für die Zentralisierung aller Wohltätigkeitsorganisationen, die er als erreichbar bezeichnen möchte. Nach einem kurzen Schlußwort -des Referenten Dr. Levy wurde die Versammlung geschlossen. *** Berlin, 26. April. Am 17. und 18. März fand in Berlin im 2. Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde die 9. Vorstandssitzung des jüdischen Frauenbundes statt. Frl. Sidonie Werner, Hamburg, berichtet, daß zum erstenmal bei der Tagung des Verbandes der deutschen Juden in Breslau durch die Anregung des jüdischen Frauenbundes Frauen stimmberechtigt teilgenommen haben, und der jüdische Frauenbund durch sie auch bei der Ausschußsitzung des Verbandes in Berlin vertreten war. Fräulein Pappenheims Anwesenheit in Wien bei der Sitzung des internationalen Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels war wichtig, damit man wußte, daß die jüdische Frau zur Stelle ist. Auch in Leipzig, bei der Tagung des deutschen National-Komitees, wo Fräulein Pappenheim den jüdischen Frauenbund vertrat, war das außerordentlich wichtig. — Aus dem Bericht der Schristleitung ist zu entnehmen, daß sich dem Bunde bisher 130 Vereine in Deutschland angeschlossen haben, und daß der Bund somit ca. 30 000 Mitglieder umfaßt. Frau Luise Goldschmidt, Frankfurt a. M, hat dem Bund die Mitteilung zugehen lassen, daß sie das Doppelhaus, in dem sich das Heim des Bundes befindet, dem jüdischen Frauenbund jetzt rechtskräftig zum Eigentum übergebe. Die Baronin Rothschild hat dieser hochherzigen Schenkung ein Stück angrenzendes Gartenland hinzugefügt. Auf der in diesem Monat stattgehabten Londoner Konferenz war der jüdische Frauenbund durch die Damen Pappenheinr und Werner vertreten. Fräulein Pappenheim hielt ein Referat: „Was können jüdische