Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Litersrilchr Mittrilungen. Niemirower, I. I. Dr. Eine „Moderne Iabneh- Akademie". Wien 1909. Die Iabneh-Akademie, deren Gründung der Verfasser der kleinen Schrift vorschlägt, soll der kulturelle Mittelpunkt der gesamten modernen Iudenheit aller Sprachen und aller Länder und eine Vereinigung aller in ihm kämpfenden Gegensätze werden. Was unsere „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" in gewissem Sinne auf dem beschränkten Gebiete Deutschlands erstrebt, das soll die Iabneh-Akademie für die ganze Welt. Sie soll eine union universelle werden. Ein Zentrum aller jüdischen Gelehrten der Welt, soll sie hebräische Sprache und Wissenschaft pflegen und so der Stützpunkt des heutigen Judentums werden, wie es nach der Zerstörung des Tempels die Lehrakademie zu Jabneh durch Rabbi Jochanan ben Sakkai wurde. Da die moderne Iabneh-Akademie eine Ueberbrückung aller Gegensätze vorzunehmen hat, darf sie weder eine -religiöse noch politische Tendenz verfolgen. Sie steht „im Dienste des Judentums als Religion und Kultur", hat sich aber nur mit der Wissenschaft desselben abzugeben und niemals die Rechte einer Synode anzumaßen. „Sie soll ihrer Wirksamkeit nicht den Stempel Palästinas und des Hebräischen allein aufdrücken, sondern allgemein bleiben, und zugleich im Dienste der hebräischen Sprache und palästinensischen Kultur stehen. Die Hauptfelder ihrer Tätigkeit sind die Wissenschaft des Judentums, die Literatur der Juden und die jüdische Kunst." In acht Abschnitten setzt uns Dr. Niemirower sein in großen Zügen entworfenes Programm auseinander und die Aufgaben dieser „freien jüdischen Universität" als Gelehrtenakademie. — Viele Strömungen und Gegenströmungen, Parteiungen und Zerklüftungen sind miteinander zu vereinigen, aber ob wir schon in der richtigen Zeit dazu angelangt sind, und ob es auf diese Weife geschehen kann, bleibe dahingestellt. Samuel Jankolowitz. * Palästina-Handbuch von Davis Trietsch, 1910. Orient- Verlag, Berlin-Schmargendorf. 2. Auflage. Die Notwendigkeit einer zweiten Auflage — die erste war 1907 erschienen — zeigt die Nützlichkeit des kleinen Werkes. Man braucht die zionistische Tendenz des Verfassers, wie sie am Schluß und an anderen Stellen hervortritt, nicht zu teilen, und kann doch das Buch für sehr brauchbar erklären. Es ist kein Baedeker, sondern ein Handbuch alles Wissenswerten: Klima, Landwirtschaft, Gesundheitsverhältnisse, Spezialkulturen, Fremdenverkehr, Hospitäler, Schulwesen usw. werden kurz und bündig auseinandergesetzt. Es geht natürlich nicht an, die zahlreichen Notizen hier auszuschreiben, es soll nur auf das gewiß vielen willkommene Handbuch hingewiesen werden. Ausgefallen ist mir unter anderem, daß die russische Post in Jerusalem einen jüdischen Postdirektor hat, daß in Palästina schon ein Klub existiert (Jaffa) und einer in Jerusalem in Vorbereitung ist. Ferner, daß in dem Lande schon mannigfacher Sport gepflegt wird, in einer Kolonie sogar die Veranstaltung olympischer Spiele versucht wurde. * Leben. Novellen von Ada Gannuschkina. Berlin, Leipzig, Modernes Verlagsbureau Kurt Wigand. 1910. Ernste Geschichten, obgleich die meisten von einer Art Lebenshunger und Verlangen nach Genuß erzählen. Sie spielen meist in Rußland, gar manche in Krankenhäusern. Demgemäß haben sie oft Grausiges, zum mindesten Groteskes zu berichten. Eigentlich jüdischen Inhalts ist nur die erste Geschichte „Recht oder Pflicht". Es ist die Erzählung einer jungen schönen Frau, die bei einem räuberischen Ueberfall vergewaltigt worden ist, einen Selbstmordversuch gemacht hat und den Chefarzt des Krankenhauses, in das sie transportiert worden, flehentlich bittet, sie sterben zu lassen. Der geschickte Arzt, von den Schicksalen des jungen Weibes ergriffen, willfahrt ihr zwar nicht völlig, aber kann oder will sie nicht retten. Die Geschichten, recht gut geschrieben, zeugen alle von ernster Gesinnung und geschickter Erfindung. * Beiträge zur Geschichte der Juden, Teil I. Zur Geschichte der Juden im vierten Jahrhundert von Rabbiner Dr. Leopold Lukas, Glogäu. Berlin, Mayer und Müller 1910. Ein sehr bedeutsamer Beitrag zur Geschichte des Judentums in der ersten christlichen Zeit. Es handelt sich dabei um ein Gebiet, das bisher wenig betreten ist. Nickt um eigentlich politische Geschichte, sondern um die innere Entwicklung des Judentums und seine feindseligen Berührungen mit dem Christentum. Die Literatur der Kirchenväter besonders wird hier in weit umfassenderer Weise benutzt, als dies wohl jemals der Fall war. Die Resultate, zu denen der Verfasser gelangt ist, werden von ihm selbst zusammengestellt. Er hat sich bemüht zu erweisen, daß es die Christologie im engeren Sinne, und das asketische Ideal nach seiner glänzenden und seiner dunklen Seite waren, welche das meiste dazu beitrugen, um das Feuer der Leidenschaft in den Massen und deren Führern zu entflammen. Von einem unrechtmäßigen Verhalten der Juden im Sinne moderner Gegner ist nicht die Rede. Dann aber ist eine jüdische Propaganda nachweisbar. Unter diesem Gesichtspunkte sind die Ehegesetze, die Sklavengesetze, die Gesetze über das Patriarchat, auch die Behandlung der Frage nach Erhaltung und Errichtung der Synagogen zu verstehen. Die Synagogen waren der sichtbare Ausdruck der Macht, welche deni gewaltigen Schritt der sich ausbreitenden Kirche entgegengestellt war. Die Synagoge wird aber nicht nur durch ihren Gottesdienst, sondern besonders durch das dort vorgetragene Gesetz propagandistisch für die Iudenheit und sektenbildend im Judentum. Von ganz besonderer Wichtigkeit ist der Nachweis, wie Hieronymus und Augustinus sich über die Behandlung der Neu-Christen, d. h. solcher, die von dem Judentum zum Christentum übergegangen waren und doch das Studium jüdischer Schriften eifrig weiterbetrieben, verständigten und wie sie und andere mit ihnen fürchteten, daß durch die Ausnahme solcher Juden das Christentum Gefahr liefe. Nicht minder merkwürdig ist der Nachweis, daß die Juden mit den verschiedensten christlichen Sekten, z. B. den Arianern in Verbindung standen -und dadurch Beziehungen zu Empörungen hatten. Von außerordentlicher Bedeutung ist das Bündnis mit dem Kaiser Julian. Ich muß mich mit diesen kurzen Hinweisen begnügen. Ich bin kein Spezialist und kann über die Einzelheiten des gelehrten Buches nicht urteilen. Aber bei meiner Lektüre erfreute ich mich an der sicheren Beherrschung des Materials seitens des Verfassers und an dem ruhigen Fortschreiten ernster historischer Beweisführung, das in dem ganzen Werke erkennbar ist. L. G. 4r Im Zoo und anderes. Humoresken aus dem jüdischen Leben von Oskar Klein. Berlin, Carl Dnncker. Diese Sammlung, die Fortsetzung der kürzlich besprochenen, ist wie jene, ein ganz unterhaltendes Buch, freilich für sehr anspruchslose Leser. Auch hier ist immer nur von Partien die Rede, die glücklich zustande kommen, wobei freilich weniger berufsmäßige Vermittler. als Liebe ihre Hand im Spiele haben. Freilich ist dieses ganze Liebesspiel meist recht platt und vulgär. -»Gslöiicherrinlauk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Maimunis Mischnah — Kommentar zum Traktat Arachin. Arabischer Urtext auf Grund von zwei Handschriften zum erstenmale herausgegeben und mit kritischen und erläuternden Anmerkungen versehen von Dr. Israel Schapiro. Jerusalem 1910. Druck von A. M. Luncz. Ein deutscher Professor in der Schweiz. Nach Briefen und Dokumenten im Nachlaß ihres Gatten von Nahida Lazarus. Berlin, F. Dümmler. 3.50 Mark, geb. 4.70 Mark. I. Kracauer: Die Kulp-Kannschen Wirren. Ein Beitrag zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Frankfurt a. M. im 18. Jahrhundert. Sonderabdruck aus dem Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst. 3. Folge, 10. Band. Frankfurt a. M.. 1910. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.