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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-29 · Heft 17 (29.4.1910) · p. Seite 202

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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Mensch von 22 bis 23 Jahren mit krummen Beinen und krummer Nase, trägt ein selbstgefälliges Wesen zur Schau. Alle sind harmlosl Der Schauspieler fasse sie als leichte Karikaturen auf und verzerre ihren Charakter nicht ins Antipathische. Sowie sie eiutretens beginnen sie herumzuschnüffeln; Rvsa lüstet die Decke von dem großen Bilde; Moritz setzd sich auf das Sofa und nimmt ein Notizbuch zur Hand; Frau Silberstetn sucht ihren Armsessel auf, in dem sie zu sitzen pflegte, während Silberstein auf- und abgehl.) Silber st ein: Nu ja, er wird auf. uns warten, der Herr Künstler! Läßt uns sagen, daß das Bild schon beinahe fertig wäre, und daß wir alle kommen sollen,—-- jetzt sind wir da . . . und der. Herr Künstler ist nicht da. Frau Silberstein: Reg' Dich nicht aus, Nathan, er wird schon kommen. Silberstein: Wie heißt, ich soll mich nicht ausregen? Für mein Geld? Das ich ihm schon ausgezahlt Hab', weiß Gott wann? Und warum können wir nicht sehen das Porträt . . . das Bild? Frau Silberstein: Das Porträt ist da . . . nur mach' keinen Lärm. (Unterdessen hat Moritz das Porträt Helenens entdeckt und bringt es bervor.) Moritz: Da seht nur her, wie wundervoll! Papa, Mama! Silb erstein (setzt, sein Augenglas auf): Bring's doch näher, Moritz. (Schlägt die Hände zusammen.). Soll ich so leben, das Fräulein Helene, die Tochter des Samuel Wassiljewitsch. Und wie sie getroffen ist, zum Sprechen ähnlich, meiner. Seel'. Schau nur her. Sali, mein Kind! Jetzt, da ich sehe, daß er die zu malen hat, jetzt begreife ich's erst — aber Du darfst mir nicht böse sein — warum er Dich vernachlässigt. -Frau Silberslein: Nathan, sei nicht so unverschämt! Silberstein: Die Wahrheit ist's und wenn ich an seiner Stelle wär'! Nu ja, ich an seiner Stelle! Rosa -(kommt nach vorn): Sie ist wirklich bezaubernd. So schön auf dem Bild wie in der Natur, was übrigens eine Seltenheit ist bei Bildern. Denn: entweder ist das Bild häßlicher als die Wahrheit, dann sagt man: der Maler ist ein Realist, oder, aber ist es schöner als das Original im Leben, dann sagt man: er ist ein Idealist. Silberstein: Sehr gut... sehr gut, Rosa, mein Kind. Du hast gut gesprochen. Aber woher kennst Du denn das Fräulein Helene? Moritz: Jeder Jude von Moskau kennt das Fräulein Helene und jeder Jndenjüngling von Moskau ist verliebt in das Fräulein Helene. Silber stein: Auch Du? (Lacht) Und würdest Du sie nehmen? Moritz (gestikuliert mit den Händen): Wenn sie mich nehmen wollte? Lächerlich. Warum sollte ich sie nicht nehmen wollen? Aber sie wird mich nicht nehmen wollen. Helene Wassiljewitsch ist eine aristokratische Dame, die nicht einmal herabsieht auf so einen — Gewölbjungen, wie ich bin. Silberstein: Was kann man wissen? Der Mensch kann niemals etwas wissern Schließlich war ja auch ihr Großvater nichts anderes wie so ein Gewölb-Jnhaber. Erst ihr Vater, wurde so mächtig und so einstußreich. Also: Dein Vater ist auch ein Gewölb-Jnhaber, folglich kann auch aus Dir noch ein mächtiger und. einflußreicher Mensch werden. Verstehst Du? Frau Silberstein: Ganz so . sieht er aus, wie einer, der noch einmal mächtig und einflußreich sein wird. Vielleicht wird es gut sein, wenn Ihr schon endlich einmal aufhören würdet, solche Eseleien zusammenzusprechen? Silberstein: Nur nicht so energisch, Sarah, überhaupt — — vor den Kindern. Aber wo, zum Kuckuck, ist Dein Bild? Ich bin nur darauf neugierig, nicht auf das Fräulein Helene. 202 ' Frau Silberstein: Dort ist es zwischen den anderen Bildern. Aber stöbert doch nicht das ganze Atelier auf. HerrHelbing kann jeden Moment zurückkommen. (Moritz stellt Helenens Bild zurück.) Was schnüffelst Du dort, Rosa, herutn? Rosa: Ich bitt' Dich, Mama, sekier' mich doch nicht. Ein Skizzenbuch ist hier, darin blättere ich. (Moritz neigt sich zu ihr und sieht ihr ins Buch.) Moritz: Aha, aha, in das Profil des Herrn Gustav — in das hat sie sich vergafft! * Silberstein (aufbrausend): So? Wirst Du augenblicklich das Buch niederlegen? Und der Mensch soll mir in seinem Leben nicht mehr vor die Augen kommen! Was für ein Elend! Ich, ein ehrlicher, einfacher und anständiger Kaufmann, und mit was anderem habe ich es gar nicht zu tun> wie mit Künstlern und Journalisten. Das Bild meiner Frau kommt mich schon auf schwere Hunderte zu stehen, und meine Tochter verliebt sich in einen Zeitungsschreiber! Ich und ein Zeitungsschreiber! Ja, das ist noch nicht dagewesen! Rosa (errötend, verlegen): Aber ich bitt' Dich, Papa, so schweig doch schon endlich. Warum sprichst Du über Dinge, die Du nicht verstehst? Im Ghetto begreift man ja noch nicht, was die Kunst ist und was die Literatur bedeutet. Silberstein: Im Ghetto? Vom Ghetto willst Du mir gar noch sprechen, Du, mein großmäuliges, gebildetes Fräulein Tochter? Nu ja! Ich bin doch nur Dein Vater, und Du magst mich nur immer verachten. Und alles das warum? Weil ich Dich nicht hinwerfen will, so einem Hungerleider von Journalisten, dem ich nicht einmal hundert Rubel aus sein Wort borgen würde- Moritz: Zu fünfundzwanzig Prozent. Silberstein: Halts Maul, Du Lümmel! Jetzt Hab' ich genug von der Literatur; jetzt Hab' ich genug von der Kunst! Ich werde nur Herrn Helbing hier erwarten und werd' ihm meine Meinung sagen: wenn das Bild nicht binnen einer Woche fertig wird, so wird er verklagt. Was hingegen diesen Journalisten betrifft... Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Helbing. Hel bin g (ist ohne anzuläulen hereingekommen, von den Anwesenden ganz unbemerkt; sowie ihn Silberstein erblickt, wird er — vorher noch wütend — sofort die verkörperte Sanftmut) Helbing: Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, daß ich Sie solange habe warten lassen! Ich hatte einen unaufschiebbaren Weg und habe mich ein wenig verspätet — > Sie verzeihen! Belieben Sie nur, meine Gnädige, auf Ihrem Platze zu verbleiben, Sie sitzen gerade gut. (Er holt das angefangene Bild hervor, placiert es in richtiger Weife auf der Stafselei, so daß es erst jetzt gehörig sichtbar wird, nimmt Pinsel und Palette und rüstet zum Malen.) Silberstein (schlägt die Hände zusammen): Märchenhaft! Dieses Auge und dieser Mund! Rosa: Die Hand! Seht doch nur die Hand!" Moritz: Und erst die Nase! (Räuspert sich.) Helbing (nervös): Pardon. .. daswird so nicht gehen . .. oder vielleicht dennoch -- (Er beginnt aufgeregt zu arbeiten; legt dann die Arbeit weg, mit einem tiefen Seufzer): Sie wollen mich freundlichst entschuldigen — ° ich kann heute nicht arbeiten. ' Frau Silberstein: Um Gotteswillen — es fehlt Ihnen - doch nichts? Helbing: Ich glaube selbst: ich bin nicht wohl. Ein wenig Ruhe — — —

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