Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Lohndienerisches, Unterwürftiges, das das gesunde Selbstgefühl nicht aufkommen läßt, ihr ganzes Gewerbe ist eine Art Lotteriespiel, die Häuser und Möbel der Einsatz, die Energie Hilst nichts. Glück ist alles. Ich kann nun einmal nicht an den Menschen vorübergehen, ohne mich um die Hoheit ihrer Seele zu kümmern und so mußte ich auch über diese Existenzen wieder Nachdenken. Der Rakoczh-Brunnen schmeckt vortrefflich. Unter den Spazierenden hörte ich zwei bebartete Männer von den Spitzkugeln sprechen und wie diese im Straßenkampf so weit tragen. Also auch hier noch sausen die Geschosse in den Gedanken der Menschen fort. Die Musik spielte nach einem Choral lustige Walzer und wunderbarerweise mehrere, die ich ehemals mit meiner Auguste fast in allen Gesellschaften getanzt hatte. Du kannst Dir denken, wie mich das berührte. Sieh' meine Nina, mir ists buchstäblich genommen so zumute, als wäre ich zum zweiten Male auf der Welt, ich habe schon einmal selig gelebt, war dann begraben in Nacht und Dunkel und bin selig wieder erwacht, und jetzt schlingen sich Vergangenheit und Gegenwart oft seltsam ineinander, aber nicht verwirrend, sondern verklärt und einig. Dir, Dir allein kann ich es so ganz sagen und Du verstehst es recht, die heilige Erinnerung an meine Auguste durchzieht oft meine Seele wie Orgelklang, und ich halte dabei in Gedanken stumm Deine Hand, die Hand ihrer lebendigen Schwester und ich fühle mich innig harmonisch mit Vergangenheit und Gegenwart.- (Fortsetzung folgt.) Sas Trltsment. Ein Schauspiel aus dem modernen Rußland, in drei Aufzügen. Von Emanuel Kalisch. Fünfter Auftritt. Helbing, dann Masirewitsch. Helbing (stellt eilends das Porträt Helenens weg, zieht den Vorhang zur Seite und postiert das Bild „die Plünderer" in günstigste Beleuchtung. Sodann setzt er sich tief aufseufzend aufs Sofa, augenscheinlich sehr ermüdet; beinahe erschöpft. Die Türe öffnet sich; herein tritt Dr. Masirewitsch.) Dr. Masirewitsch: Lieber Herr Helbing! Helbing: Ah, Herr Doktor . . . sehr erfreut! Dr. Masirewitsch: Nur für wenige Minuten wollen wir Ihre Zeit in Anspruch nehmen. (Er bleibt mit einiger Ueberraschung vor dem großen Bilde stehen, welche nach und nach in die lauteste Bewunderung übergeht.) Sie sehen mich tief ergriffen, Meister, vor dieser Ihrer Schöpfung. Es ist eine Großtat im wahren Sinne des Wortes — eine Offenbarung! Helbing: Ach keine Rede davon! Es ist einfach eine traurige Reflexion, mittels welcher ich mich von einem schwerdrückenden Gefühle zu befreien gedachte. Aber ich fühle, es ist mir noch immer nicht gelungen. Und das ist eben eine so bittere Sache . .. Der Albdruck, fühle ich, weicht nicht von mir! Dr. Masirewitsch: Ich verstehe nicht. Also Sie — der Künstler — vor dem die Welt selbst in diesem barbarischen Lande offenliegt, von dem kein Pope verlangt, daß er ihm die Hand küffe, und dem kein trunkener Tschimownik den Taufschein abfordert. . . auch Sie —- Helbing (nickt mit dem Kopfe): Auch ich — bin Jude. Es ist noch kein Jahr her, seitdem sie meinen Neffen, ein liebes, talentiertes, zwölfjähriges Bübchen, vor den Augen seiner Mutter niedergeftochen haben. Die Schwester meiner Mutter, die mich erzogen und.geliebt hat, wie ihr eigenes Kind, sie schleppten sie vom Krankenhaus heraus und ermordeten sie in bestialischer Weise. Und mein Vater ... eh, was soll ich noch fortsetzen? Es gibt ja wohl auch Juden von bevorzugter Stellung; Sie gehören darunter und auch ich. Aber unsere Väter, unsere Mütter, unsere Verwandten, unser Volk — sie sind und bleiben ja doch immer nur „Juden": aus ihrem Lande vertrieben, in ihrem Leben bedroht; heute verfolgt und morgen zur Not gerettet ... vielleicht übermorgen schon — stille Märtyrer. Dr. Masirewitsch (sehr bewegt): — Stille Märtyrer. . . Erst jetzt begreife ich, wie recht er hatte, der arme Wassiljewitsch, mit seinem Ausspruch: In jedem Juden schlummert noch das Gefühl der Solidarität. Und es ist gar nicht zu verwundern, daß es unter dem fortwährend sich erneuernden Gesahrlärm stets immer wieder aufs neue erwacht. (Besinnt sich.) Ach ... ich bin ja eigentlich nicht deshalb gekommen, um hier mit Ihnen zusammen an den Gewässern Babylons zu seufzen und zu klagen. Nein, ich hätte eine kleine Bitte an Sie. Helbing: Befehlen Sie, Herr Doktor. Dr. Masirewitsch: Nicht wahr, Sie haben das Bild meines Mündels, Helene Wassiljewitsch in Arbeit-? Helbing: Ich mußte es im Stiche lassen. Dr. Masirewitsch: Ich weiß^ Und möchten Sie es nicht jetzt vollenden? Helbing (freudig): Helene wünscht es? Dr. Masirewitsch (winkt mit der Hand): Noch nicht . . . ja sie darf sogar davon nicht wissen. Sie wird Ihnen nicht sitzen. Vielleicht aus der Erinnerung! Helbing (sehr traurig): Nein. Das mag ich nicht tun. Ich könnte es wohl tun, aber ich — will nicht. Deshalb war es schade, sich herzubemühen. Dr. Masirewitsch: Nun, nun, lieber Meister! Bitte, zeigen Sie mir doch das Bild. (Helbing bringt das Bild.) Prachtvoll! Auf Ehre, unübertrefflich! Wissen Sie — Frau Dörmann hat einen guten Gedanken. Sie wünscht ohnehin schon seit einer Woche, mit Ihnen zu sprechen. Kommen Sie, bitte, mit mir, Helene ist nicht zu Hause; Sie werden sie nicht sehen. Mein Wagen wartet unten. Helb ing (nach einiger Ueberlegung): Gut. Ich gehe. (Läutet.) Sechster Austritt. Vorige. Wassilij. Helbing (zu Wassilij): Du wirst hier ein wenig Ordnung schaffen. Wenn meine Gäste kommen, empfange Du sie und bitte um ein wenig Geduld. In einer halben Stunde bin ich zurück. (Zum Doktor): — Zu Ihren Diensten, Herr Doktor. (Er läßt ihm den Vortritt und folgt ihm.) Wassilij (bedeckt die große Leinwand, stellt Helenens Bild zur Wand, holt dasjenige der Frau Silberstein hervor, und placiert es auf einer Staffelei im Hintergrund, verdeckt. Während er noch mit Ordnen beschäftigt ist, läutet es draußen. Wassilij geht hinaus und läßt die Silbersteins herein. Nathan Silberstein, Typus des reichen Juden. Ausrasiertes Kinn, ein wenig graumelierter Schnurrbart, kahl. Er trägt einen goldenen Zwicker an einer dünnen Goldkette Eine mächtige Goldkette baumelt an seiner Weste, eine Anzahl dicker Siegelringe und ein großer Diamantring an seinen Fingern. Auch seine Bewegungen sind typisch. Frau Silberstein, brünette Frau von, gleichfalls typischem Aussehen, ist sehr dick, spricht viel und rasch in affektierter Weise und ist mit Schmucksachen überladen; sie trägt eine braune, dekolletierte Seidentaille, und in der Hand einen leichten Ueberwurf, den sie beim Eintreten abgenommen hat. Am Hals ein riesiger Brillantschmuck. Rosa ist ein nettes, sehr hübsches Mädchen, zirka 18 bis 20 Jahre alt und kleidet sich in eleganter Weise. Ihre Sprechweise ist gewöhnlich. Moritz, ein schlanker, magerer, junger