Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-29 · Heft 17 (29.4.1910) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
Seite 200 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228925--66450-3278587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

einer tatfrischen Zeit dastehen, er ist ein so guter Kerl, daß es mir sehr wehe um ihn tut. Ich darf K. auch nicht Unrecht tun, und muß bemerken, daß es ihm leid tun muß, nichts erwerben zu können und ganz von Frau Harkort zu leben. Ich, meine Nina, bin, wenn ich mir's recht überlege, voll frischen Mutes und Zuversicht für das Vaterland. Ein Volk, das einmal wahrhaft und wirklich einen Willen gehabt hat, wird solchen stets durchsetzen, er kann aufgehalten aber nicht vernichtet werden. Das lehrt die Geschichte. Drum frisch auf und Kopf oben! Es sticht mir oft durchs Herz, daß ich jetzt nur so Zuschauer sein soll, und doch kann ich nichts anderes und soll ich wohl nicht anders. Ich bin kein Mensch sür's Reisen, meine Nina, wenigstens nicht allein, der Weg hierher war für mich still und allerlei Träumereien zugewendet, und jetzt ist nrir's so heimwehartig zu Mute, weil ich hier so fremd bin, niemand kenne und von niemandem gekannt werde; nein, das doch nicht, der Oberkellner sagte mir, als ich meinen Namen ins Fremdenbuch schrieb: „Ach Sie sind der Dichter der Frau Professorin?" Ich habe Dorf und Stadt gesehen. Am Ende sage ich noch: „Gelobt sei Frau Birch-Pfeiffer". Morgen gehe ich nach Kissingen, vielleicht ist dort schon Brief von Dir.-— Das wäre also Kissingen, den 16. Mai. Nachts 9 Uhr. Frisch und freudig, meine Nina, bin ich hier angekommen und siehst Du, ich bin braver als Du; obgleich kein Brief von Dir auf der Post war, bin ich doch heiter und Hab Dich lustig lieb wie immerdar. Nimm Dir ein Exempel dran und mach^s auch so. Es wird überhaupt jetzt mit unseren Briefen nicht mehr so schnurgerade oder vielmehr schnurschnell gehen wie auf der Eisenbahn von Breslau—Wien. Darum wollen und werden wir doch wissen, nun was denn? Ja, daß wir eben zwei prächtige Menschen, wenn ich einen von uns beiden zu wählen hätte/ ich wüßte nicht, wer mir besser gefiele. Galant sind Sie nicht, sagt die Mutter, und das ist auch wahr. Ich Hab Dich so lieb wie mich selbst, mehr kann ich nicht, und ich glaube, man kann auch mehr von keinem Menschen verlangen. Ich weihe mein Zimmer ein und mache es heimatlich, indem ich Dich herzaubere, aber auch meine Zauberei hat nicht mehr als Gedanken, und Dü selbst bist mir doch noch lieber als alle geraden und krummen Gedanken. Schon auf dem Wege Hab ich oft dran gedacht, wie schön es sein wird, wenn ich auf der Donau zu Dir hinabschwimme, in meiner Heimat entspringt der Strom und zieht hin zu Deiner Vaterstadt und bringt mich mit. Grüß die Donau von mir und sag ihr, sie soll sich helle Tage bestellen, bis ich mit ihr zu Dir komme. Ach liebe Nina, wie Vieles, wie Vieles denke ich so aus lärmender Fahrt und in alles hinein springst Du wieder, und wenn mich auch manchmal ein Trauergedanke durchzuckt, da spreche ich leise Deinen Namen und das ist das Werde, das mir die neue Welt schafft. Heute wars eine fröhliche Fahrt, es waren frische rotbäckige Postillone, mit denen ich mich in der herrlichen Gegend vom Cabriolet aus unterhielt, von Einem werde ich Dir noch erzählen, ich Hab ihn für eine Erzählung gekapert. Ach, meine Nina, ich war wieder so froh wie in den Tagen, da ich nicht wußte, was Gram ist. Gewiß ist's viel daran schuld, daß ich wieder im südlichen Deutschland bin, ich verstehe die Menschen so gut, nnd mir ist es so, als käme ich aus einem Lande, wo man nicht deutsch spricht, nach der Heimat, und die Berge und Wälder sehen mich an, als redeten sie auch süddeutsch. Die Wurzel meines Lebens ist doch im Süden des Vaterlandes. Auch ist hier wie politisch, so auch in der Natur alles weiter vorgerückt, der Roggen, der in Schlesien kaum einen Schuh hoch ist, blüht hier schon, schon stehen grüne Kirschen an den Bäumen und die Aepselbäume sind nur eine Blüte. Heute Abend, als ich so dahinfuhr, es hatte ein wenig geregnet, die Bäume am'Wege, groß und weitästig, schlangen sich ineinander wie eine Blumenkette, und da war mir^s, als faßte ich das Leben frisch und leibhaftig wieder, und ich freute mich so ' ganz meines Daseins und habe laut aufgejauchzt, ich bin wieder auf der schönen Erde und Du, Du bist da. Du hast mir sie wiedergegeben. Ich fühlte mich wie zugedeckt vom Blütenleben und das ist auf mich gebreitet durch Dich. Morgen früh schreibe ich Dir wieder und schicke dann den Brief ab. Den 17. Mai Morgens Vall- So, jetzt befinde ich (mich), seit acht Tagen fast, nun wieder in Schlafrock und Pantoffeln. Du kannst kaum ermessen, was das für einen deutschen Stubengelehrten zu sagen hat. Schade, daß Du heut an dem schönen Maimorgen nicht mit mir warst. Du hättest Dich mit mir an Wiese und Berg und am Gesänge der Vögel erfreut und wärest vielleicht auch mit eingeregnet worden. Es ist so taufrisch allüberall und jetzt ringsum solch ein tiefes Schweigen der Natur, und ich selbst habe heute auch fast noch gar nicht gesprochen, außer die wenigen Worte mit dem Kellner. Wie tut mir diese Ruhe so wohl, und ich will sie ganz auskosten. Es ist doch ein eigenes Gefühl, so ganz sich zu leben, da ist niemand leibhaftig, der mich ansprechen oder sonst Ansprüche an mich machen kann, die Leute kochen und backen und haben Häuser und Betten und Stühle bereit und geben mirs für einiges geprägtes Metall, und ich gehe hin und komme wieder wie der Vogel in der Luft sich schwingt, und manchmal richte ich mich auf und halte mich gerade, weil meine Nina es mit Recht so verlangt, und dann rede ich mit ihr und das ist viel besser und viel mehr als das Schreiben. Ich habe heute so darüber nachgedacht, daß ich die Welt immer neu sehe und zu enträtseln suche, und da ist mir eingefallen,. daß mich doch eigentlich wenig Menschen verstehen und mich und mein Naturell mit einem fertigen Worte einzufangen glauben, weil ich den Mut und die Kraft eigener unmittelbarer Empfindung und die Unbefangenheit des Aussprechens noch in solchem Alter habe, glauben sie mit dem Worte naiv und dergleichen den Kerl abgefertigt zu haben und doch, ist das reflektierende Grübeln nicht minder stark in mir. Du, meine Nina, wirst die philosophische und unmittelbare Seite gleichmäßiger fassen, und da ist mir eingefallen, daß sich solches ja schon daraus ergibt, daß ich den unmittelbaren Eindruck schreiben kann, auf dieser Stufe des Festhaltens und Entgegenstellens tritt schon ein ganz anderes ein. Man muß daraus verzichten, meine Nina, von vielen Menschen richtig genommen zu werden, seien wir froh, daß wir bald einander haben und eines vom anderen auch keine Blüte des Moments verloren gehen läßt, sie hat ihrem Entwicklungstriebe genügt, wenn nur-das andere Auge sie gesehen, mag sie dann verfliegen. Ich möchte immerfort mit Dir reden, allerlei, kreuz und quer, und ich suche weiter keine Befriedigung oder Mitteilungslust. Ich will Dir nun auch erzählen, wie mirs heute erging. Ich machte mich um halb sieben nach dem Brunnen auf. Die Häuser haben fast noch überall die Augen geschlossen und harren der kommenden Gäste, deren noch wenige hier sind. Schon gestern bei der Einfahrt fiel mirs leidig auf, wie gierig die Leute den beiden Eilwageü nachschauten. Ich habe einen ganzen Sommer in Baden-Baden gewohnt und kenne das Erniedrigte der Einwohnerschaft einer solchen Stadt, die zu vermieten ist, die Menschen haben fast alle etwas

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.