Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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hatte ihn zuerst für den Erzbischof gehalten, bis mir ein mit hebräischen Buchstaben gesticktes Band über seinem Gürtel anzeigte, daß ich den Rabbiner von Korfu vor mir hatte, Auf dem Haupt trug er ein Barett mit breiter Goldstickerei, Der Erzbischof wurde von den Herren in Uniform und Zivil begrüßt, die Griechen — darunter auch ein früherer Ministerpräsident — küßten ihm die- Hand, die Nichtorthodoxen verneigten sich tief. Dann kam auch er zu verschiedenen Herren und sprach mit dem Rabbiner besonders freundlich, und ich möchte säst sagen kordial. Als das Königsboot mit dem Königspaar, drei Prinzen und einer Prinzessin landete, war des „Zito"-Rusens kein Ende. Zito, das unsere Gymnasiasten „Zeto" lesen würden, hat mit dem lateinischen cito nichts zu tun, sondern heißt: „Er lebe." Die hohen Herrschaften, die in Athen gerade keine politisch angenehme Zeit verbracht haben, unterhielten sich freundlich mit den sie Empfangenden. Dann ging der ganze Jug ins Palais, von dessen Balkon der König seine Ansprache an das Volk hielt, das ihn mit jubelnden „Zitos" oft unterbrach. Ich sah, daß der Rabbiner von zwei schwarzgekleideten Herren begleitet war, die man auch in Deutschland für Parnossim angesehen hätte. Die ehrenvolle Art, mit der der Rabbiner allerseits behandelt wurde, war mir um so wohltuender, als erst vor kurzer Zeit — im Jahre 1891 — in Korfu eine Judenverfolgung stattgefunden hatte, bei der die Exkaiserin Eugenie sich um Herstellung des Friedens verdient gemacht hatte. Heute — am Sabbat — waren wir in der Synagoge oder vielmehr in drei Synagogen; denn wir fanden das große Gotteshaus erst, nachdem wir zwei kleinere besucht hatten. Der Rabbiner — wenn ich seinen Namen richtig verstanden habe, heißt Gustavo Moscato — ist ein Italiener. Auch der Kultus soll nach italienischem Muster eingerichtet sein. Es wurde mir etwas schwer, den Gebeten zu folgen, Es ging etwas sehr rasch. Die Frauengalerie ist dicht vergittert. Der Männer-Betraum besteht aus einem Langhaus, an dessen einer Schmalseite die heilige Lade, ihr gegenüber der Almemor errichtet ist. Die Bänke stehen parallel mit den Langseiten, und zwar so, daß sich immer zwei gegenüberstehen. Jeder Beter hat also unmittelbar vor sich einen anderen Betenden, den er ansieht. Unter den Besuchern sah ich auch, einen griechischen Soldaten. Der Thorah-Mantel unterscheidet sich sehr von dem bei uns üblichen. Er bildete ein festes Futteral und wurde der Länge nach aufgeklappt. Wie uns erzählt wurde, hat der König vor einigen Jahren die Synagoge besucht. Georg Minden. lörsullgsmsbrieke von LrrthoIWuerbsch.'> Mitgeteilt von Anton Bettelheim. VI. Dresden, den 13. Mai 49 3 nachts 9 Uhr. ch wollte Dresden vorbeifahren und rasch nach Leipzig und weiter, aber wir hatten beit Zug versäumt, und so mußte ich doch hier einkehren und den Anblick haben, die ganze Stadt wie einen großen Verwundeten zu sehen. Ich bin von Wien her das aufgerissene Pflaster und die glas glitzernden Straßen gewöhnt, aber immer mehr sehe ich, daß der Boden der neuen Welt nicht so rasch festgerammt ist wie die ausgerissenen *) Siehe „Allgemeine Zeitung des Judentums" Nummer 15. Steine. Es wurde auch hixr furchtbar gekämpft. Ich sehe im Gemüte des deutschen Volkes eine schwere Krisis, es wird'an zürückgetretenem RevulUtionsfieber leiden, und das ist ärger als die nach einer oder anderer Seite hin vollendete Krisis. Wir gehen einem unerhörten Soldatenhochmute entgegen, und so viele frische rotwangige Naturen werden gedrückt und geknickt sein. Wer heute nur der Allgemeinheit lebte, müßte entweder in Verzweiflung rasen oder resignieren; und da segne ich oft und oft doppelt mein Geschick, das mich dem ewigen Schönmenschlichen zugewendet durch Dich. Die Heiligkeit der Familie und des Herzenstempels läßt sich zu allen Zeiten ausbauen. Immer, meine Nina, kehre ich von allen weiten Gedankenfahrten wieder zu Dir zurück und da finde ich die stille Heimatsinsel mitten in den Wogen. Ich verlange nicht, daß alle Menschen wissen, was Du mir bist, sie können es nicht begreifen, ich bin glücklich, daß ich es weiß. Ich war ein wenig auf der Terrasse, ich traf unter den kokettierenden preußischen und hiesigen Offizieren nur einen Bekanntenden Hofrat Schulz, . da hörte ich, wie viele Lebenswege durchgeschnitten sind durch die hiesigen Kämpfe, der Komponist Richard Wagner und der Architekt Semper sind entflohen, viele andere verhaftet Auch das friedsame Dresden ist vielfach äußerlich und innerlich zerstört. Wir wollen sehen, daß wir uns doch ein schönes Leben auserbauen. Gute Nacht, meine liebe, liebe Nina. Bamberg, den 15. Mai, nachts VslÖ Uhr. Meine liebe, herzgute Nina! Ich habe Dir gestern von Leipzig nichts schreiben können und auch heute bin ich müde von der Reise. Du weißt ja aber, und alle Dörfer-und Berge und Wege wissen's, daß ich sie für Dich gesehen und die Gedanken hinausgesendet habe auf die Höhen und ins Weite zu Dir. Ich ärgere mich, daß ich so Vieles vergesse, weißt Du, solche Flüchtigkeiten, bloße Gedankenakkorde ohne bestimmte Melodienentwicktung. Ja, da fällt mir ein, ich habe Dir zu sagen vergessen, daß ich aus Träumerei in. Liegnitz fast den Abgang des Zuges versäumte und mit knapper Not noch mitkam, ich ward meiner Angst erst bewußt, als ich im Wagen saß, und lange noch hatte ich so ein eigenes Dankgesühl für jeden Schritt, den wir weiter kamen, als wäre mir das geschenkt und für mich aufs neue der Dampswagen erfunden. Von Dresden nach Leipzig reiste ich mit Meßbuchhändlern, die sehr freundlich und mitteilsam waren. In L. besuchte ich gestern zuerst Kühnes *) und die Frau Harkort. Die hatte eine wahrhaft mütterliche Freude mit mir, und auch die Frau Kühne kam mir mit einer wahren Herzlichkeit entgegen, die ich gegen mich nie vermutet hatte. Wir standen nämlich früher^ nicht sonderlich gut, weil sie gern das Verbindliche, Aufmerksame hat und das ist wie männiglich .und weibiglich bekannt hat, meine Sache nicht. An dieser Frau, die eigentlich eine Natur ist, hat K. früher zu viel gekünstelt, sie sollte.mit aller Gewalt rahelisieren,= und sie tat's auch, aber eben , das war mir zuwider; jetzt hat sie sich, nach allem was ich merkte, selbständiger und eigener gemacht. Schon als ich die Treppe hinausging, schrie der kleine Max Kühne, mein alter Liebling: „Da kommt der Onkel Vattersmann!"^) (so heiße ich nämlich bei ihm). Das tat mir sehr Wohl, denn der Junge ist mir ans Herz gewachsen. Kühne, der endlich kam, ist in einer, traurigen Verstimmung, er hat vom Mute nichts als den nägelbeißerischen Unmut, und er ist ein trauriges Beispiel, dessen, wie ratlos die unproduktiven Literaten als solche in y Gustav Kühne, der Herausgeber der „Europa". (S. rn. Biogr. S. 182, 184, 295.) Vermählt mit'einer Harkort. 2) Gevattersmann.