Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 198 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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großen Organisationen Hervorragendes leistet öder — leisten könnte, wenn nicht die Oberflächlichkeit seiner Glaubensgenossen bei der Wahl des Rabbiners ihm den Weg zur richtigen Stelle versperrte. , Hat nun der Rabbiner das Unglück, ein weniger begabter Redner zu sein, ja, fehlt ihm auch nur der glänzende Vortrag, so mag er inhaltlich die gehaltvollsten Predigten bieten, so mag er der hervorragendste Pädagoge sein, mag alle Eigenschaften des tüchtigen Rabbiners besitzen, es nützt ihm nichts, wenn nicht gerade ein glücklicher Zufall ihm zu Hilfe kommt oder er über sehr mächtige Konnexionen verfügt. Und so sind hunderte von preußischen Rabbinern, die nach ihren Fähigkeiten ein größeres Betätigungsfeld verdient hätten, in den kleinsten Nestern verdorben und gestorben. Da demgemäß der Rabbiner die stete Aussicht vor Augen hat, in unzulänglichen finanziellen und sozialen Verhältnissen bei einer kleinen Aufgabe sein ganzes Leben zu verbringen, sucht er natürlich jede sich bietende Gelegenheit, um seine Lage zu verbessern. Dieser starke Wechsel in den Stellen wirkt aber wieder ungünstig auf das Ansehen des Standes zurück, indem es den Anschein erweckt als ob sich tatsächlich der Rabbiner, wie selbst Maybaum es in seiner Homiletik (p. 181) ausdrückt, „zu der Würdelosigkeit einer Jagd nach Stellen" erniedrige. Der Idealismus des deutschen Rabbiners ist, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen — so feststehend,, daß er sich dem Verdacht des materiellen Gewinns wahrlich nicht aussetzt! Das Bestreben, eine „bessere" Stellung zu erlangen, ist eben nichts wie der Ausdruck des erbitterten Kampfes um das tägliche Brot! V.. Die Zukunft des Rabbinerstandes. Die Frage nach der Zukunft und den" Aussichten des Standes geht nach dreierlei Richtungen. Zunächst muß untersucht werden, ob die Anzahl der Rabbiner, die beschäftigt werden kann, sich vermehrt oder verringert; sodann richtet sich der ernste Augenmerk auf den jungen Nachwuchs und schließlich ist zu erwägen, was geschehen kann und muß, um die materielle Lage eines Teiles des Standes, nämlich der Geistlichen der kleinen und mittleren Gemeinden, zu heben, sowie um das soziale Ansehen aller auf ein höheres Niveau zu bringen. Die Zahl der preußischen Rabbiner zeigt — dem Bestreben der Judenheit, das Land und die kleine Gemeinde zu verlassen, gemäß — die Tendenz, sich ständig zu verringern. Der Zusammenschluß so bedeutender Massen von Juden nach den großen Städten bringt es mit sich, daß die kleinen Rabbinate allmählich ganz eingehen, während die Vermehrung der Stellen in den großen Städten, natürlich nicht annähernd in einem Maße erfolgt, um Ersatz bieten zu können. Oben ist gezeigt worden, daß Gemeinden von dreihundert Seelen oft schon Rabbiner haben. Als Höchstgrenze für das Wirkungsgebiet eines Rabbiners wird eine Zahl von 2500 Gemeindemitgliedern anzusehen sein; eine Ueberschreitung dieser Zahl veranlaßt meist die Anstellung einer Hilfskraft. In den ganz großen Gemeinden sind die Zahlenverhältnisse aber anders, und es kommt in Berlin z. B. erst aus etwa 12 000 bis 15 000 Seelen ein amtierender Gemeinderabbiner. . Zehntausend Juden, die nach Berlin Ziehen, mögen unter ungünstigen Umständen die Ursache sein, daß zwanzig kleine Rabbinate eingehen, bestenfalls wird aber als Ersatz ein neues dafür gegründet. Und diese Entwicklung geht ständig weiter! Es gibt in den fünf östlichen Provinzen eine große Anzahl von Stellen, an deren Wiederbesetzung man mach dem Ausscheiden der jetzigen Inhaber überhaupt nicht denken kann-. Im Verlaufe eines Menschenalters sind auf diese Weise im Bereich der preußischen Monarchie weit, weit mehr Rabbinate „ausgestorben" als man neu errichtet hat. Die neugeschaffene Rabbinerstelle in der Großstadt ist dazu in den weitaus meisten Fällen kein wirkliches Amt mit einem seelsorgerischen Wirkungskreis, sondern nur — wie oben erwähnt — die eines Religionslehrers. So ist denn statistisch nachgewiesen, daß die Anzahl der Rabbiner in steter Abnahme begriffen ist. Diese bedauerliche Erscheinung könnte nur dadurch ausgeglichen werden, daß sich auch im Nachwuchs ein Zurückgehen der Zahl zeigte. Dem ist aber durchaus nicht so! Zunächst geschieht ja heute alles nur Erdenkbare, um einen möglichst zahlreichen Nachwuchs heranzuziehen. Deutschland besitzt drer Rabbinerschulen, als ältestes das Seminar in Breslau, wozu später, das orthodoxe Rabbinerseminar und die Hochschule in Berlin traten. Alle sind gut dotiert, allen werden jährlich große Stiftungen zugewendet. So erfreulich diese letztere Erscheinung an sich ist, so anerkennenswert sich dieses neuerwachte Interesse für die jüdische Wissenschaft und ihre Förderung darstellt, so unerfreulich ist die Nebenwirkung, die sich auf Zahl und Qualität der jungen, jüdischen Theologen erstreckt. Die verschiedenen Vorteile, die von den Anstalten gewährt werden, das völlig kostenlose Studium, die mannigfachen Stipendien verleiten eine viel zu große Anzahl junger Menschen, sich dem Studium zu widmen; abgesehen davon, daß diese Vergünstigungen auch Leute anlocken, welche sich ihrer religiösen Ueberzeugung und ihren ethischen Begriffen nach nicht immer eignen, ziehen sie ganze Generationen in ein Studium hinein, bei dem sie schließlich dem Hunger entgegengehen. Die jungen Studenten sehen immer nur die glänzenden Verhältnisse der Großstadtrabbiner und wissen noch nichts von dem Elend in der Provinz, von den trüben Zuständen der. Gegenwart und den noch traurigeren der Zukunft. (Schluß folgt ) Sriek aus Lorku. Korfu, 16. April 1910. ielleicht wird es die Leser Ihrer geschätzten Zeitung in* teressieren, etwas über unsere Glaubensgenossen auf der durch die Odyssee unsterblich gewordenen Insel der Nansikaa zu erfahren. Es sind keine geschichtlichen oder ethnographischen Studien, deren Ergebnisse ich Ihnen mitteilen will, sondern nur einige Reiseeindrücke ohne wissenschaftlichen Anstrich. Als wir vorgestern in Korfu ankamen, erfuhren wir, daß am folgenden Tage der König der Hellenen mit seinen Angehörigen erwartet wurde. Wir erlangten gestern ohne Schwierigkeit Zutritt zu der Landungsstelle, an welcher sich die Würdenträger des Bezirks' und die Konsuls der fremden Mächte in großer Uniform versammelten. Auch die Damen der Beamten und Offiziere hatten ihre Gatten begleitet. Ebenso waren einige Vereine mit Musikkorps und die Schuljugend in Parade aufgestellt. Zunächst an der Landungstreppe stand die Geistlichkeit. Voran der griechisch-orthodoxe Erzbischof, ein klug und freundlich blickender alter Herr, begleitet von einigen Popen; dann der römisch-katholische Erzbischof mit mehreren ' Ordensgeistlichen. . Ihnen zunächst neben dem schwarzgekleideten evangelischen Pfarrer ein schwarzbärtiger Geistlicher mittleren Alters im Talar mit breiter violetter Schärpe und einem weißen Spitzenbesatz über der Brust. Ich