Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Allerkennung und Verehrung zollte, die das Landverdiente, aus dem seine Väter entstammten. Ein treuer Jude, der, obgleich er die Formen nicht beobachtete, den väterlichen Glauben innig wahrte, und wenn es not tat, kräftig verteidigte. In seinen höheren Jahren sprach er häufig das melancholische Wort aus: „Ich habe weder Sohn noch Neffen. Mit mir geht die Dynastie der Orientalisten Derenbourg unter." Das Andenken an den Trefflichen soll mit seinem Tode nicht verlöschen. Ludwig Geiger. Lmmrnthal als Jude. Von Professor Dr. Adolf Biach-Brüx. re Veröffentlichung eines ungedruckten Briefes in einer der letzten Nummern Ihrer Zeitschrift, der von der Glaubenstreue des unvergeßlichen Sonnenthal Kunde gibt, veranlaßt mich, Ihnen einen ebenfalls bisher unveröffentlicht gebliebenen Brief zur Verfügung zu stellen, den Sonnenthal am 9. April 1906 au mich richtete. Der Brief selbst ist zwar nur ganz kurz, erhält aber dadurch an Bedeutung, daß er als Antwort auf einen spezifisch jüdischen populärwissenschaftlichen Vortrag: „Zur Erinnerung an den 700jährigen Todestag des jüdischen Geisteshelden M'ofts Maimonides" gegeben wurde. In der Einleitung zu jenem Vortrage (Vierte Auflage 1907, Verlag von Julius Ach in Brüx) bemerkte ich: „Ich bin der Anschauung, daß wir gewiß jeder auf sittlicher Basis ruhenden Religion Hochachtung entgegenbringen sollen; dies darf uns aber nicht hindern, die Vorzüge unserer eigenen Religion zu beleuchten. Leider wird so häufig die Inferiorität der jüdischen Religion behauptet, daß selbst die ei gen e n Glaubensgenossen dadurch in Verwirrung gebracht werden. Darum, glaube ich, ist es Pflicht, bei jeder passenden Gelegenheit, sei es auf der Kanzel, in der Schule oder in öffentlichen Vorträgen jene Pnnkte hervorzuheben, welche die Superiorität der jüdischen Religion — wohlverstanden der jüdischen Religion, nicht der Juden selbst — beweisen." Im Vortrage selbst beleuchtete ich an der Hand der Schriften des Maimonides und Mendelssohns die Vorzüge der jüdischen Religion. Nach kurzer Zeit schrieb mir Sonnenthal: Hochverehrtester Herr Professor! Für Ihre mir freundlichst übersandte Erinnerungsre.de, die mich ob ihres geistvollen, anregenden und belehrenden Inhalts in hohem Grade interessierte, sage ich Ihnen meinen herzlichsten Dank und erlaube mir zugleich als geringes Zeichen meiner Dankbarkeit eine Photographie meines „Nathan" beizulegen. Auf der Photographie selbst stehen die Worte: „Herrn Professor Dr. A. Biach in dankbarer Verehrung." Von einem Advokaten, der mit Sonnenthal verkehrte, erfuhr ich, daß man in den höchsten Kreisen Sonnenthal zur Taufe veranlaßen wollte, Sonnenthal aber ebenso höflich wie entschieden diese Zumutung zurückwies. Bekannt find die Worte Sonnenthals, in denen er noch vor seinem Tode in seinem Testament die Liebe zum Judentum kundgab: „Ich habe als Jude gelebt und. will als Jude begraben werden." Es war mir daher auch Herzensbedürfnis, diese Worte in meinem „Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur" (Leipzig. Gustav Engel, 1909, Ausgabe für Oesterreich) zu veröffentlichen, nicht bloß als Zeichen der Dankbarkeit gegen den unvergeßlichen Künstler, sondern auch zum Vorbilde für unsere studierende Jugend. Dir Lüge der preußischen Nsbbiner. Von Theologus. IV. Die Laufbahn des Rabbiners, egleiten wir einen Rabbiner auf feiner Bahn! Nehmen wir an, daß ein normal begabter, fleißiger Mensch seine Studien am Seminar vollendet hat und nun in das Leben hineintritt. Er erlangt, wie es sich für einen jungen Menschen geziemen mag, der die Erfahrungen der Praxis erst sammeln muß, eine Stellung in einer kleinen Gemeinde, wo er mit Eifer seine Pflicht erfüllt und Erfolge seiner Tätigkeit erblickt. Inzwischen ist eine geraume Zeit vergangen, er hat sich verheiratet, die Bedürfnisse werden mit jedem Tage größer. Seine kleine Gemeinde kann ihm auch beim besten Willen nicht Helsen, so sieht er sich vor die Notwendigkeit gestellt, sich nach einer anderen größeren Stellung umzusehen und sobald eine solche öffentlich ausgeschrieben wird, reicht er seine Meldung ein. Von welchen Umständen hängt es nun ab, ob er weitere Karriere machen kann? So wie er haben sich um dieselbe Stelle Dutzende von Rabbinern kleiner Gemeinden gemeldet, darunter Männer, die in der wissenschaftlichen Welt einen Ruf genießen, die geschickte Kanzelredner und fähige Pädagogen sind. Auch unser Kandidat möge über die obigen Fähigkeiten verfügen! Natürlich kann die Gemeinde nicht jeden der fünfzig Bewerber einer genaueren Prüfung unterziehen, und so sucht sie eine gewiffe Anzahl von ihnen aus, um dann eine engere Wahl treffen zu können. Nach welchen Gesichtspunkten geschieht diese Auslese? Es ist nicht nötig, viele Worte darüber zu machen. Verwandtschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen, persönliche Rücksichten jeder Art sind meistens, wenn nicht stets ausschlaggebend. während die sachlichen, das Wissen und das Können ziemlich immer Nebensache sind! Nachdem so hervorragende Kräfte einfach ausgeschaltet sind, weil ihnen die notwendigen Konnexionen fehlen, werden die Auserwählten zu einer Probepredigt berufen. Auf die Predigt nämlich beschränkt sich in den meisten Fällen die Untersuchung der wählenden Gemeinde, und an die sonstige praktische Tätigkeit wird kaum gedacht. Es ist ganz gleichgültig, was für ein Lehrer der Kandidat ist, ob er pädagogische Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt. Es ist ebenso gleichgültig, ob er außerhalb der Synagoge seinen Mann stellen kann, ob er für die vielen sozialen und politischen Aufgaben des Judentums Sinn und Eifer hat, ob er das notwendige Organisationstalent besitzt, um das vielgestaltige Vereinsleben geschickt und sicher zu lenken. Alles tritt zurück vor dem einen wichtigsten Kriterium: der Predigt! Nun soll ja ihre Wichtigkeit für das ganze jüdische Leben durchaus nicht bestritten werden, aber der Rabbiner von heute hat ebenso wichtige Aufgaben außerhalb der Synagoge! Es ist traurig genug, wenn ein junger Mensch, der gern Theologie studieren will, seine Entschließung allein davon abhängig macht, ob er gut „reden" kann oder nicht. Etwas anderes prüft er zunächst nicht, und es ist klar, daß eine nach diesem äußerlichen Gesichtspunkt getroffene Berufswahl nicht als besonders glückverheißend betrachtet werden kann. Denn ein guter Redner ist noch lange kein guter Rabbiner, und es gibt im Deutschen Reiche so manchen Geistlichen, dessen Vortrag von der Kanzel nicht sonderlich gefällt und der doch in der Arbeit für das Judentum, in der Schule, bei der sozialen Fürsorge, im politischen Leben, im rüstigen Schaffen für die