Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
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-— 196 - Nach den übereinstimmenden Aussagen der An gekommenen sind die Schikanen der russischen Behörden gegenüber den Juden im Gouvernement Kiew in letzter Zeit rücksichtsloser denn je. Namentlich die Minderbemittelten der jüdischen Bevölkerung haben unter der Brutalität der.Behörden namenlos zu leiden. Die Korruption feiert Orgien wie nie zuvor. Polizisten und höhere Funktionäre drohen mit Pogroms, falls ihnen die verlangten Summen nicht sofort gegeben werdn. Auch lichtscheues Gesindel treibt in den Judenvierteln unter den Augen der Polizei sein Unwesen. Bewaffnete Individuen gehen von Haus zu Haus und verlangen von den jüdischen Bewohnern Wertsachen oder Geschenke als „Andenken" vor der Abreise. Die „Czornia Sotnia“ feiert wieder ihre Auferstehung. Nicht weniger als 651 jüdische Familien sind vom » verneur angewiesen worden, am 28. d. M., also gerade am jüdischen Osterfeste, Kiew zu verlassen. Die Massenausweisungen erstrecken sich auf 2700 Personen, darunter auch auf solche, die bereits seit Dezennien in Kiew wohnten. In den Ausweisungsbefehlen ist ein Passus enthalten, der ausdrücklich besagt, daß selbst Kranke dem an sie ergangenen Ausweisungsbefehle unter allen Umständen spätestens am 28.April Folge leisten müssen. Hartwig Derenbourg. artwig Derenbourg wurde am 17. Juli 1844 in Paris geboren. Er entstammte einer Familie bedeutender Orientalisten. Sein Großvater, aus Dernburg bei Halberftadt gebürtig, hat eine hebräische Komödie verfaßt; sein unvergeßlicher Vater, Joseph Dernburg, 1811 bis 1895, der seinen deutschen Namen französierte, ein ausgezeichneter Hebräist, der speziell den Lesern unserer Zeitung durch die an dieser Stelle veröffentlichten Briefe Abraham Geigers an ihn, bekannt genug ist, siedelte nach Paris über. Hartwig besuchte die Schule in Paris, erlangte aber seine wissenschaftliche Ausbildung als Orientalist in Deutschland und zwar in Göttingen und Leipzig. Er erhielt einen akademischen Preis über eine Frage der arabischen Grammatik und erwarb das Doktorbt. Seit 1866 lebte er in Paris. Lange Zeit war er als Beamter an der Staatsbiblothek, einige Jahre auch als Leiter einer Buchhandlung, der Filiale des Baerschen Antiquariats zu Frankfurt a. M. tätig — er hatte sich mit der Tochter des Chefs des Frankfurter Stammhauses vermählt, mit der er viele Jahrzehnte in einer höchst glücklichen Ehe lebte, der freilich der Kindersegen fehlte — doch wirkte er schon fast seitdem er dauernden Aufenthalt in seinem Geburtsland genommen hatte, das ihm eine wahre Heimat war, als Lehrer, zuerst an der Sorbonne, dann an derEcole des hautes Etudes. 1875 wurde er Lehrer an der Spezialschule für lebende orientalische Sprachen, 1879 Professor daselbst, seit 1875 war er als Professor der emitischen Sprachen am israelitischen Seminar beschäftigt; 1885 ward er zum Professor an der Ecole pratique des hautes Etudes ernannt, im Jahre 1897 wurde er Ritter der Ehrenlegion, 1900 Mitglied des Instituts. Als Lehrer entwickelte er eine außerordentliche Wirksamkeit — ich habe selbst 1868 zu seinen Füßen gesessen, da er den Koran interpretierte — und beeinflußte durch die Fülle seiner Gelehrsamkeit, sein außerordentliches Lehrtalent und die unermüdliche Hilfsbereitschaft seines Wesens eine ganze Generation wackerer Schüler. Als Gelehrter und Schriftsteller entfaltete er eine staunenswerte Tätigkeit. Bändereiche Editionen arabischer Schriftsteller, aus schwer zu entziffernden Handschriften, kritische Untersuchungen französische Uebersetzungen wichtiger Texte, historische Darstellungen, dazu zahllose kleine Rezensionen und Miszellen folgten inf rascher Weise aufeinander; außerordentliche Beweise einer stupenden Gelehrsamkeit, sicherer Forschungsmethode, sorgfältig künstlerisch geseilten Stils. Die Zahl seiner wissenschaftlichen Veröffentlichungen beträgt 172. Er hatte Zeit und Muße, sich den allgemeinen großen Angelegenheiten zu widmen; er war z. B. einer der Herausgeber der großen Enzyklopädie (31 Bände). Mit besonderer Teilnahme verfolgte er jüdische Dinge. Wie er ein Mitglied des auswärtigen Beirats der großen Jewish Encyclopaedy war, so war er ein nicht minder tätiges des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle, des Rates der Societe des Etudes juives, Vizepräsident des Verwaltungsrates der jüdischen Arbeiter. Allen Gesellschaften, deren Mitglied er war, lieh er aber nicht nur seinen Namen, sondern widmete ihnen seine eifrige fördernde Tätigkeit. Am 12. April 1908 starb er im Alter von 64 Jahre. Er entschlief friedlich, ohne vorhergehende Krankheit. Sein Leben war der Arbeit gewidmet. Er kannte keine rauschenden Freuden und hatte, so gastlich sein Haus war, an bloßer Geselligkeit keine Lust. Nur Reisen unternahm er gern, verwandte aber seinen Aufenthalt in fremden Ländern, namentlich Spanien, nicht nur zur Erholung, auch nicht bloß zur Erweiterung feiner Kenntnisse, zur Anknüpfung mit vielen Menschen, sondern zu fleißiger fruchtbringender Arbeit. Er war kein trockener Gelehrter. Wie für die Natur, so hatte er auch ein offenes Auge für die bildende Kunst und ein ungewöhnliches Interesse für die Musik. In seiner Jugend war er ein eifriger Wagnerianer. Ich erinnere mich, wie ich in seiner Gesellschaft vor 42 Jahren die erste Aufführung von Rienzi in Paris miterlebte. Er war ständiger Gast der Kammerabende und der klassischen Konzerte seiner Vaterstadt. Er war ein trefflicher Gatte und ein pietätvoller Sohn. Ich habe ihn noch im Verkehr mit seiner kränkelnden stillen, aber tief angelegten Mutter gesehen; dem trefflichen Vater, seinem Fach- und Arbeitsgenossen widmete er die innigste Pietät und Herzlichkeit, die dieser mit väterlicher Liebe vergalt. Ich erfreute mich vierzig Jahre lang der Freundschaft Hartwig Derenbourgs. Obgleich er, als ich in meinen Jünglingsjahren nach Paris kam, unsicher meines Weges, ein fertiger Mann war, schloß er sich echt kameradschaftlich an mich an und bewahrte mir seine Treue bis an sein Lebensende. Wir schrieben uns nicht oft — außer daß wir einander regelmäßig Drucksachen zusendeten — aber wir waren unser sicher. Ein guter Mensch, ein tüchtiger, tief eindringender Forscher, ein begeisterter Franzose, der aber auch Deutschland die Hartwig Derenbourg.