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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-04-29 · Heft 17 (29.4.1910) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 17 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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195 Das zionistische engere Aktionskomitee verbreitet folgenden Bericht, den wir ohne Kommentar wiedergeben: Das Komitee faßte in seiner Sitzung (Köln am 10. und 11. April) folgende Beschlüsse: 1. An den Jüdischen Nationalfonds mit dem Ersuchen beranzutreten, sich an den vom F. A: C. geplanten größeren Unternehmungen im Rahmen seiner Befugnisse zu beteiligen. 2. Aus den Mitteln der Davide und Fanny-Wolffsohn Stiftung mit dem Bau von zunächst 15 Arbeiterhäusern, die über einige jüdische Kolonien verteilt werden sollen, sofort zu beginnen und den Ban anderer Arbeiterhäuser mit dem J. N. F. zusammen vorzubereiten. 3 Das Museum des Bezalel auszugestalten und die nötigen Schritte zur Bildung eines Museumsvereins zu unternehmen. 4. Für die Zentralisation und einheitliche Organisation der Propaganda und Geldsammlungen für die verschiedenen bestehenden Palästinaunternehmungen einen Plan anszuarbeiten. 5. Die Jahreskonferenz für den 27. und 28. Juni d. I: nach Berlin einzuberusen. Herr Professor Marburg erstattete Bericht über den Stand der Vorbereitungsarbeiten für das Mikrobiologische Institut und teilte mit, daß eine Organisation jüdischer Aerzte für die Mitarbeit an demselben in Bildung begriffen ist. lieber die Lage des Zionismus in einigen Ländern fanden eingehende Beratungen statt. Die innern Verhältnisse der Organisation wurden ausführlich besprochen und eine Reihe hierauf bezüglicher Beschlüsse gefaßt. Die Annahme dieser sowie aller übrigen.im Laufe der Sitzung gefaßten Beschlüsse erfolgte einstimmig. Von den besprochenen Angelegenheiten sei auch das von dem Berliner Nationalökonomen Franz Oppenheimer ausgearbeitete Projekt einer Siedlungsgenossenschaft erwähnt. Franz Oppenheimer leitet selbst die Vorarbeiten in Palästina, wo er Ende März eingetroffen ist. Nach seiner Rückkehr soll die Agitation zur Aufbringung des vom Hamburger Zionistenkongreß beschlossenen Betrages von 100 000 Francs mit aller Energie geführt werden. Die Berichte - über die finanziellen Institutionen der Bewegung heben sämtlich das günstige Gedeihen derselben hervor. Der Jewish Colonial Trust mit dem Sitze in London bringt für das abgelaufene Geschäftsjahr den Reingewinn von 6386 Pfund zur Verteilung. Die Anglo Palestine Cy., das finanzielle Instrument der Bewegung im Orient, die ihren Sitz in Jaffa hat und im Laufe der letzten Jahre in Jerusalem, Haifa, Hebron und Behrut Filialen eröffnete, verteilt für das Jahr 1908/09 4'/« Prozent Dividende. Die Entwicklung der Anglo Levantine Banking Cy. in Konstantinopel vollzieht sich in steigender Richtung. * Die „N. I. K." bringt einen Artikel „Das polnische Manifest über die Juden frage", in dem sie sich sehr gegen die „polnische Progressistenvereinigung" ereifert. Wir vermögen, so fern uns auch die polnischen Verhältnisse liegen, diesen Eiser nicht zu teilen, sondern finden in der Erklärung der Vereinigung, der christliche und jüdische Polen angehören, sehr viel Beherzigenswertes, das unseren Ansichten entspricht. Aus Gründen der Unparteilichkeit lassen wir aber der Erklärung der Progressistenvereinigung auch die Gegenerklärung der jüdisch-polnischen Blätter folgen: 1. Die „Polnische Progressistenvereinigung" betrachtet die Juden nicht als ein besonderes Volk, sondern Tlls eine konfessionelle Gruppe, deren einzigen Weg zum Verlassen des Ghettos und zur Erlangung der europäischen Kultur und. was daraus folgt, zur tatsächlichen Gleichberechtigung im privaten und sozialen Leben die politische und kulturelle Assimilation bildet Ter „Jargon" kann nicht als eine nationale Sprache angesehen werden. 2. Die politische Assimilierung der polnischen Juden, die in der Solidarisierung und tatsächlichen Förderung der politischen Bestrebungen des polnischen Volkes besteht, wofür übrigens nicht nur einzelne Individuen, sondern in vielen Fällen die jüdische Masse bereits Beweise geliefert hatte, ist die notwendigste Bedingung eines friedlichen Zusammenlebens der Polen mit den Juden. Es ist dies eine Pflicht der polnischen, ebenso wie der jüdischen Gesellschaft, diejenigen jüdischen Gruppen, die die Prinzipien des national-jüdischen Egoismus propagieren, im Namen des nationalpolnischen Egoismus energisch zu bekämpfen. Die polonisierten Juden betrachten wir als Mitbrüder, diejenigen, — die sich ab sondern. — als ein fremdes Element, in manchen Beziehungen und unter manchen Umständen — als Feinde. 3. Die kulturelle Assimilation, die in dem Erlernen und Liebgewinnen der polnischen Sprache und der polnischen Institutionen besteht, kann und soll nur mit kulturellen Mitteln geführt werden, so durch Hebung der polnischen Kultur, durch Förderung und Verbreitung der polnischen Sprache unter den Juden und hauptsächlich durch für polnische und jüdische Kinder gemeinsame Elementarschulen. 4. Die .»Polnische Progressistenvereinigung", die auf der Gewissenssreiheit und Gleichberechtigung aller Konfessionen basiert, betrachtet es im Landesinteresse als notwendig, die unter den Juden aufkommenden Befreiungsversnche aus den Fesseln des Fanatismus, des Aberglaubens (man fühlt sich ordentlich im Mittelalter!!) und antisozialen Vorurteile, welche die bürgerliche Einigkeit verhindern, zu unterstützen. 5. Es ist notwendig, sich zu bemühen, unabhängig von den Mitteln, die von der polnischen Bevölkerung angewandt werden, die jüdische Not zu vermindern durch Erleichterung der Emigrationsbedingungen für senen Teil der Bevölkerung, welcher aller Lebensmittel beraubt ist, durch die ökonomische Entwicklung des Landes und durch Bemühungen um die Abschaffung des Ansiedlungsrayons. 6. Unabhängig von allen theoretischen Konklusionen und künstlichen, politisch-sozialen Konstruktionen, die der jüdische Nationalis. mus geschaffen hat, finden wir, daß das polnische Volk niemals eine Teilung seines Territoriums und seiner Organisation zwischen zwei gleichberechtigten Teilinhabern — zulassen wird, und daß es zur Bekämpfung derartiger Bestrebungen immer die nötige Kraft besitzen wird. Dieses.Manifest des „Polnischen Progressistenvereins" ist nicht ohne Erwiderung geblieben. Nach einer Beratung mit den Vertretern verschiedener jüdischen Gruppen haben die vier in Warschau erscheinenden Jargonblätter folgende Erklärung abgedruckt: 1. Wir protestieren aufs schärfste gegen die Beschuldigung gewisser jüdischer Gruppen, daß sie in irgendwelchen Hinsichten oder Beziehungen dem polnischen Volke feindlich gegenüberstehen. Solche Gruppen existieren überhaupt nicht. Jeder ehrlich denkende Nationaljude hat Interesse an der Entwicklung und Ausblühung Polens und der polnischen Kultur und wird sich niemals gegen die-Interessen des polnischen Volkes stellen. 2. Der jüdische Nationalismus ist zuerst ein kultureller;' nur im jüdischen Nationalismus und auf Grund der jüdischen Sprache sehen wir eine Möglichkeit, die jüdische Masse zu entwickeln und die Kraft unseres alten Stammes zu erhalten. 3. Der jüdische Nationalismus hat keine aggressiven Bestrebungen, und all die Redereien über das Ansichreißen polnischer Erde oder schlechte Verteilung zwischen zwei Völkern sind nichts mehr als Verleumdungen. 4. Wir sind überzeugt, daß nur die Anerkennung der bürgerlichen und national-kulturellen Rechte des jüdischen Volkes aus den polnischen Juden ehrliche Mithelfer bei dem Aufblühen und der friedlichen Entwicklung Polens machen kann. 5. Wir glauben an die innere Kraft des jüdischen Volkes, das schon so viele Prüfungen in seiner langen Geschichte durchgemacht hat, daß keinerlei Drohungen es vom geraden Wege abführen und den natürlichen Gang der sriedlichgestimmten, selbsterhaltenden nationalen Entwicklung stören werden. lieber die Masse nausweisung der Juden aus Kiew wird der „Oesterreichischen Wochenschrift" aus Podwoloczyska berichtet: Mit jedem Zuge treffen zahlreiche jüdische Familien, deren Aus. Weisung aus Kiew verfügt wurde, hier ein. Die Mehrzahl derselben reisen nach Lemberg und Krakau, wo sie sich teils dauernd niederlassen, teils bloß bis nach dem Passahsest aufhalten wollen.

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