Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 17 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Sir Woche. / Berlin, 26.,April. ' Tn der wichtigen Frage ver Zentralisation der Wanderarmenfürsorge-Bestrebungen ist man, We^ wiH aus zuverlässiger Quelle erfahren, erfreulicherweise einen wesentlichen schritt vorwärts gekommen, so daß der Zusammenschluß der deutschen Juden in dieser einen Frage wenigstens fast mit Bestimmtheit zu erwarten ist. Wohl sind die Vorbereitungen für die Gesamtorgänisation der Wanderarmenfürsorge noch nicht überall völlig zum Abschluß gelangt, doch sind sie bereits so weit vorgeschritten, daß die kompetente Stelle iü Berlin, nämlich die Zentralkommission, die definitive Konstituierung der geplanten Gesamtorganisation in einer großen Versammlung zu Berlin für den Monat Juni in Aussicht genommen hat. Ueber den Stand der Angelegenheit unterrichten die folgenden Daten: . Zu den seit langen Jahren segensreich wirkenden Kassenverbäuden mit dem Sitz in Bochum und Fürth-Nürnberg sind folgende Provinzialbezw. Landeskasfen hinzugekommen: für Rheinland und Birkenfeld: Sitz Köln, für Mittel« und Niederschlesien: Sitz Breslau, Regierungsbezirk Posen: Sitz Posen, Hamburg und die angrenzenden Gebiete: Sitz Hamburg, Königreich Sachsen: Sitz Leipzig, Königreich Württemberg: Sitz Stuttgart, Provinz Hannover mit Braunfchweig: Sitz Hannover, Bremen und die angrenzenden hannoverschen Bezirke Osnabrück und Aurich: Sitz Bremen, Provinz Sachsen und Thüringen: Sitz Magdeburg. Berlin hat sich bereits auf der Dezember-Konferenz als eigene Provinzialkasse angemeldet. — Besonders vorgeschritten ist die Organisationsfrage aber im Rheinland, in Hannover und der Provinz Sachsen, wo die angeschlossenen Gemeinden beziehungsweise Ortskassen unter Gewährung namhafter Beiträge an die Provinzialkasse den Anschluß an die Zentralkonimission ausdrücklich beschlossen haben und ihr ein Fünftel des gesamten Etats der in dem Bezirke für die Wanderarmen-Unterstützung Aufgebrachten Summe zuwenden werden. — In Angriff genommen, aber noch nicht abgeschlossen ist die Kassenbcgründung für Ost- und Westpreußen, : für Pommern, den Regierungsbezirk Kassel, Unterfrgnken und Schwaben mit dem Sitz in Würzbürg und Elsaß- Lothringen. — Mehrfach hervorgetreten ist der Wunsch nach einer süddeutschen Sonderorganisation, die mit der Zentralkommission Hand in Hand arbeiten soll. Letztere hat beschlossen, diesem Plan nicht entgegen zu sein, obgleich sie voraussieht, daß damit eine Komplikation des bureaukratischen Verwaltungsapparates und Vermehrung der Kosten verbunden sein dürste. Folgende Mitteilungen dürften noch interessieren: Der „Hilfsverein der deutschen Juden" hat der provisorischen Zentralkommission seine Grenzbureaus für seine Spezialausgabe „Beschränkung des Wanderbettels" definitiv zur Verfügung gestellt. Ferner hat der „Hilfsverein" zu den der Zentralkommission erwachsenden Verwaltungskosten 1500 Mark bewilligt. Der „Deutsch- Israelitische Gemeinde-Bund" hat für den gleichen Zweck 1000 Mark angewiesen. Entsprechende Bewilligungen sind auch von der Alliance und der Großloge für die nächste Zeit zu erwarten/ Die provisorische Zentralkommission und eine von ihr eingesetzte Subkommission haben ferner eine Reihe von Schriftstücken: Statuten, Instruktionen und Aufrufe ausgearbeitet,- die bestimmt sind, den ferneren organisatorischem Arbeiten die Richtung anzuweisen. Wie aus diesen Informationen ersichtlich, ist die berechtigte Hoffnung Vorhänden, daß ein Werk, welches seit der Begründung des. Deutsch - Israelitischen Gemeinde-Bundes, also seit mehr als. 40, Jahren die. deutsche Judenheit beschäftigt, endlich zu einer definitiven Lösung gelangen wird.. Hier haben wir endlich nicht mehr Mit theoretischen. Vorschlägen, sondern mit gesunden Praktischen Daten zu tun. Es bleibt zu wünschen, daß> die. noch ausstehenden Landesteile die Vorarbeiten möglichst beschleunigen, damit die gesamte Organisation ihre Wirksamkeit Mitte des Jahres beginnen kann. & Es. ist sehr unerquicklich, sich mit antisemitischen B lättern zu beschäftigen und im allgemeinen vermeiden, wir es daher, die kleinen und großen immer wiederkehrenden Anrempelungen solcher Organe an dieser Stelle zu buchen. Heute machen wir/eine Ausnahme; Die „Deutsche Tageszeitung" brachte kürzlich einen großen Artikel „Juda vor die Front". Nach manchem anderen geht der Aufsatz auch aus den Anspruch der Juden ein, im Heere eine höhere Stellung einzunehmen und weist solche Forderung zurück mit Hinweis erstens auf das Kol-Nidre- Gebet, das im Falle des Ausbruchs einer Revolution sie in schweren Konflikt mit ihrem Glauben brächte.(Ü) Zweitens die Heilig Haltung des Sabbath, die den Juden eine Osfiziersstellungunmöglich machte, drittens die Speisegesetze, die der Heeresleitung die Einrichtung eines koscheren Mittagstisches auferlegen würde, viertens die mehrtausendjährige Ueberlieferung, die der Friderizianischen durchaus entgegengesetzt sei. Punkt zwei und drei sind so abgeschmackt, daß nicht ernst darauf eingegangen zu werden braucht, an Erfüllung seiner Bürgerpflichten hat sich noch kein Jude durch seine religiösen Vorschriften hindern lassen. Punkt vier ist eine unklare Redensart, Punkt eins ein aus absichtlichem Mißverständnis hervorgegangener frivoler Vorwurf. Wenn der Verfasser seinen Artikel dann spöttisch mit Hinweis ans jüdisAe Regimenter schließt, denen man die Namen: Süß Oppenheimer und Lippöld geben könnte, so richtet er sich durch solche törichten Witzeleien selbst; es gibt jüdische Namen genug, die ebenso rein und blank sind, wie mancher Adelsschild. Die „Frankfurter Zeitung" brachte jüngst einen Artikel über die „zionistische Bewegung", der gerade, weil er in einem ernsten Tageblatte steht, wert ist. hier reproduziert zu werden. Er lautet so: „Unsere eigene Meinung haben wir wiederholt zum Ausdruck gebracht. Wir haben uns namentlich gegen die Idee eines jüdischen Nationalstaates gewandt, welche die Emanzipationsbewegung nur stören und durch die Zusammenwerfung des religiösen Moments mit einem nationalen nur Unheil anrichten würde. Ein gemeinsames nationales Judentum gibt es nicht mehr. Die Juden der verschiedenen Länder sind in ihrer Eigenart durchaus verschieden, und es würde verhängnisvoll sein, hier nun nationale Zusammenhänge zwischen kulturell und der ganzen Anschauungsweise nach gar nicht homogenen Gruppen schaffen zu wollen, die nur die Religion und eine weit zurückliegende historische Ueberlieferung gemeinsam haben. Das würde auch nur dem Antisemitismus willkommene Angriffspunkte bieten. Es ist durchaus falsch, daß die Juden aller Länder eine annähernd einheitliche Nation bilden. Im zionistischen Lager besteht eben noch keine volle Klarheit; fast jeder versteht etwas anderes unter der Bewegung. Wenn nur an eine wirtschaftspolitische Hilfsaktion für die verfolgten Juden gedacht wird, ohne alles nationale Beiwerk, so wäre das eine Aufgabe, die sich nicht auf ein bestimmtes Landgebiet und eine einseitige Aufgabe beschränken dürfte. Wie die Dinge jetzt liegen, ist trotz der einlenkenden Hamburger Beschlüsse durch die frühere Schuld der Führer ein Mißtrauen erregt worden, das auch den rein wirtschaftlichen Bestrebungen hinderlich ist. Wir ersehen das aus einer Mitteilung der zionistischen Zeitschrift „Die Welt" über einc- Unterredung mit dem jungtürkischen Führer Nasim-Bei, worin dieser sagte, daß die Zionisten die türkische Masse erschreckten, daß die Türken stets selbst die Gegenden für die Einwanderung auswählen würden und nicht in Unterhandlungen eintreten würden, wo die Zionisten als Nationalität mit fertigen Forderungen nach Palästina kommen wollten. Im Gegensatz dazu sprach. sich Nasim-Bei anerkennend über die ^.llisnee Israälite aus, deren Kolonisten man ansiedeln werde. „Die Welt" sieht darin Treibereien der Alliance, aber ohne einen Beweis dafür. Jedenfalls hat der Zionismus mit diesen praktischen Schwierigkeiten zu rechnen. *